Meine Woche

Von einem Ausflug ans Märkische Meer

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Christine Richter

Geht es Ihnen auch so gut? Ich hatte in der vergangenen Woche ein paar Tage frei und habe diese ganz in der Nähe von Berlin, am "Märkischen Meer", wie Theodor Fontane einst so zutreffend formulierte, verbracht.

Was für eine Erholung für die Seele, wie gut der See dem Auge tut, bei diesem Zauber-Wetter. Und das nicht einmal eine Stunde von Berlin entfernt, noch heute bin ich in solchen Momenten dankbar für den Fall der Mauer, für die Freiheit, ins nahe Umland fahren und dort Zeit verbringen zu können. Am Morgen liegt der Nebel über dem Scharmützelsee, später bricht die Sonne durch. Rote, gelbe und ockerfarbene Herbstblätter, man geht auf dem Uferwanderweg weite Strecken direkt am Wasser entlang, zwei Eichhörnchen flitzen über den Pfad und jagen sich die Bäume hinauf und hinunter. Was für eine wohltuende Pause vom Alltag.

Natürlich habe ich dennoch die Ereignisse in Berlin verfolgt, gerade in dieser entscheidenden Woche. Der Euro gerettet, die Kanzlerin obenauf - warten wir ab, was die nächsten Wochen bringen. Das Abgeordnetenhaus wählt unterdessen einen integeren neuen Präsidenten. Ralf Wieland, von der SPD, seit einigen Jahren Vorsitzender des Hauptausschusses, weiß, was Überparteilichkeit bedeutet und findet in der ersten Sitzung des neuen Parlaments freundliche und interessierte Worte an die 15 Piraten. Ein guter Auftritt.

Umso mehr erschreckt mich, was die Grünen jetzt anstellen, wo sie zum dritten Mal in Folge nicht am Senat beteiligt werden, wo sie sich mit ihren Forderungen zur Stadtautobahn A 100 verzockt und es Klaus Wowereit leicht gemacht haben, mit ihnen keine Regierung einzugehen. Der Wahlkampf war misslungen, spätestens als Renate Künast zehn Tage vor dem Wahltag öffentlich ihre Kapitulation erklärte und Wowereit eindringlich bat, doch bitte, bitte eine rot-grüne Regierung zu bilden. Wer glaubte, eine Partei würde die Fehler, die im Wahlkampf begangen wurden, klaglos hinnehmen, der versteht wenig von der Politik. Renate Künast kehrte flugs zurück in den Bundestag, Ramona Pop und Volker Ratzmann kandidierten am Dienstag wieder als Fraktionschefs. Hat es Sie gewundert, dass Ratzmann nur mit der denkbar knappsten Mehrheit von 15 zu 13 Stimmen gewählt wurde? Mich nicht. Wer, wenn nicht er, ist mitverantwortlich für den Wahlkampf und die Verhandlungsführung während der Sondierungsgespräche?

Doch weil die Grünen, also die Realos und die Vertreter des linken Flügels nicht miteinander reden, stehen sie jetzt vor einem Scherbenhaufen. Die linken Grünen verweigern die Zusammenarbeit, Volker Ratzmann spricht zu Recht von einer "veritablen Krise", auch eine Spaltung der Fraktion ist nicht ausgeschlossen. Vor wenigen Monaten wollten diese Grünen noch mit Renate Künast die Macht in Berlin erobern, vor wenigen Wochen immerhin noch mitregieren und die Geschicke der Stadt mitbestimmen. Ich bin fassungslos ob der Unfähigkeit, miteinander zu reden - und einen Weg aus der Wahlniederlage zu finden. Soll man Wowereit gratulieren, dass er sich gegen die Grünen entschieden hat? Er hat jedenfalls recht: Diese Partei ist so nicht regierungsfähig.

Den Grünen brauche ich die Frage, ob es ihnen gut geht, nicht zu stellen. Aber vielleicht empfehle ich ihnen eine Auszeit - eine Pause für die Seele, eine Zeit, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Es soll in und um Berlin auch sehr erfahrene Mediatoren geben.

Christine Richter leitet gemeinsam mit René Gribnitz die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt René Gribnitz über seine Woche in Berlin.