Sebastian Tievenow

Das ganz normale Wunderkind

Sebastian Tievenow ist ein ganz normales Kind. Elf Jahre alt, ungefähr eins fünfzig groß, dünn, schwarze Haare. Er trägt Jeans und T-Shirt, Turnschuhe mit Klettverschluss. Er besucht ein Gymnasium, Geografie ist sein Lieblingsfach. In seiner Freizeit steht Sebastian beim Tischtennis an der Platte oder trifft sich mit seinen Freunden.

Außerdem spielt Sebastian Klavier, mindestens eine Stunde am Tag. Und wenn er zweimal in der Woche zum Klavierunterricht fährt, dann ist das ein bisschen anders als bei anderen Kindern seines Alters.

Denn der Elfjährige fährt nicht einfach zur Musikschule. Sebastian ist Jungstudent an der Musikhochschule Hanns Eisler. Vergangenes Jahr bestand er die schwierige Aufnahmeprüfung. Jetzt gehört er zu den jüngsten Studierenden der renommierten Hochschule. Am Freitag dieser Woche gibt Sebastian sein Debüt vor großem Publikum, im Kammersaal der Philharmonie. Wenn er daran denkt, wie viele Konzertbesucher ihm da wohl zuhören werden, lächelt er. Aufregung kennt der Gymnasiast nicht, nur ein bisschen Nervosität vielleicht. "Ich freue mich drauf", sagt Sebastian und sein Blick geht ein wenig ins Leere. So als stelle er sich gerade vor, wie das wohl wird: die vielen Menschen, die Scheinwerfer auf der Bühne, die Konzentration davor, der erlösende Applaus danach.

Sebastian studiert bei Galina Iwanzowa. Die Professorin sagt: "Öffentliche Auftritte sind wichtig für die Entwicklung junger Künstler." Viele Talente spielten im stillen Kämmerlein vor sich hin, ohne regelmäßig die intensive Erfahrung eines Konzerts zu machen. Seit 1968 lehrt Iwanzowa an der Musikhochschule Hanns Eisler - im Schatten des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Vom Fenster ihres Unterrichtsraums blickt man direkt auf den Künstlereingang des klassizistischen Gebäudes, das zu DDR-Zeiten so etwas wie die Philharmonie des Ostens war. Dort drüben wird Thomas Gottschalk Anfang Oktober den "ECHO-Klassik" vergeben. Ein Preis, den Iwanzowas wohl berühmtester Schüler Martin Helmchen bereits in zweifacher Ausführung sein eigen nennen darf. Helmchen hat sich als Kammermusiker einen Namen gemacht, am Mittwoch kehrt er für ein Konzert ins Blickfeld seiner alten Lehrerin zurück.

Lang Lang ist kein Vorbild

Auch Sebastian hat schon im Konzerthaus gespielt. Ganz allein, auf der Bühne nur er und ein Konzertflügel. Am Freitag in der Philharmonie wird das anders. Dann begleitet ihn das Junge Sinfonieorchester Berlin. Das Ensemble wurde erst im vergangenen Jahr gegründet. Die Musiker sind Studierende oder junge Absolventen der Berliner Musikhochschulen. Für Sebastian ist das gemeinsame Musizieren ein tolles Erlebnis. "Es ist schön, mit jungen Leuten zusammenzuspielen." Die Anspannung sei dann auch nicht so groß.

Musikalische Vorbilder hat Sebastian keine: "Auch nicht Lang Lang." Der chinesische Wunderpianist ist vor allem für seine technische Brillanz und spielerische Leichtigkeit bekannt. Attribute, die auch Zauberfußballer Lionel Messi beschreiben. Den hingegen findet Sebastian klasse. "Ich bin Barcelona-Fan", sagt er. Völlig klar, dass Messi sein Lieblingsspieler ist. Der junge Argentinier durchlief in den Jugendmannschaften Barcelonas die wohl beste Talentschule.

