Banklehre

"Jetzt gehörst du zur Verbrecherbande"

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Andrea Backhaus

Bankkauffrau zu werden, sagt Jessica Dudlitz, das sei immer ihr großer Wunsch gewesen. Als sie 2009 mit der Ausbildung bei der Sparda-Bank anfing, da war die Finanzkrise seit einem Jahr in vollem Gange.

"Aber ich habe mich nie beirren lassen", sagt die 22-Jährige. Dudlitz sitzt am Glastisch in der Bankzentrale in Prenzlauer Berg, zupft an ihrer nachtblauen Bluse und schaut ratlos. Den Wandel, der sich da gerade in ihrer Branche vollzieht, beobachtet sie jeden Tag. "Die Kunden sind misstrauischer geworden. Am Schalter müssen wir deutlich mehr Überzeugungsarbeit leisten", sagt sie. Wie sie den Kunden die Angst nimmt? Dudlitz zuckt die Schultern. "Ich versuche, ihre Vorurteile und Zweifel durch Argumente auszuräumen."

So wie Dudlitz geht es vielen angehenden Bankern. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass der Beruf des Bankiers hoch angesehen war. Der Bankangestellte wurde für sein solides und verlässliches Wesen gelobt und stand - in Anzug und Krawatte - schon per Erscheinung wie kein anderer für Fairness und Seriosität. Nun aber heißen die einstigen Kaufleute "Zocker" und "Spieler", als solche zumindest werden sie derzeit von Demonstranten vor den Finanzzentralen in New York, Berlin und Brüssel beschimpft.

Nicht nur erfahrene Branchenvertreter leiden unter dem schlechten Image. Auch junge Auszubildende haben zunehmend mit Vorurteilen zu kämpfen. Galt die Banklehre einst als Garant für Wohlstand, Prestige und eine solide Zukunft, steht sie heute für einen permanenten Zwang zur Rechtfertigung. "Aus meinem Umfeld habe ich schon gehört: ,Jetzt gehörst du zu der Verbrecherbande'", sagt Anne Kirstein, die seit drei Jahren bei der Berliner Volksbank lernt. Die Kritik findet sie zu pauschal, denn "nicht alle Banker zocken". Und doch: Auch sie fühlt sich von den Appellen auf Europas Straßen persönlich angegriffen. Und ihr Kollege Fabian Mähren, der vor drei Monaten mit seiner Ausbildung bei der Volksbank begonnen hat, ergänzt: "Man muss mit dem Beigeschmack, den unsere Branche hat, umgehen können."

Auf Kosten der Steuerzahler

So scheint nicht nur für die Protestierenden der "Occupy"-Bewegung, die derzeit mit Sit-ins, Meditationsrunden oder auch lautstarken Parolen gegen die überbordende Macht des Finanzsektors angehen, klar: Das Volk muss die Zeche zahlen, weil die Finanzexperten alles verspielt haben, auf Kosten der Steuerzahler, nur den eigenen Profit vor Augen. Kurzum: Selten hat das Image eines Berufs in so kurzer Zeit so immens gelitten.

Die Banker indes fühlten sich selten so unfair behandelt. "Allein die Banker zu verurteilen ist schlicht falsch. In der derzeitigen Kritik wird nicht nach den Ursachen der Finanzkrise gesucht", sagt Thomas Kohrs, Leiter Competence Center Wertpapieranlage und Vorsorge an der Frankfurt School of Finance & Management. Seit über 20 Jahren ist Kohrs im Bankenwesen tätig, doch nie habe er sich für seinen Beruf rechtfertigen müssen. "Verbrecher" wird ihm jetzt auf Partys schon mal hinterhergerufen oder auch "Geier". "Vor fünf Jahren war das Image der Banker viel besser. Heute gibt es einen klar negativen Touch", sagt er. Woher das komme? "Die Leute fühlen sich betrogen. Und nun brauchen sie einen Buhmann."

Dass zwischen den Sparten in der Finanzbranche eklatante Unterschiede bestehen, wird in der öffentlichen Kritik kaum berücksichtigt. Tatsächlich leiden vor allem all jene Branchenvertreter unter dem schlechten Ruf, die mit der Bankenmisere nicht viel zu tun haben. Jene Mehrheit von Bankern nämlich, die in der Kundenberatung oder Verwaltung tätig sind und mit dem Provisionsstreben einzelner Investmentbanker nicht viel am Hut haben.

