Fachkräftemangel

"Der Lehrermarkt ist leergefegt"

Michael Wüstenberg, Leiter des Lessing-Gymnasiums in Wedding, kann nur hoffen, dass in seinem Kollegium niemand mehr krank wird. "Es sind einfach keine Vertretungslehrer mehr zu finden, die ihr zweites Staatsexamen abgeschlossen haben", sagt er.

Wie Wüstenberg geht es derzeit vielen Schulleitern in Berlin. Bei der Suche nach Fachkräften konkurriert die Hauptstadt mit allen anderen Bundesländern, denn der Fachlehrermangel ist ein bundesweites Problem. Aus diesem Grund wird auch in den Koalitionsgesprächen über eine bessere Personalausstattung der Schulen diskutiert. Am heutigen Freitag werden SPD und CDU darüber verhandeln, ob Berlin seine Pädagogen nicht doch wieder verbeamten sollte. 2003 war die Übernahme der Lehrer in den Beamtenstatus abgeschafft worden. Seitdem haben vor allem junge, gut ausgebildete Pädagogen die Hauptstadt verlassen, weil sie in anderen Bundesländern sofort Beamte werden und damit deutlich besser verdienen.

Quereinsteiger, Studenten

Nach Informationen der Berliner Morgenpost hat sich das Problem inzwischen zugespitzt. So konnten in Neukölln von 75 neu eingestellten Lehrern lediglich 35 eine entsprechende fachliche Qualifikation nachweisen. Die restlichen 40 waren Quereinsteiger, Vertretungskräfte oder Studenten mit dem ersten Staatsexamen. Torsten Ulrich von der Initiative "Verbeamtung jetzt" bringt die Lage auf den Punkt: "Der Bewerbermarkt ist leer", sagt der junge Pädagoge.

Am Lessing-Gymnasium musste Schulleiter Wüstenberg wochenlang nach einem Biologie-Lehrer suchen. Doch für die schwangere Kollegin war kein vollwertiger Ersatz zu finden. "Ich kann schon froh sein, dass ich überhaupt jemanden einstellen konnte." Jetzt unterrichtet ein Lehramtsanwärter ohne Referendariat in Biologie. Zwar hatte Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) Anfang des Jahres durchgesetzt, dass jeder dauerkranke Lehrer umgehend von den Schulen ersetzt werden kann. Doch das bleibt wirkungslos, weil einfach keine Pädagogen mehr zur Verfügung stehen. Auch wenn zum zweiten Halbjahr wieder etwa 450 Referendare fertig werden, ist unklar, wie viele von ihnen in Berlin bleiben. "Wer flexibel ist, geht weg", sagt Wüstenberg - die meisten zieht es nach Hamburg oder Brandenburg.

Ralf Treptow, Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren, kann das nur bestätigen. "Wir müssen wieder verbeamten", fordert er. Anders seien qualifizierte Lehrkräfte für Berlin weder zu halten, noch zu gewinnen. Schon bald komme zudem eine große Pensionierungswelle auf die Hauptstadt zu. Das verschärfe die aktuellen Probleme noch. Der Schulleiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in Pankow warnt vor Wettbewerbsnachteilen für Berlin. "Solange die Mehrheit der Bundesländer Lehrer verbeamtet, darf Berlin keinen Sonderweg gehen", sagt er. Es sei einfach falsch, junge Lehrer mit glänzenden Abschlussnoten einfach ziehen zu lassen und ihnen womöglich noch hinterherzurufen, dass man sie gar nicht haben wolle, wenn es ihnen nur um ihren Verdienst gehe. "Eine solche Haltung können wir uns auf keinen Fall leisten", sagt Treptow.

