Pro & Contra

Gutes Gefühl bei JüL?

Pro

"Der ständige Rollenwechsel ist ein Gewinn für die Schüler, denn jedes Jahr kommen neue Kinder in die Gruppe"

Rosemarie Stetten, Schulleiterin der Charlotte-Salomon-Grundschule in Kreuzberg, ist überzeugt von der Jahrgangsmischung

Wir mischen in unserer Schule nicht nur die ersten Jahrgänge, sondern die Schüler von drei Jahrgängen. Es gibt also Klassen mit Erst-, Zweit- und Drittklässlern und Klassen mit Viert-, Fünft- und Sechstklässlern. Begonnen haben wir mit dem jahrgangsübergreifenden Lernen JüL vor elf Jahren. Ich kann mir kein anderes Unterrichtskonzept mehr vorstellen.

Es gibt zwei wesentliche Dinge, die Kinder beim jahrgangsübergreifenden Lernen zusätzlich mitnehmen.

Zum einen erleben sie ihre eigene Lernentwicklung, zurückblickend und vorausschauend. Bei der Aneignung der Schrift etwa können die Zweitklässler sehen, wie die Schulanfänger beginnen, die Druckbuchstaben zu lernen, während sie schon die Schreibschrift erproben. Bei den Drittklässlern können sie beobachten, dass man mit gekonnter Schreibschrift schneller schreiben kann. Das motiviert die Kinder, sie begreifen, wo ihr Lernen hinführt.

Zum anderen ist der regelmäßige Rollenwechsel ein Gewinn. Denn jedes Jahr kommen neue Kinder in die Gruppe rein und gehen andere aus der Gruppe raus. Gerade Eltern sehen diese Tatsache oft skeptisch. Sie fürchten, die Kinder würden Freunde verlieren und müssten sich immer wieder an andere Kinder gewöhnen. Meine Erfahrung ist, dass die Kinder von diesem Wechsel besonders profitieren. Schließlich müssen sie sich auch in der Gesellschaft später immer wieder in wechselnden Rollen bewegen. Ja, sie müssen Abschied nehmen von Freunden und gewinnen neue. Das ist eine Bereicherung. Denn sie haben so selbst die Chance, unterschiedliche Rollen einzunehmen. Mal bekommen sie Hilfe von den Älteren, mal übernehmen sie selbst Verantwortung für die Jüngeren. Auch die Lehrer erleben ihre Schüler immer wieder anders. Dadurch wird ein Schubladendenken verhindert.

Ein großes Plus bietet die Jahrgangsmischung für die Integration. So ist ein lernbeeinträchtigtes Kind in der dritten Klasse durchaus in der Lage, einem Erstklässler Wissen weiterzugeben. Ich finde nicht, dass es Kinder gibt, denen man diese Unterrichtsform nicht zumuten kann, weil sie zu wenige Fähigkeiten mitbringen.

Von einigen wird auch befürchtet, dass die Leistung auf der Strecke bleiben könnte. Das ist nicht unsere Erfahrung. Die Leistungen der Schüler haben sich durch die Jahrgangsmischung nicht verändert. Allerdings habe ich festgestellt, dass ich vorher in den altershomogenen Klassen viele Schüler unterfordert habe. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, den Erstklässlern bestimmte Materialien der Drittklässler oder Zweitklässler anzubieten. Jetzt sehe ich, dass viele durchaus in der Lage sind, damit umzugehen.

Contra

"Die Entwicklungsunterschiede sind oft auch in ungemischten Klassen enorm"

Rita Templiner, Leiterin der Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln, will das jahrgangsübergreifende Lernen wieder abschaffen

Als größtes Hindernis für das gemeinsame Lernen sehe ich die mangelnden Sprachkenntnisse. Viele unserer Schüler und Schülerinnen sind mit der deutschen Sprache kaum vertraut. Sie können sich nicht mit ihren Mitschülern und Lehrern austauschen, ihre eigenen Gefühle und Gedanken häufig nicht ausdrücken. Damit sind sie aber auch oft nicht in der Lage, unterschiedliche Meinungen zuzulassen und Konflikte friedlich zu lösen.

Die Entwicklungsunterschiede sind oft auch in ungemischten Klassen enorm. Als Ursache sehe ich hier die unterschiedlichen Elternhäuser. Die Eltern entscheiden darüber, wie sich die Kinder den Aufgaben in der Schule nähern. So zeigt sich bei uns immer wieder, dass Kinder, die aus einem Haushalt kommen, wo es kaum Bücher oder Spielsachen gibt, weniger kreativ sind, ja, dass ihre Fantasie häufig nicht sonderlich ausgeprägt ist. Ihnen fehlen oft die grundlegendsten Kenntnisse, individuelle Fähigkeiten sind kaum vorhanden. Das sehe ich etwa daran, dass sie nicht wissen, wie sie beim Basteln mit der Schere oder dem Kleber umgehen sollen oder dass sie die Farben nicht benennen können. Viele können bei ihrer Einschulung nicht bis sechs zählen, sie können Mengen nicht erfassen. Eine andere Sache fällt mir da auf: Die Kinder aus diesen Familien ermüden schnell und sind leicht ablenkbar, sie können sich teilweise sehr schlecht konzentrieren. Damit einher geht eine geringe Bereitschaft, sich anzustrengen. Auch sind Fein- und Grobmotorik bei ihnen häufig nicht ihrem Alter angemessen. Ältere Schüler sind deshalb nur bedingt eine Hilfe für die jüngeren Kinder, da diese selbst kaum in der Lage sind, Aufgaben selbstständig zu erfassen und zu lösen.

Das jahrgangsübergreifende Lernen ist für unsere Schüler eine echte Herausforderung. Der ständige Wechsel von Klassenkameraden, das schnelle Auflösen von Freundschaften ist für sie eher schwer zu bewältigen. Denn unsere Schüler brauchen nicht nur zentrale, gleichbleibende Strukturen in der Zeit- und Arbeitsorganisation. Sie brauchen auch und vor allem gleichbleibende Bezugspersonen.

Wichtig wäre für das jahrgangsübergreifende Lernen auch, dass Schule und Eltern kooperieren. An einem Strang zu ziehen, ist aber gerade in Brennpunkt-Stadtteilen wie Nord-Neukölln eine besondere Herausforderung: Sprachliche Barrieren gepaart mit kulturellen Unterschieden in Erziehung und Bildung sowie individuelle Lernerfahrungen der Eltern erschweren den gemeinsamen Umgang. Trotz Ganztagsbetreuung und innovativer Ansätze in der Elternarbeit, etwa der Entwicklung eines besonderen Elterninformationsordners, gelingt es uns noch nicht, alle Eltern zu erreichen.