Von den Vorurteilen und Verunglimpflungen, mit denen sich neuerdings viele Mitarbeiter auch von Genossenschaftsbanken konfrontiert sehen, Banken also, die auf den Grundsätzen von Selbsthilfe und Selbstverantwortung beruhen, kann Nancy Mönch viel erzählen. Ihre Lehre bei der Berliner Volksbank hat die heute 37-Jährige 1991 begonnen, seit 2002 leitet sie dort die Unternehmenskommunikation, heute ist die Berlinerin Pressesprecherin. Sie sei stolz darauf, Bankerin zu sein, sagt sie, auch wenn sie ihren Beruf immer wieder erklären müsse. "Die Kopflosigkeit Einzelner ist zur Steilvorlage für Pauschalurteile geworden", sagt Mönch. Sie erlebt immer wieder, dass Kollegen ihren Beruf verheimlichen, weil sie sich schämen. Und das, obwohl sie gar nicht mit Wertpapieren handeln. "Aber das Image hat sich eben gewandelt vom langweiligen, staubigen Bankangestellten hin zum gierigen Zocker."

Um mit dem negativen Bild, das viele Kunden im Kopf haben, aufzuräumen, müssen die jungen Auszubildenden viel Aufklärungsarbeit leisten. Argumentieren und Überzeugen, das heißt für die angehenden Kundenberater vor allem: sich abzugrenzen von den Investmentbankern, von denen, die, angetrieben vom schnellen Gewinn, scheinbar keinerlei Risiken scheuen. Denn auch wenn das schlechte Image der Investmentbanker auf sie abfärbt: Heute profitieren die einst als konservative Langweiler verschrienen Genossenschaftsbanker von ihrem bodenständigen Geschäftsmodell. "Ich habe mich bewusst für die Genossenschaftsbank entschieden, die Bank fürs Volk. Ich wollte etwas Bodenständiges lernen", sagt Volksbank-Azubi Fabian Mähren.

So wie Robert Kaufmann. Der 21-Jährige hat seine Ausbildung bei der Sparda-Bank im Sommer 2010 begonnen. Mit hohen Idealen: Den Kunden bei der Vorsorge zu helfen, ihnen für das Alter eine Sicherheit zu geben. Und eben diese Ideale, sagt Kaufmann, die habe er noch immer.

Damit liegt er ganz im Trend. Denn trotz der Vorurteile, trotz des verheerenden Rufes, werden viele junge Menschen noch immer gern Bankkaufleute. Dem Arbeitgeberverband des privaten Bankengewerbes, kurz AGV Banken, zufolge ist der Beruf nach wie vor für den Nachwuchs attraktiv. So sei die Ausbildungsquote, also das Verhältnis der Auszubildenden zum Stammpersonal, im Vergleich zum Vorjahr konstant bei 5,9 Prozent geblieben und bewege sich im Gesamtdurchschnitt aller Branchen weiterhin auf einem hohen Niveau, wie es im Geschäftsbericht 2009/2010 heißt.

Ausbildung weiter beliebt

Der Anteil von Bankkaufmann und Bankkauffrau an allen abgeschlossenen Ausbildungsverträgen ist in den vergangenen Jahren sogar gestiegen. Laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung absolvierten 2006 noch rund 12 500 junge Männer und Frauen eine Banklehre, 2010 waren es schon rund 13 400. Insbesondere der gestiegene Anteil von Abiturienten zeigt laut Geschäftsbericht der AGV Banken, dass die Ausbildung zum Bankkaufmann auch in der Wirtschaftskrise unter den sogenannten Breitenberufen, also den Berufen mit den höchsten Ausbildungszahlen, mit das höchste Ansehen genießt. Für viele angehende Azubis verspricht die Lehre nach wie vor gute Aufstiegschancen.

So haben sich auch ihre Eltern über die Zusage sehr gefreut, sagt Jessica Dudlitz. "Immerhin war Bankkaufrau für sie einer der seriösesten Berufe überhaupt." Und das, sagt sie, solle auch so bleiben.

"Ich wollte etwas Bodenständiges lernen"

Fabian Mähren, Auszubildender bei der Berliner Volksbank