Berliner helfen

"Es ist wichtig, dass Kinder spüren: Wir haben dich lieb"

Seit dreißig Jahren hat er keinen Feierabend mehr, keinen Abend mit seiner Frau alleine. Neuerdings fährt er einen Minivan mit sieben Sitzen - und freut sich, dass er jetzt ein so kleines Auto hat. Und trotzdem will Matthias Schubert sein Leben um nichts in der Welt eintauschen. Der 56-jährige Lichterfelder ist Pflegevater aus Leidenschaft.

Mit Anfang zwanzig begannen er und seine Frau Marion (53) Kinder aufzunehmen, die in Notsituationen sind. "Manchmal saßen bei uns sechs Kinder am Esstisch", erzählt er. Zu den zwei eigenen Kindern, die heute 30 und 33 Jahre alt sind, kamen zwei Dauerpflegekinder, heute 20 und 23, und zahlreiche Krisenpflegekinder, die oft nur ein paar Tage, manchmal viele Monate blieben.

Der Mann mit Vollbart, kariertem Hemd und Jeans engagiert sich gerne - vor allem ehrenamtlich. Der gelernte Bäcker stellte einmal vor 30 Jahren knapp 5000 Christstollen her und spendete den Gewinn an die Kirche am Südstern. Während er im Außendienst der Gasag arbeitete, besuchte in der Abendschule drei Semester lang eine heilpädagogische Fortbildung, um seine Pflegekinder zu Hause gut betreuen zu können. "Viele sind plötzlich aus ihren Familien genommen worden, weil sie misshandelt wurden oder ihre Eltern ins Gefängnis kamen. Sie brauchen Hilfe und eine stabile Pflegefamilie."

Schubert machte eine berufsbegleitende Ausbildung zum Erzieher und arbeitet nun in der Steglitzer Einrichtung "Kita und Kinderhaus Athene" neben der Athene-Grundschule in der Curtiusstraße. Außerdem ist er ehrenamtlich stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises zur Förderung von Pflegekindern e.V. und der dazugehörigen Stiftung. Und seit April 2009 ist er auch noch ehrenamtlicher Chorleiter. Genauso lange gibt es nämlich den "Fosterfamily & Friends"-Chor. Er besteht aus etwa 20 Männern und Frauen zwischen 14 und 56 Jahren, die zu einem großen Teil selbst Pflegekinder, Pflegeeltern oder Adoptivkinder sind. Das gemeinsame Musizieren kann seelische Verletzungen heilen, das Sozialverhalten schulen und schafft ein gutes Gemeinschaftsgefühl.

Schubert regelt alles Organisatorische, plant die Auftritte und begleitet die Musik mit seiner Gitarre. Der Träger der Athene-Einrichtungen, "Mittelhof e.V.", hat Probenräume zur Verfügung gestellt. Gesungen wird hauptsächlich Pop, Dixie und vor allem Gospel. Der Chor hat unter anderem in der Potsdamer Nicolaikirche und auf der 125-Jahre-Kudamm-Feier gesungen. Die Vorbereitungen für die Weihnachtszeit beginnen gerade. Der Chor tritt zum Beispiel in der Kirche am Südstern gemeinsam mit Gastkünstlern auf.

Nina Kühne ist Adoptivkind und singt den Sopran in "Lean on me". "Wir singen für unser Leben gern, keiner will die Proben versäumen", erzählt die 29-Jährige. Hier gehe es in erster Linie nicht um Leistung, sondern um den Spaß. "Und natürlich sind alle besonders motiviert, weil es für einen gemeinnützigen Zweck ist. Für etwas, was sonst im öffentlichen Bewusstsein häufig untergeht." Die gesammelten Spenden gehen an die "Stiftung zur Förderung von Pflegekindern Berlin". Aber das Wichtigste ist die Öffentlichkeit, die sie damit erreichen. "Wir wollen möglichst viel Aufmerksamkeit bekommen", sagt Matthias Schubert. Immer öfter würden Kinder in Heimen untergebracht, weil nicht genug Pflegefamilien da seien. "Aber Kinder brauchen Familien."

30 Jahre lang ist Matthias Schubert neunsitzige Kleinbusse gefahren, um seine große Familie darin unterzubringen. "Neuerdings fahre ich in einem kleinen Auto herum. Es hat fünf Sitze, zwei zusätzliche kann man ausklappen." Der Nachteil: Das Chorequipment passt nicht mehr hinein. "Deshalb suchen wir jemanden, der uns kostenlos einen Leasingwagen für einen solchen Konzerttag zur Verfügung stellt. Das wäre eine Riesenhilfe."

In seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises zur Förderung von Pflegekindern mischt er sich auch in die Debatten zum Thema Pflegekinder ein: "Der Verein engagiert sich für das Pflegekinderwesen. Er setzt sich zum Beispiel ein, wenn Rechtsgrundlagen für die Pflege zur Diskussion stehen."

Am liebsten möchte er noch mindestens ein Instrument lernen. Vor einigen Jahren hat er mit Querflöte angefangen. Banjo spielt er auch schon. Außerdem plant er einen Fosterfamily-Kinderchor ab nächstem Jahr und die Aufnahme einer Chor-CD. "Es wäre schön, wenn wir ein Weihnachtskonzert in einem Krankenhaus singen könnten. Viele Patienten kommen da ja nicht raus in der Weihnachtszeit." Und er möchte ein Buch schreiben. Darüber was es heißt, Pflegekinder aufzunehmen. Mit 50 Jahren litt er unter einem Burnout-Syndrom. "Bei allen Vorhaben: Ich habe durch diese Erfahrung auch gelernt, nein zu sagen, alles nacheinander zu machen und Arbeit an andere abzugeben."

Weiterhin Pflegekinder zu haben, ist für ihn klar. In Steglitz-Zehlendorf gibt es zwar Notunterkünfte, die Kinder aufnehmen, aber nur drei Pflegefamilien. "Familien bedeuten: kein wechselndes Personal, ein bisschen mehr Geborgenheit." Deshalb engagieren er und seine Frau sich in der 'Familiären Bereitschaftsbetreuung'.

"Für uns ist es wichtig, dass die Kinder spüren: Egal, was du vielleicht für Macken hast - wir haben dich lieb. Ich nenne es die 'Trotzdem-Liebe'." In Matthias Schuberts Stimme schwingt tiefe Überzeugung mit. "Das sind die Grundsätze nach denen meine Frau und ich handeln. Sie haben uns unser Leben lang begleitet."