Schaut man nach Berlin und in die Welt der Pianisten, bietet der Unterricht bei Galina Iwanzowa eine ähnlich hervorragende Förderung. Sie ist eine der wenigen Professorinnen, die Jungstudenten gern unterrichtet. Das erfordert eigene Methoden. Die Facetten der Musikalität erklärt sie Sebastian so: "Wenn die Musik lustig ist, müssen die Finger eben schneller laufen." Die Charakteristik eines Allegretto - kindgerecht erklärt.

Sebastians Mutter ist begeistert: "Es ist ein großes Glück, dass er bei einer so erfahrenen Lehrerin Unterricht haben kann." Sie tut viel, damit ihr Sohn seine musikalische Begeisterung ausleben kann. Vor allem schützt sie ihn vor denen, die in dem Elfjährigen ein Wunderkind, den zukünftigen Star am Pianistenhimmel, sehen. "Jedes Kind hat eine Begabung, wenn man sie findet und richtig fördert", sagt sie.

Sebastians große Begabung kann Galina Iwanzowa ganz knapp formulieren: "Er kann sich wunderbar konzentrieren." Sebastian blendet dann alles andere aus. "Nur bei schwierigen Stellen muss ich manchmal nachdenken", sagt er. Es fällt ihm schwer, zu beschreiben, was er in diesen Momenten fühlt. "Na, die Musik, die du fühlst, muss einfach raus, oder?" sagt seine Lehrerin. Sebastian nickt. Welche Stücke er spielt, auch das gibt Iwanzowa ihm vor. Chopin, Mendelssohn, Beethoven - bisher habe es immer Spaß gemacht, sagt Sebastian. Zuletzt übte er die "Ungarische Rhapsodie" von Franz Liszt: "Liszt zu spielen ist schon toll." Der ungarische Komponist war selbst ein begnadeter Pianist, bekannt für die große Spannweite seiner Finger. Auch Sebastians Hände sind schon ziemlich groß. Seine größte Stärke ist jedoch keine körperliche. "Er ist sehr bescheiden", sagt Galina Iwanzowa. Man glaubt ihr sofort. Zurückhaltend sitzt Sebastian auf der Kante seines Klavierhockers, die Hände im Schoß gefaltet. Es ist schwierig, seinen Gesichtsausdruck zu lesen.

Die Musik einatmen

Dann legt er seine Finger auf die Klaviatur. Noch einmal rutscht er auf dem Hocker hin und her, schließlich sitzt er stabil, seine Haltung ist vorbildlich, der Rücken kerzengerade. Die Bescheidenheit weicht spielerischer Freude.

Leise erklingen die ersten Töne, langsam wird die Musik lauter. Auf dem Höhepunkt einer Phrase neigt sich sein Kopf leicht nach vorne. Es ist, als wolle Sebastian die Musik einatmen. Ein tiefer Zug nach dem anderen. Jeder kleinsten Umspielung einer Note entlockt er starken musikalischen Ausdruck. Das schmerzerfüllte Adagio aus Mozarts 23. Klavierkonzert - Sebastian spielt es unbekümmert, gibt der Schwere des Stoffs ein wenig jugendliche Leichtigkeit. "Die Traurigkeit des Stücks stört mich nicht", sagt er. In der Philharmonie spielt er alle drei Sätze des bekannten Mozart-Werkes.

Draußen, vor dem französischen Dom, steht ein Drehorgelspieler. Die eintönige Melodie seiner Leier klingt nach einer russischen Volksweise. Das Gedudel ist bis hoch in den dritten Stock zu hören. Sebastian lauscht aufmerksam, sein Blick wird verträumt. Woran er wohl denkt? Den Klavierunterricht? An Mozart und Messi, die Genies? Das Konzert in der Philharmonie? Sebastian sagt nichts, sein Gesicht verrät keine Emotionen. Vielleicht denkt er einfach nur daran, wie lang der Tag doch war, dass er müde ist und dass dummerweise am nächsten Morgen schon früh wieder die Schule anfängt. Schließlich ist Sebastian ein ganz normales Kind.