Adipositas

Berlins erste XXL-Klinik

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Philipp Kurbel

Nur einen Joghurt schafft sie, dann ist Marina Tissmer satt. Der Sessel, in dem sie sitzt, gibt ihr einen Meter Sitzfläche, deutlich mehr als ein normaler Sessel. Vor vier Tagen hat sie auf einem Operationstisch des Adipositas-Zentrums im Vivantes-Klinikum Spandau gelegen, der speziell für Patienten mit einem Körpergewicht von 250 Kilogramm und mehr ausgelegt ist.

So weit geht es bei Marina Tissmer nicht. Sie wiegt nur 155 Kilo. Als sie auf dem OP-Tisch lag, hat Adipositas-Spezialist Volker Lange ihren Magen deutlich verkleinert. Sie besitzt jetzt einen sogenannten Schlauchmagen, um den gesundheitsschädlichen Effekten ihres Übergewichts entgegen zu wirken. "Ich kann nichts mehr alleine erledigen. Das ist für mich und auch für meine Familie eine große Belastung. Deshalb habe ich mich für die Operation entschieden", sagt die 56 Jahre alte Hausfrau aus Ahrensfelde.

Sie ist nicht alleine. Einer Studie zufolge sind 45 Prozent der Frauen und knapp 60 Prozent der Männer in Deutschland übergewichtig oder adipös, der Anteil nimmt mit dem Alter zu. Neben falscher Ernährung sind es vor allem genetische und psychologische Faktoren, die zur Adipositas führen können. Entscheidendes medizinisches Kriterium für Übergewicht ist der Body-Mass-Index. Er gibt das Verhältnis von Gewicht zur Körpergröße an und wird zur Einstufung des Patientengewichts verwendet. Patienten mit einem BMI über 25 gelten als übergewichtig, als adipös bei einem BMI von 30. Die besonders schwere Adipositas Typ III beginnt mit einem BMI von über 40, ein Wert, den Marina Tissmer nur zu gut kennt: "Mein Hausarzt hat mich auf meinen hohen BMI hingewiesen. Aber am Anfang denkt man sich eben, das sei einfach nur eine Zahl. Über die Folgen macht man sich keine Gedanken." Mediziner sprechen vom tödlichen Quartett, das sich regelmäßig bei Adipositas-Patienten einstellt. Oft beginnt der Krankheitsprozess schleichend: Die Patienten merken zunächst nur eine generelle Erschöpfung und erhöhten Blutdruck. Oft kommt es dann zu einem Einsetzen der Zuckererkrankung Diabetes mellitus. Bluthochdruck und Diabetes sind ihrerseits Risikofaktoren für Arteriosklerose, die Arterienverkalkung. Viele Übergewichtige sterben daher an Herzinfarkten oder erleiden Schlaganfälle. Bei einigen treten zudem Erkrankungen der Atemwege auf. So auch bei Marina Tissmer. Die 56-Jährige leidet an Zucker und Atemnot. Mittlerweile muss sie immer häufiger auf die Atemmaske zurückgreifen, auch nachts. "Mich hat dann mein Lungenarzt auf die Möglichkeit einer Operation hingewiesen", sagt Tissmer. So hat sie Anke Rosenthal kennengelernt. Die Ernährungsmedizinerin berät in ihrer Schwerpunktpraxis in Charlottenburg Übergewichtige. Denn die Behandlung der schweren Adipositas ist mehr als eine Diät. Das Zusammenspiel von Essgewohnheiten, sozialen Faktoren und psychologischer Vorgeschichte des Patienten muss durchbrochen werden, um echte Behandlungserfolge zu erzielen. Viele Patienten, die zu Anke Rosenthal in die Praxis kommen, haben eine entsprechende Vorgeschichte hinter sich: Die meisten klagen über erfolglose oder nicht anhaltende Diäten. Bei Rosenthal müssen sie erneut sechs Monate unter Aufsicht der Ärztin eine Diät machen. Bevor die Patienten die Operation erhalten, müssen sie außerdem eine Einverständniserklärung unterschreiben, in der sie sich zu einer lebenslangen Nachsorge verpflichten, erst dann folgt der entscheidende Klinikaufenthalt.

"Was wir hier täglich machen, ist keine Schönheits-Operation wie das klassische Fettabsaugen. Bei der Adipostitas-Operation handelt es sich um einen gezielten Eingriff am Verdauungssystem", sagt Volker Lange. Er operiert im Adipositas-Zentrum Spandau drei Mal am Tag, vier Mal die Woche. Beim Schlauchmagen verkleinert Lange das Gesamtvolumen des Magens, indem er Teile des Organs entfernt. Fast alle Operationen führt Lange minimalinvasiv durch. "Eine minimalinvasive Operation ist schon deshalb wichtig, weil viele der Patienten zuckerkrank sind und daher an Wundheilungsstörungen leiden", sagt Lange. Das sei für eine offene Operation sehr problematisch. "Bei einer minimalinvasiven OP lassen sich diese Komplikationen umgehen." Durch einen dünnen Schlauch stößt Lange mit seinen Werkzeugen in die Bauchhöhle der Patienten vor. So vermeidet er große Hautschnitte.

Im Normalfall sollen die Patienten noch am Tag der Operation aufstehen. Vier Tage später werden sie dann entlassen. Nach Hause gehen zu dürfen bedeutet aber nicht, dass sie von diesem Moment an wieder auf sich alleine gestellt sind. Am Entlassungstag muss Marina Tissmer in die Schwerpunktpraxis zu Anke Rosenthal. "Neben der Operation ist es vor allem wichtig, den Patienten auf seinem Weg zu begleiten. Ein Krankenhaus kann das nicht gleichzeitig leisten", sagt Volker Lange. Daher arbeitet das Adipositas-Zentrum Spandau mit Rosenthal zusammen. "Das ist das besondere an unserem Konzept: andere Kliniken versuchen, gleichzeitig Vorsorge, Operation und Nachsorge alleine zu bewältigen. Da kann oft einer dieser Punkte zu kurz kommen. Mit Anke Rosenthal sind wir demgegenüber hervorragend aufgestellt."

In den vier Tagen nach ihrer Operation hat Marina Tissmer fünf Kilo abgenommen - und es werden noch deutlich mehr werden. Jetzt freut sie sich vor allem auf ihre wieder gewonnene Freiheit: "Einfach mal wieder alleine S-Bahn fahren, das habe ich so lange vermisst." Besonders überrascht ist sie aber, dass sie sich wirklich satt fühlt. "Das kann ich immer noch kaum glauben. Früher habe ich vier Portionen gegessen und war noch hungrig. Heute brauche ich selbst für etwas Kartoffelpüree schon länger, und mehr schaffe ich dann gar nicht."

Sie weiß aber auch, dass es nicht so bleiben wird. "Ohne eine wirkliche Umstellung geht es nicht. Die Operation ist keine Wunderheilung, auf der ich mich ausruhen kann." Ihr Aufenthalt im Adipositas-Zentrum Spandau ist eine Station des Weges, der sie in eine gesündere Zukunft führen soll. "Ich glaube, niemand lebt glücklich mit Übergewicht. Wer zufrieden mit 150 Kilo oder mehr ist, der macht sich was vor."

"Niemand lebt glücklich mit Übergewicht"

Marina Tissmer, 56, Hausfrau aus Ahrensfelde