Medizin

Wie die Ärzte die Tür zu Lenas Herz öffneten

Cathleen Merx war erst wenige Wochen schwanger, als die Ärzte bei ihrer ungeborenen Tochter Herzrhythmusstörungen feststellten. Ein Schock für die Mutter, deren neunjähriger Sohn immer gesund gewesen war und in deren Familie es eigentlich nie Probleme gegeben hatte. Zur Geburt begab sich die Rostockerin deshalb in die Hände von Berliner Spezialisten und entband vor 18 Monaten im Virchowklinikum der Charité.

Als Lena damals zur Welt kam, diagnostizierten die Kardiologen einen schweren angeborenen Herzfehler. Lenas Aortenklappe, gerade mal acht Millimeter groß, war verengt, die linke Herzkammer hatte Probleme, das Blut in den Körperkreislauf zu pumpen. Unbehandelt hätte dies schnell zum Herzstillstand geführt.

Lena ist eines von 100 Babys pro Jahr, die mit Herzfehler geboren werden. Noch vor einigen Jahren hatten sie kaum eine Überlebenschance, denn die Forschung stand erst am Anfang. Es fehlte an Medizintechnik, an Forschungsergebnissen und Operations-Erfahrung in diesem Bereich. Früher wurden Herzfehler außerdem oft gar nicht oder erst viel zu spät erkannt.

Die Experten des Deutschen Herzzentrums nahmen sich des komplizierten Falls von Lena an. Sie vermuteten, dass mehrere Operationen notwendig sein würden. "Lenas angeborenen Herzfehler muss man sich vorstellen wie eine Tür, die sich nicht richtig öffnet", sagt Klinikdirektor Felix Berger.

Drei Tage nach Lenas Geburt erfolgte der erste Eingriff. Zwei kleine Schnitte an der Leiste, dann schossen Kardiologen über die Arterie einen Ballonkatheter in Lenas Herz. Der blies die Aortenklappe auf und erweiterte sie, so konnte das Blut vorläufig besser zirkulieren. "Wir mussten Zeit gewinnen, bis Lena kräftig genug war, eine mehrstündige Operation am Herzen zu überstehen", sagt Berger.

Mit der Gründung des Deutschen Herzzentrums in Mitte wurde die Forschung im Bereich Herzkrankheiten vorangetrieben. Jährlich werden rund 550 offene Operationen allein bei Frühgeborenen, Säuglingen und Kindern vorgenommen. Zahlreiche Kunstherzen wurden bereits bei kleinsten Patienten implantiert. Kinder, die hier operiert wurden, beobachten Ärzte oft ein Leben lang, um zu gucken, wie sie sich entwickeln.

Einige Monate nach der Geburt stellte Lenas Mutter besorgt fest, dass sich das Baby nicht mehr weiter entwickelte. Das Herz schlug zu schnell, Lena bekam oft schlecht Luft und schwitzte viel. "Sie hatte wenig Appetit und gedieh einfach nicht mehr", sagt sie. Cathleen Merx wusste, dass die bevorstehende Operation entscheiden würde, ob Lena ein ganz normales Leben würde führen können.

Operationen sind sehr riskant

Kinderherzchirurg Michael Hübler hat viele Kinder heranwachsen sehen, seit 20 Jahren steht er im Dienst des Hochleistungszentrums. Er nahm sich auch Lenas Fall an. 2500 Kinder hat Hübler schon operiert, er zählt zu den routiniertesten Spezialisten Deutschlands. Täglich öffnet er winzige Brustkörbe - bei Frühchen ist das Herz kaum größer als eine Pflaume. Die Hauptschlagader misst einen Millimeter Durchmesser. Der Puls der Babys geht viel schneller als bei Erwachsenen, Operationen sind sehr riskant, weil die kleinen Körper nicht so viel Blut verlieren dürfen. "Jeder Fall ist anders, das ist die Herausforderung", sagt er, wenn er gefragt wird, was ihn an seinem Job reizt.

Lena hatte doppelt Glück. Sie profitierte von Hüblers Erfahrung, aber auch von neuester Medizintechnik, über die das Herzzentrum seit einigen Monaten verfügt. Die Stiftung KinderHerz spendierte ein neues, 114 000 Euro teures "4 D kardiovaskuläres Ultraschallgerät". Hübler sagt, dass die Art der Diagnostik die Chance auf eine gelungene Herzoperation um ein Vielfaches vergrößere. Detailliert und hochauflösend seien die Bilder, die via Ultraschall von Lenas Herzen übermittelt werden. 3 D-Bilder, die über eine Zeitachse gezeigt werden und deshalb als 4 D-Bilder bezeichnet werden.

Ohne die neue Diagnostik hätten Ärzte Lena sehr wahrscheinlich eine Bioprothese eingesetzt, was weitere Operationen notwendig gemacht hätte. Hübler entschied sich bei Lena für einen neuen Weg. Er wollte ihre Herzklappe aus Eigengewebe rekonstruieren.

Vier Stunden dauerte die Operation. Kinderherzchirurg Michael Hübler öffnete auch Lenas Brustkorb, schob die Lupenbrille auf die Nase, dann schnitt er ein Stück ihres Herzbeutels heraus und rekonstruierte mit dem Gewebe die rechte Lungenklappe. Man könnte sagen, Hübler hat die Tür zu Lenas Herzen geöffnet.

An diesem Mittwochmorgen sitzen Mutter und Kind vergnügt im Wartezimmer des Herzzentrums, die Kontrolluntersuchung hat ergeben, dass das Herz normal schlägt und das Blut gut zirkuliert. Lena ist ein pausbäckiges, munteres Kind, lächelnd zeigt es seine ersten Zähne. Nur die Narbe auf seiner Brust deutet darauf hin, dass das junge Leben schon viel verkraften musste. Cathleen Merx zeigt sich inzwischen gelassen. Lenas Chancen auf ein ganz normales Leben, das haben ihr die Ärzte heute wieder versichert, stehen sehr gut.