Hermann-Sander-Grundschule

Wenn die Lehrerin für die Schulanfänger das einzige Sprachvorbild ist

Lehrerin Ulrike Töpelmann steht vor der Klasse, zeigt auf das "Rechenhaus" an der Tafel und liest die erste Aufgabe vor. Viele Hände fliegen hoch, doch die Lehrerin fragt diesmal die schüchterne Joana. Sie wurde im August mit fünf Jahren eingeschult und gehört zu den jüngsten in der Klasse. Joana flüstert die richtige Antwort, dann schreiben alle die genannte Zahl gleichzeitig in ihr Heft.

In Mathe und Deutsch lernen die Kinder der Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln getrennt nach Altersstufe. Schritt für Schritt werden sie dabei von der Lehrerin an die Hand genommen. In den anderen Fächern hat die Schule vor einem Jahr widerwillig die Jahrgangsmischung eingeführt. Ab dem kommenden Jahr sollen in einer Klasse wieder nur noch Kinder einer Altersstufe sitzen. Nachdem Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), den Schulen ermöglicht hatte, von dem bis dahin verpflichtenden jahrgangsübergreifenden Lernen abzuweichen, hat die Schule nicht lange gezögert und einen entsprechenden Antrag gestellt.

"Wenn meine Kinder selbstständig eine Aufgabe erarbeiten sollen, sind sie überfordert", sagt die Lehrerin. Viele seien es von zu Hause nicht gewohnt, Aufgaben zu erhalten, die sie allein bewältigen müssen. An der Neuköllner Schule sind 95 Prozent der Kinder aus Migrantenfamilien. Davon kommen viele Lernanfänger mit Sprachschwierigkeiten. Immer wieder fordert Ulrike Töpelmann die Kinder auf, den ganzen Satz richtig nachzusprechen. Sie ist für die Kinder das einzige Sprachvorbild.

"Kinder brauchen feste Strukturen"

Der sechsjährige Riat ist begeistert bei der Sache. Noch lieber als rechnen spielt er in der Schule "Mensch ärgere dich nicht", sagt er. Riat möchte möglichst schnell Schreibschrift lernen. "Und wenn ich groß bin, will ich Wrestling machen", sagt der schmächtige Erstklässler. Dafür wolle er hart trainieren. Sein gleichaltriger Mitschüler Tyron hat noch Schwierigkeiten seinen eigenen Namen in Druckschrift zu schreiben. Er will gern Fußballspieler werden.

"Die Unterschiede sind schon unter den Lernanfängern sehr groß", sagt die Lehrerin. Differenzieren müsse sie auch ohne Jahrgangsmischung. Dass der Schüler, der schneller fertig ist, dem Banknachbarn hilft sei selbstverständlich. Die Schüler der Neuköllner Grundschule wachsen meist in Familien mit mehreren Kindern auf. Das sei eine ganz andere Situation als in den Bezirken, in denen vorrangig Ein-Kind-Familien leben. Die älteren Geschwister müssten ohnehin oft zu Hause Verantwortung für die Jüngeren übernehmen, da seien sie froh, wenn sie in der Schule mal etwas für sich machen könnten", sagt Ulrike Töpelmann. Im Unterricht seien sie sehr dankbar über die persönliche Zuwendung durch die Lehrerin.

Ulrike Töpelmann ist überzeugt davon, dass die Kinder am besten in festen vorgegeben Strukturen lernen. "Sie brauchen die Systematik, die sie von zu Hause nicht kennen", sagt sie. Häufig gebe es in den Familien keine klaren Normen. Klare Ansagen und konsequentes Handeln seien gefragt.

In der Klasse von Ulrike Töpelmann tanzt niemand aus der Reihe. Alle sitzen auf ihren Stühlen, wer etwas sagen will meldet sich ohne Zwischenrufe. Nach dem Klingelzeichen wird der Arbeitsplatz aufgeräumt und erst dann geht es in die Pause. Und selbst da geht es geregelt weiter. Die Kinder sind eingeteilt zum Tischdienst, Schuhdienst, Türdienst oder Tafeldienst. Wenn alles klappt, erhalten sie am Ende des Tages einen gelben Smiley, bei Verstößen gegen die Regeln gibt es einen roten.

Um soziale Kompetenzen zu erlernen, sei keine Altermischung notwendig, meint sie. Tatsächlich hat die Schule im Inspektionsbericht für die sozialen Kompetenzen der Schüler die Bestnote erhalten.

Das sei auch der Sportbetonung zu verdanken, sagt die Schulleiterin Rita Templiner. In der gebundenen Ganztagsschule können die Schüler Basketball, Fußball, Streetball, Völkerball oder Leichtathletik machen. Die Jungen und Mädchen werden altersunabhängig nach Leistungsniveau eingeteilt. In den Gängen zeugen Urkunden und Pokale von den Erfolgen. "Im Sport lernen die Kinder, sich an Spielregeln zu halten und das wird auf den Unterricht übertragen", so die Schulleiterin.

Wenn die Schule ab dem kommenden Schuljahr wieder in altershomogenen Klassen unterrichtet, ist das nicht einfach eine Rückkehr zu alten Zeiten. Es gibt ein neues Konzept, nach dem sich Erstklässler und Zweitklässler begegnen und in bestimmten Projekten auch zusammenarbeiten sollen. Freizeiträume und Klassenräume von Erst- und Zweitklässlern werden auf einer Etage sein. Zwei Pädagogen sind gemeinsam für beide Klassenstufen zuständig, so dass die Kinder auch zwei Bezugspersonen haben. Schüler, die drei statt zwei Jahre in der Schulanfangsphase verweilen müssen sich dadurch nicht an eine neue Lehrerin gewöhnen. In kleinen Gruppen erhalten die Schüler wie bisher verstärkt Sprachbildung oder Förderung in anderen Fähigkeiten.