Ausstellung

Frühes Aufstehen für ein letztes Rendezvous

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Karoline Beyer

Die Sterne funkeln, die schwarzen Umrisse des Bodemuseums ragen in den noch nachtschwarzen Himmel. Es ist kurz nach sechs Uhr, auf der Monbijoubrücke stehen etwa 50 dunkle Gestalten mit hochgezogenen Schultern in einer Warteschlange. Einige hüpfen wegen der Kälte von einem Bein aufs andere.

Der Erste in der Schlange ist Martin Schmidt (45) aus Tempelhof. Er steht seit 3.40 Uhr vor dem Tickethäuschen am Eingang des Bodemuseums. Direkt hinter ihm wartet Wieland Posch (65) aus Friedenau - seit 4.45 Uhr. Es ist das letzte Wochenende mit der "Dame mit dem Hermelin" von Leonardo da Vinci. Das berühmteste Gemälde der Ausstellung ist noch bis Montag in der Ausstellung "Gesichter der Renaissance zu sehen", die seit dem 25. August Besucher aus der ganzen Welt begeistert.

Die Feuchtigkeit der Spree ist den Wartenden in die Kleider gekrochen, geschlafen haben sie auch nicht sehr viel. Trotzdem sind Martin Schmidt und Wieland Posch ins Gespräch gekommen und mittlerweile per Du. Auf gar keinen Fall wollen sie die berühmten Porträts verpassen. Schmidt ist gleich nach der Arbeit hierher gekommen. Genau wie damals, als er acht Stunden vor der MoMA-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie stand. Der Veranstaltungstechniker hatte gestern noch in der Philharmonie gearbeitet. Dann hat er sich zu Fuß auf den Weg gemacht zum Bodemuseum. Er ist guter Dinge und freut sich "auf die schönen Bilder". Zu Beginn der Wartezeit stand er alleine vor dem Museum, beinahe. "Hier läuft eine Maus ständig zwischen Eingang und Tickethäuschen hin und her. Ich hoffe, die locht nicht die Eintrittskarten, dann kann hier keiner mehr rein", sagt Schmidt augenzwinkernd. Seine Chancen, die Gemälde als Erster zu sehen, stehen gut.

Viele Wartende haben sich heiße Getränke, Bücher und Zeitungen mitgebracht. Sie sitzen auf Klappstühlen und lesen im Schein von LED-Lampen. Wer sich so früh anstellt, kann hoffen, noch mit dem ersten Schwung eingelassen zu werden. Immer nur 300 Besucher dürfen in der Ausstellung sein. Etwas mehr als 1000 Karten werden verkauft. Berliner Hotels verteilen an ihre Gäste VIP-Tickets mit einem Einlass-Zeitfenster - ohne Wartezeit. Alle anderen müssen warten, bis sie an der Kasse vor dem Museum angelangt sind. Die Karten sind nummeriert - wenn Besucher die Ausstellung verlassen, können wieder neue hinein. Winfried König (59) aus Schöneberg stellt sich um kurz nach halb sieben in die Schlange, die da schon bis ans Ende der Brücke reicht.

Mittlerweile bauen die ersten Händler des Kunstmarktes am benachbarten Kupfergraben ihre Stände auf. König will mit seiner Frau erst nachmittags in die Ausstellung. Noch für vier weitere Personen kauft er Karten. "Man weiß ja nicht, wann alles ausverkauft ist. Deshalb habe ich mich jetzt schon angestellt." Vor zwei Wochen traf er ein Paar aus Koblenz, das trotz stundenlangen Anstehens nicht in die Ausstellung kam, weil sie wegen einer Veranstaltung zwei Stunden früher geschlossen worden war. Ganz sicher gehen wollen auch Malina Beaucamp (53) und ihre Tochter Alexa (11). Sie reisten für "Gesichter der Renaissance" aus der Nähe von Neustrelitz an. "Ich finde es toll, dass es alles Porträts sind, so hat man den unmittelbaren Vergleich", sagt die Physiotherapeutin. "Und viele hängen hier zum ersten und vielleicht einzigen Mal nebeneinander. Das ist bestimmt eindrucksvoll." Ihre Tochter Alexa hat schon Erfahrung: "Ich habe die Frida-Kahlo-Ausstellung im Gropiusbau gesehen. Das lange Warten macht mir nichts aus."

150 Wartende beim Morgengrauen

Gegen 7.15 Uhr wird es langsam hell, der Horizont färbt sich erst hellblau, dann gelb. Rund 150 Menschen warten bereits. Immer mehr kommen in immer kürzerer Zeit. Eine halbe Stunde später sind es bereits Hunderte. Ab und zu versucht jemand, sich unauffällig weiter vorne unter die Wartenden zu mischen, wird aber sofort von den Umstehenden zurechtgewiesen. Um 9.15 Uhr schließlich wird das Ende der Menschenschlange "gekappt", die mittlerweile bis hinter die einige Hundert Meter entfernte Eisenbahnbrücke reicht. Ordner weisen die Letzten darauf hin, dass es keinen Sinn mehr hat zu warten. Enttäuscht zieht auch Christian Blank von dannen. Der Puppenspieler aus Augsburg ist mit dem Nachtzug gekommen. "Das ist wirklich schade, ich hatte mir extra für dieses Wochenende Urlaub genommen." Sonntag will er es noch einmal versuchen.

Bekannte Museen weltweit haben die Werke großer Künstler ins Bodemuseum geschickt. Darunter die schöne "Simonetta Vespucci" von Sandro Botticelli oder das "Bildnis eines jungen Mannes" von Antonello de Messina. Für Tausende ist das Grund genug, sich vor dem Sonnenaufgang anzustellen. Das Kartenkontingent ist begrenzt, der Andrang groß. Viele mussten schon enttäuscht wieder gehen, weil die Tickets ausverkauft waren.