Verdacht

Den Tod in Kauf genommen

Pudel Endy hat ihr wahrscheinlich das Leben gerettet. Waltraud F. ist bei dem Brandanschlag auf ihre Wohnung in Hellersdorf nur leicht verletzt worden. Ihr Hund weckte die 80-Jährige mit lautem Gebell gegen Mitternacht - und machte sie so auf die in Brand gesteckte Gardine im Wohnzimmer aufmerksam.

"Ich habe mit meinen Händen versucht, die Flammen zu ersticken", sagte Waltraud F. am Sonntag der Berliner Morgenpost. "Den Grillanzünder löschte ich schließlich mit einem nassen Lappen, dabei verletzte ich mich an den Händen. Auf dem Boden entdeckte ich später einen Brandfleck", sagte die Seniorin.

In der Nacht zu Sonnabend war in der Erdgeschosswohnung in der Suhler Straße gegen Mitternacht Feuer ausgebrochen, nachdem ein Unbekannter einen brennenden Grillanzünder durch das gekippte Fenster geworfen hatte. Durch das Gebell ihres Hundes alarmiert, konnte die Frau die Flammen rechtzeitig löschen und erlitt nur leichte Verletzungen. Nach Angaben von Ermittlern hätte es einen folgenschweren Brand geben können, der den Tod der aus der Lausitz stammenden Frau zur Folge hätte haben können. Fast zeitgleich brannten in der Nacht zu Sonnabend ganz in der Nähe Fahrzeuge in der Gothaer Straße, in der Albert-Kuntz-Straße und in der Lichtenhainer Straße.

Neue Dimensionen erreicht

Damit hat die Serie von Brandstiftungen in Berlin möglicherweise eine neue Qualität erreicht. Das Landeskriminalamt prüft derzeit, ob es einen Zusammenhang zwischen den angezündeten Fahrzeugen und dem in die Wohnung der Rentnerin geschleuderten Grillanzünder gibt. Dass sie beinahe zum Opfer der seit Monaten Schaden anrichtenden Autobrandstifter geworden wäre, konnte Waltraud F. in der Nacht zu Sonnabend noch nicht ahnen. "Das wurde erst später durch die Ermittlungen klar", sagte sie. Von den Tätern fehlt bisher jede Spur.

Dass die in diesem Fall gesuchten Unbekannten zur Autobrandstifterszene gehören könnten, dafür spricht die Nähe zu anderen Taten aus der Nacht. Kurz nach Mitternacht hatte ein Passant den an der Gothaer Straße brennenden Ford Fiesta entdeckt. Der auf dem Kundenparkplatz eines Lebensmittelgeschäfts abgestellte Wagen brannte vollständig aus. Der Tatort liegt nur 550 Meter von der Wohnung von Waltraud F. entfernt, auch der Zeitpunkt ist ähnlich. Insgesamt brannten in dieser Nacht in Hellersdorf, Mitte und Prenzlauer Berg fünf Autos und ein Motorroller, bei zwei weiteren Fahrzeugen erloschen die Flammen von selbst.

Sollte sich ein Zusammenhang zwischen den Taten an der Suhler und der Gothaer Straße ergeben, wäre dies nach Angaben eines Ermittlers der "Abschied der Brandstifter von dem Angriff auf Sachgegenstände". Dann würde sich der Frust auch gezielt gegen Menschen richten. "Wer einen glimmenden Grillanzünder zur Nachtzeit in eine Wohnung wirft, nimmt eiskalt den Tod von Menschen in Kauf", sagte der Beamte. Dies habe mit einer politischen Aussage nichts mehr zu tun. Deshalb gehe er auch nicht davon aus, dass diese Tat auf das Konto von Linksextremisten gehe. "Auch die gewaltbereiten Linken in Berlin haben es sich immer zum Grundsatz gemacht, niemanden zu verletzen, von der Staatsmacht bei Demonstrationen wie am 1. Mai abgesehen, so zynisch das auch klingen mag."

Vielmehr sei das Phänomen der Brandstiftungen in der Hauptstadt mutiert. "Sicherlich waren zu Beginn dieser Serien von solchen Attacken linke Gruppen daran beteiligt, die es auf hochwertige Fahrzeuge abgesehen hatten, die für sie Kapitalismus verkörperten." Mittlerweile aber seien den Erkenntnissen nach zahlreiche Trittbrettfahrer im Stadtgebiet unterwegs, die sich mehr und mehr skrupellos geben. So war beispielsweise vor wenigen Wochen die Wohnung eines Rentners in Westend von einem Feuer bedroht, weil ein zum Fenster hin hängender Ast in seine Räume zu fallen drohte, der durch ein in Brand gesetztes Auto entzündet worden war. Bei der Polizei wird vermutet, dass die Extremisten nach der Aktion mit Brandsätzen gegen die Deutsche Bahn gemerkt haben, dass sie keinerlei Zuspruch - auch nicht in linken Internet-Foren - bekommen. Dadurch könnte sich die sicherlich auch unpolitisch motivierte Szene wieder ihrem "Kerngeschäft" - dem Anzünden von Autos - zuwenden. Je nach Verteilung der Ämter im künftigen Senat könne dies dann auch an Intensität noch zunehmen.

Zeugen aus der Nacht gesucht

Waltraud F. ist in der Nacht zum Sonnabend mit dem Schrecken davongekommen. Erst vor wenigen Tagen ist sie Urgroßmutter geworden, am Sonntag kam der Nachwuchs ihres Enkels erstmals zu Besuch. Ihrem Hund, der seit dem Tod ihres Mannes auf dessen Seite im Ehebett schläft, hat sie für seinen Einsatz eine Extra-Portion seines Lieblingsfutters spendiert. "Seit 40 Jahren habe ich Pudel an meiner Seite. Und wenn Endy mal nicht mehr sein sollte - werde ich mir wieder einen anschaffen." Natürlich hofft sie aber, dass ihr Gefährte noch lange leben wird. Einen Schluss hat die 80-Jährige aus dem Anschlag auf ihre Wohnung gezogen: "Ich werde jetzt auch tagsüber die Jalousie vor dem Schlafzimmer unten lassen. Einen solchen Schrecken möchte ich niemals wieder erfahren müssen."

Ein Brandkommissariat des Landeskriminalamts hat die Ermittlungen übernommen, der Tatvorwurf lautet auf "vorsätzliche Brandstiftung". Hinweise von Zeugen nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.

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