Architektur

"Eine Piazza für ganz Berlin"

Wohlgefällig schweift der Blick des Baumeisters über die schrägen Holzwände und den säuberlich gefegten Betonboden. Wunderbar aufgeräumt, eine tolle Baustelle, lobt Daniel Libeskind seinen Berliner Bauleiter.

Und "Pinewood", Pinienholz, so der US-amerikanische Stararchitekt, sei derzeit sein Lieblingsbaustoff, "very ecological und dynamic". Libeskind schiebt sein Markenzeichen, die schwere, schwarz gefasste Brille, energisch zurück. Schnell muss sie jetzt gehen, die Besichtigung seiner jüngsten Baustelle in der Hauptstadt. Die Fotografen warten schließlich und danach stehen noch jede Menge weitere Termine an. Für Fragen hat der Meister da nur wenig Zeit. Libeskind, ohnehin ein gefürchteter Schnellsprecher, legt noch einmal an Tempo zu.

Nach dem Entwurf von Daniel Libeskind wird derzeit die Erweiterung des Jüdischen Museums Berlin (JMB) in der ehemaligen Blumenhalle an der Kreuzberger Lindenstraße errichtet. Die schlichte, fast 7000 Quadratmeter große Stahlbetonhalle aus den 60er-Jahren, komplett ungedämmt und damit alles andere als "ecological", hat jedoch einen unschätzbaren Vorteil: Sie liegt dem Haupteingang des Jüdischen Museums direkt gegenüber. Und sie lässt sich mit nur wenigen Eingriffen in einen typischen "Libeskind" verwandeln. Schließlich soll die Blumenhalle nach dem Umbau mit dem Museumsensemble auf der anderen Straßenseite als bauliche Einheit wahrgenommen werden.

Damit das gelingt, hat Libeskind auf seine bewährte Formensprache zurückgegriffen, die schon das ebenfalls von ihm entworfene Museum vis-à-vis zu einem unverwechselbaren Wahrzeichen der Hauptstadt gemacht hat. Der vor zehn Jahren eröffnete Bau mit seinen schiefen Ebenen und schroffen Einschnitten, der einen geborstenen Davidstern symbolisieren soll, verzeichnet seither Besucherrekorde: Bereits sieben Millionen Menschen aus dem In- und Ausland haben sich den zinkumhüllten Zick-Zack-Bau mittlerweile angesehen. Die Jüdische Akademie in der Blumenhalle sei nun die Chance, das Museum um einen Ort der Bildung und des Austauschs zu ergänzen, erklärt der 65-Jährige bei einer Baubesichtigung im gehetzten amerikanischen Staccato.

Neuer Treffpunkt für Berlin

Dabei gehe es nicht darum, sein Meisterwerk auf der anderen Straßenseite zu kopieren: "Die Aufgabenstellung ist eine ganz andere, wir bauen ja kein Museum, sondern einen Platz, an dem Menschen arbeiten und forschen können", so der Architekt. Die einstige Blumenhalle sei dafür wie geschaffen: "Künftig werden hier die Blumen des Wissens und der geschichtlichen Forschung blühen", hofft Libeskind. Nicht nur für das JMB sondern für die ganze Stadt würden sich aus dem Umbau neue städtebauliche Bezüge ergeben. "Hier entsteht ein neuer Treffpunkt, eine Piazza für ganz Berlin."

Der künftige Eingangsbereich in die Halle wird derzeit von Zimmermännern errichtet. Sie füllen das asymmetrische Loch, das Libeskind in die Außenhalle schlagen ließ, mit einem schräg gestellten, gespaltenen Holzkubus. Im Inneren der Halle nehmen zwei weitere, gegeneinander geneigte Holzkuben das Motiv auf. Sie erinnerten sowohl an die Kisten, in denen die Emigranten ihre Habe verstauen mussten, als auch an die Holzkästen, in denen früher die Blumen aus aller Welt nach Berlin transportiert wurden, so Libeskind. Während die eine "Kiste" künftig als Auditorium dienen soll, wird in der anderen die Forschungsbibliothek untergebracht. An den Seiten der Halle finden sich der Länge nach weitere schlichte Holzeinbauten, in denen Büro- und Seminarräume untergebracht werden.

In der 900 Quadratmeter großen Freifläche zwischen diesen Einbauten soll ein "Garten der Diaspora" entstehen. Die Idee des ursprünglich geplanten "Biblischen Gartens" hat Libeskind aufgegeben: Die in der Bibel erwähnten Gewächse wie Dattelpalmen und Olivenbäume hätten sich im rauen Klima Belins nicht behaupten können. Um Energiekosten zu sparen, sollen nur die Holzkuben und nicht die ganze Halle beheizt werden.

"Wir werden zudem lediglich 50 Prozent der Halle nutzen", erläutert der Geschäftsführende Direktor des Jüdischen Museums, Börries von Notz, das Akademie-Konzept. Der hintere Teil der Halle könnte später für Veranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen genutzt werden. "Die Jubiläums-Gala, die wir am Montag mit 850 Gästen in der Halle gefeiert haben, hat bereits gezeigt, wie wunderbar geeignet die Halle dafür ist", so der Geschäftsführer. Angedacht sei, den hinteren Teil der Halle für Tagungen, Theateraufführungen und Konzerte auch zu vermieten. "Den Glashof im Jüdischen Museum vermieten wir schließlich auch."

Der Blick auf die Kosten der neuen Halle kommt nicht von ungefähr. Der Umbau - zu 60 Prozent vom Bund und zu 40 Prozent von Unterstützern des Museums finanziert - hat sich gegenüber den ursprünglichen Planungen um rund zehn Prozent verteuert. Ursprünglich waren 10,3 Millionen Euro eingeplant. Börries von Notz rechnet nun jedoch mit mindestens 11,3 bis 11,5 Millionen Euro. "Das Vergabeverfahren hat ergeben, dass die Baufirmen inzwischen deutlich höhere Preise verlangen", erklärt Börries von Notz die Differenz.

Mekka moderner Architektur

Unterdessen ist Libeskind nach einer knappen halben Stunde schon wieder dabei, aus der Halle zu stürmen. Berlin sei "ein Mekka moderner Architektur", sagt Libeskind noch zum Abschied. Nicht nur heute, sondern bereits früher hätten hier die Größen neuen Bauens wie Schinkel, Erich Mendelsohn oder Hans Scharoun gewirkt. Berlin habe für ihn auch ganz persönlich einen hohen Stellenwert, weil hier mit dem Jüdischen Museum sein erster Entwurf überhaupt realisiert wurde.

1989, als er den Wettbewerb zum Bau des Museums gewonnen hatte, war Libeskind mit seiner Familie nach Berlin gezogen, hier hatte er sein Architekturbüro "Studio Daniel Libeskind" gegründet. Im Februar 2003, als er den Wettbewerb zum Neubau des World Trade Centers am Ground Zero gewann, verlegte er Hauptsitz und Wohnort nach New York.