Torsten Ulrich von der Initiative "Verbeamtung jetzt" betont, dass es schon lange kein Thema mehr ist, ob Berlin genug Geld für die Einstellung von Lehrern hat oder nicht. Das Problem sei vielmehr, dass es niemanden mehr gebe, den man einstellen könne. "In den meisten Teilen Berlins ist es auch zum jetzigen Zeitpunkt nicht gelungen, ausreichend fertig ausgebildete Lehrkräfte einzustellen", sagt Ulrich. Ein erheblicher Teil der Stellen hätte lediglich befristet an Vertretungslehrkräfte vergeben werden können. "Berlin ist aber nicht Rudis Reste-Rampe." Schüler wie Kollegien hätten vielmehr gut ausgebildete und motivierte Lehrkräfte mit einer dauerhaften Perspektive verdient.

Deutschlehrer unterrichtet Biologie

Die Heinz-Brandt-Sekundarschule hat noch zwei Lehrerstellen für Mathe und Naturwissenschaften zu besetzen. Doch das passende Personal ist nicht zu finden. Auch Quereinsteiger gebe es keine, so die Konrektorin Daniela Strezinski. Das Problem sei hier vor allem die schlechte Bezahlung.

An der Kepler-Sekundarschule in Neukölln hat der Schulleiter nach wochenlanger vergeblicher Suche nach einem Lehrer für Naturwissenschaften und Sport in seiner Verzweiflung nun einen Deutsch-Lehrer eingestellt. "So müssen wenigstens keine Unterrichtsstunden ausfallen", sagt Schulleiter Wolfgang Lüdtke.

Auch viele Grundschulen haben Schwierigkeiten. Die Heinrich-Seidel-Schule in Wedding braucht zum Beispiel dringend einen Englischlehrer. Schulleiterin Cornelia Flader sagt, dass sie zwar eine Stelle bewilligt bekommen habe, diese aber nicht fachgerecht besetzen könne. Flader sucht bereits seit Wochen erfolglos nach einer Verstärkung für ihr Kollegium. "Abgesehen davon, dass der Unterricht nicht fachgerecht erteilt werden kann, kostet mich diese Suche viel Arbeit." Am Ende sei sie jedes Mal frustriert, weil sie einfach nicht weiterkomme, sagt die Schulleiterin.

Dabei war gerade Bildungssenator Zöllner 2006 mit dem Versprechen angetreten, den Unterrichtsausfall und den Personalmangel an den Schulen zu senken. Eine seiner wichtigsten Neuerungen war die sogenannte Lehrerfeuerwehr. Die Schulleiter sollten mit einem eigenen Budget jederzeit auf einen Pool von Vertretungslehrern zurückgreifen können. Die Eigenständigkeit wurde zunächst begrüßt, doch bald stellte sich heraus, dass die Maßnahme ins Leere lief.

Zöllner hatte den Fachkräftemangel unterschätzt. Die befristeten Arbeitsverträge für die Vertretungskräfte sind für ausgebildete Pädagogen nicht attraktiv. Andere Bundesländer werben schließlich mit einer Verbeamtung auf Lebenszeit. "Heute sind in dem Pool allenfalls Lehramtsanwärter zu finden, die mit den Vertretungsstunden ihre Wartezeit auf ein Referendariat überbrücken", sagt Dieter Haase vom Gesamtpersonalrat.

Die Lehrergewerkschaft GEW fordert auch bessere Arbeitsbedingungen für ältere Kollegen. Berlin könne sich einen weiteren Anstieg der Zahl der Dauerkranken nicht leisten, so Sigrid Baumgardt, Vorsitzende der GEW. Um die Gesundheit der Kollegen zu schützen, sollte die Zahl der Pflichtunterrichtsstunden für Lehrer über 55 Jahren heruntergesetzt werden. Die Anzahl der langzeiterkrankten Lehrer ist nach Angaben der Gewerkschaft allein in den vergangenen drei Jahren von 1074 auf 1281 gestiegen.

Der Vorsitzende des Landeselternausschusses Günter Peiritsch fordert eine bundesweite Regelung, was die Verbeamtung angeht. Der Konkurrenzkampf unter den Ländern müsse endlich aufhören. "Das belastet die Schulen, die ohnehin genug Probleme haben, nur noch zusätzlich", sagt Peiritsch.