Deportationen

Weiße Rosen zum Gedenken an Berlins ermordete Juden

Am 18. Oktober 1941 wurden die ersten hierhin getrieben, Männer, Frauen, Kinder. An Gleis 17 warteten sie auf die Waggons, die sie in den Osten bringen sollten - in die Konzentrationslager Auschwitz und Theresienstadt, in die Gettos von Litzmannstadt und Riga, in den Tod.

Noch bis kurz vor Kriegsende, bis zum März 1945, deportierten von Gleis 17 aus die Nationalsozialisten Juden in die Vernichtung.

Auf den Tag 70 Jahre später gedachten am Dienstag Senat und Jüdische Gemeinde zu Berlin zum ersten Mal mit einer gemeinsamen Veranstaltung am Denkmal "Gleis 17" auf dem S-Bahnhof Grunewald. Beteiligt waren auch die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und die Deutsche Bahn. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, wie auch Zeitzeugin Inge Deutschkron richteten mahnende Worte an die mehreren Hundert Menschen, die zum Gedenken an die Opfer gekommen waren. Die Autorin Deutschkron überlebte die NS-Zeit im Berliner Untergrund. Es war ihre Initiative, an den 70. Jahrestag der ersten Massendeportation von Berliner Juden nach Osteuropa am Bahnhof Grunewald zu erinnern. "Mit diesem zahlreichen Erscheinen haben wir ein Zeichen gesetzt", sagte Wowereit. "Damit erinnern wir an das schmerzlichste Kapitel Berlins." Die Stadt bekenne sich zu ihrer Verantwortung. "Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit werden wir auch zukünftig bekämpfen." Die Initiatoren hatten gebeten, weiße Rosen als Zeichen der Trauer niederzulegen. Schließlich waren mehrere Hundert Meter an den beiden Gleiskanten entlang mit Blumen bedeckt.

Auch Katrin Hirsch hat eine weiße Rose in der Hand. Sie wohnt in der Nachbarschaft: "Es ist eine eindrucksvolle Gedenkstätte, und sie befindet sich mitten in unserem Alltag, mitten in unserem Leben. Mit meiner 15-jährigen Tochter habe ich oft über die schrecklichen Ereignisse von damals gesprochen. Ich war auch schon in Israel", sagt Katrin Hirsch. "Den Termin heute hatte ich mir schon lange vorgemerkt." Sie legt ihre Blume zu den anderen, die die Gleise bedecken.

Während der Reden herrscht auf dem Bahnsteig ein Kommen und Gehen. Die meisten der Besucher treten an das Gleisbett, lesen die Inschriften der Metalleinlassungen im Boden. Dort stehen die Zahlen der Deportierten für jeden Transport Richtung Osten, das dazugehörige Datum und die Namen der Konzentrationslager. Beim ersten Transport am 18. Oktober vor 70 Jahren wurden 1089 Juden in Güterzügen der Reichsbahn deportiert. Ziel war das Getto in Litzmannstadt (Lodz) in Polen. Weitere Transporte führten nach Minsk und Riga und zum Konzentrationslager Auschwitz.

Insgesamt verließen während der NS-Zeit 60 sogenannte Osttransporte den Bahnhof Grunewald. Die Transporte in die Gettos und Konzentrationslager rollten bis März 1945. 55 000 von 160 000 Mitgliedern jüdischer Gemeinden in Berlin fielen dem nationalsozialistischen Vernichtungsprogramm zum Opfer. Die Reichsbahn war einst federführend an der Deportation der Juden beteiligt.

Erst 1988 wurde an dem Gleis 17 ein Mahnmal eröffnet, das an die Verschleppung erinnert, die Anlage durch Sanierungsarbeiten erhalten. Der 160 Meter lange Bahnsteig wurde nachgebaut.

"Hätte ich damals weggesehen?"

"Wir forschen viel über Nazideutschland und auch über die Geschichte unserer Väter", sagen Eva Züchner und Peter Hahn. Die Kunsthistorikerin und Schriftstellerin und der ehemalige Direktor des Bauhaus Archivs engagieren sich seit Jahren auch für das Verlegen der Stolpersteine in Schöneberg. "Wir haben in Archiven herausfinden können, wo früher jüdische Mitbürger an der Trautenaustraße gelebt haben. Vor den Häusern erinnern jetzt die Stolpersteine an die verschleppten Nachbarn." Beide kommen zu der Gedenkveranstaltung mit einer wichtigen Frage: "Wie hätte ich mich damals verhalten? Hätte ich wie die meisten weggesehen, oder hätte ich den Mut gehabt einzugreifen?" Auch Austauschschüler aus Israel stehen während der Gedenkveranstaltung an Gleis 17. Sie besuchen für eine Woche Schülerinnen und Schüler der Jüdischen Oberschule. "Für mich ist es sehr wichtig, hier in Berlin zu sein", sagt Omer Eshkol aus Haifa. "Das gehört zu der Geschichte der Juden, und es ist sehr wichtig, über die Vergangenheit Bescheid zu wissen." Eigentlich hatten die Schülerinnen und Schüler des Leo Beck Education Center in Haifa an diesem Tag einen Besuch des Holocaust-Mahnmals nahe dem Brandenburger Tor geplant. Von der Gedenkveranstaltung am Bahnhof Grunewald hatten sie erst während ihres Aufenthaltes in Berlin erfahren. "Danach haben wir kurzfristig unsere Pläne geändert", sagt Ayelet Shatzov, Sozialarbeiterin aus Israel. "Die Großeltern meines Vaters sind in den Lagern umgekommen", sagt Sebastian Band. "Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen, aber einen direkten Bezug zu diesem Teil der Geschichte habe ich nicht." Auch die Austauschschüler und ihre Gastgeber halten weiße Rosen in den Händen. "Wir sind es den Vorfahren schuldig, dass wir uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen", sagt eine Schülerin.

Kritik an der Gedenkveranstaltung kam von der Israelitischen Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel. Sie wirft dem Senat vor, sie beim Gedenken an die Judendeportation im Dritten Reich nicht berücksichtigt zu haben. Die Gemeinde sei vom Senat nicht zur Beteiligung an der Veranstaltung aufgefordert worden.