Rotschwarz

Jahrgangsmischung darf nicht verordnet werden

Jörg Ramseger, Bildungsforscher an der Freien Universität, hat mit seinem Team mehrfach untersucht, wie das jahrgangsübergreifende Lernen (Jül) an Berliner Grundschulen funktioniert. Regina Köhler sprach mit ihm darüber, wovon der Erfolg dieser Unterrichtsmethode abhängt.

Berliner Morgenpost: Herr Ramseger, sollte Jül künftig freiwillig gemacht werden oder nicht?

Jörg Ramseger: Ich bin davon überzeugt, dass man in der Pädagogik nichts erzwingen kann, weder von Kindern, noch von Lehrern. Zwang führt nur zu Widerstand. Jül macht bei den Lehrern ein komplettes Umdenken in Bezug auf die soziale Organisation des Lernens in der Schule erforderlich. Das ist nicht leicht und kann nicht verordnet werden. Ich habe deshalb bereits 2004 empfohlen, den Schulen die Jahrgangsmischung zu ermöglichen, sie aber nicht verbindlich zu machen.

Berliner Morgenpost: Was sind die Vorteile von Jül?

Jörg Ramseger: Die Grundidee dieser Unterrichtsform besteht darin, die Lernangebote den Schülern nicht nach ihrem Geburtsjahrgang, sondern nach ihrem individuellen fachspezifischen Entwicklungsniveau zuzuteilen. Dabei können die Kinder in verschiedenen Fächern auf unterschiedlichem Niveau arbeiten. In gewissen Abständen müssen sie den Lerngruppen neu zugeteilt werden, weil sich ihr Leistungsniveau ständig ändert. Jül heißt auch, dass ältere Kinder den jüngeren helfen und umgekehrt. Dieses Helfen der Kinder untereinander entlastet den Lehrer und schafft ihm mehr Zeit für die Betreuung einzelner Kinder.

Berliner Morgenpost: Gerade der letzte Aspekt ruft bei Eltern Bedenken hervor. Sie haben Angst, dass ihre Kinder als Hilfslehrer ausgenutzt werden könnten.

Jörg Ramseger: Die Kultur des Helfens darf natürlich nicht auf der Ausbeutung der älteren Schüler beruhen. Und es ist ja durchaus auch so, dass schnell lernende jüngere Kinder den älteren helfen. Der positive Effekt: Beim Helfen und Erklären festigen die Helfer ihr Wissen.

Berliner Morgenpost: Einige Schulen mischen die Jahrgänge eins bis drei. Ist das besser?

Jörg Ramseger: Es war ein Fehler, die Jahrgangsmischung auf zwei Jahrgänge zu beschränken. So rotiert zu jedem Schuljahrswechsel die Hälfte der Klasse. Das bringt viel Unruhe ins System. Mischt man eins bis drei, bleiben jeweils Zweidrittel der Kinder, die schon wissen wo es lang geht, in der Gruppe. Der Lehrer wird entlastet. Außerdem ist es für die soziale Entwicklung der Kinder günstig, dass sie innerhalb der Gruppe drei verschiedene Rollen einnehmen können, die des kleinen, des mittleren und des großen Kindes.

Berliner Morgenpost: Brauchen wir für Jül andere Lehrer?

Jörg Ramseger: Nein. Ältere Kollegen haben es sogar einfacher als Berufsanfänger. Sie wissen meist genau, was die Kinder normalerweise in der ersten, zweiten und dritten Klasse schon können und haben meist eine hohe diagnostische Kompetenz. Das sind wichtige Voraussetzungen für das Gelingen von Jül. Mit Blick auf die jungen Kollegen ist festzustellen, dass mit dem Lehrerbildungsgesetz von 2004 die Qualität der Lehrerbildung stark zurückgeschraubt wurde. Die Ausbildung von Grundschullehrern wurde um zwei Jahre gekürzt. Ich hoffe, dass die nächste Regierung das korrigiert.

Berliner Morgenpost: 67 Schulen werden Jül nicht anbieten. Ist die Grundschulreform gescheitert?

Jörg Ramseger: Nein. Die Mehrheit der Schulen macht Jül. Der nächste Bildungssenator sollte aber externe Fachleute damit beauftragen, zu untersuchen, wie die 67 Alternativkonzepte funktionieren. Vielleicht gibt es noch andere erfolgreiche Differenzierungskonzepte. Momentan halte ich Jül aber für das überzeugendste Konzept zur individuellen Förderung jedes einzelnen Schülers.