Marathon

125 Nationen in Berlin am Start

Franz Feddema lädt die Pistole und drückt ab. Der Knall ist ohrenbetäubend. Einige Kinder schreien. Dann stürmen sie los. Doch ganz so laut wird es am Sonnabend bei der Eröffnung des 38. Berlin-Marathons nicht sein: Damit die jungen Athleten beim Start des Bambini-Lauf nicht mehr so erschrecken, tauscht Feddema dieses Mal Pistole gegen Startklatsche.

Um 11 Uhr beginnt am Sonnabend auf dem Flughafen Tempelhof der Bambini-Lauf, um 15.20 Uhr der Mini-Marathon an der Potsdamer Straße. Mit 40 Kindern fing 1992 alles an, inzwischen sind es über 1300. Geplant war das so nicht. Franz Feddema ist eher aus Versehen ein Urgestein des Berlin Marathons geworden. Jahrelang lief er die 42,195 Kilometer selber, dann wollte er junge Menschen für seinen Sport begeistern und organisierte die Nachwuchsrennen. "Die Kinder freuen sich so, wenn sie im Ziel sind. Das macht wahnsinnig viel Spaß, es anzuschauen", sagt der Vater von drei erwachsenen Kindern. Entdeckt er beim Bambini-Lauf ein Talent, spricht er die Eltern an und rät ihnen zu einem Verein.

67 Jahre ist Feddema alt, fünf Mal in der Woche schult er Läufer in Technik, Taktik und Kondition. Über die lange Strecke. "Ich bin immer noch in der Lage, ihnen was vorzumachen", sagt er. Kurze, graue Haare, drahtig, trainiert. In der letzten Woche hat er 100 Kilometer in Leipzig abgespult, davor ist er mit seinem Laufteam 24 Stunden durch Bernau gerannt. Wie das geht? "Wir laufen einfach." Feddema hat gelernt, sich durchzubeißen.

Das hilft beim Berlin-Marathon. Die Strecke präparieren, Gitter aufstellen, Startnummern verkaufen, Anmeldungen registrieren. 35 Helfer sind von Mittwoch an im Einsatz, um mit Feddema die Wettkämpfe vorzubereiten. Ehrenamtlich. Der Trick: Alle Helfer laufen selber, trainieren regelmäßig unter Anleitung Feddemas.

Am Sonntag gehen dann Spitzenläufer, Hobbyathleten und Power-Walker gemeinsam auf die Strecke. Teilnehmer aus 125 Nationen sind dabei: ein neuer Rekord. Um 9 Uhr fällt auf der Straße des 17. Juni der Startschuss. Franz Feddema sitzt dann schon längst im Auto - Frauen gucken. Im Rennwagen fährt er dem Lauffeld voraus, immer die Spitzenläuferin und ihre Zwischenzeiten im Blick.

Für die Sehenswürdigkeiten am Streckenrand bleibt da wenig Zeit. Aber die kennt er ohnehin schon. 2005 schnürte er noch einmal die Laufschuhe, um die blinde Läuferin Regina Vollbrecht ins Ziel zu führen. Über ein Seil waren die beiden Läufer miteinander verbunden. Tempo machen, die Laufstrecke beschreiben - Feddema übernahm ab Kilometer 30 die Führung. In 3 Stunden und 22 Minuten stürmte das Duo ins Ziel. Weltrekord. Dieses Jahr geht Vollbrecht nicht an den Start und Feddema sitzt im Rennwagen.

Am Sonntag geht auch Martina Raith auf die Strecke. Die 45 Jahre alte Angestellte aus Pankow-Rosenthal bereitet sich auf ihren ersten Marathon vor - die halbe Distanz hat sie schon mehrmals bewältigt. Sie läuft vier- bis fünfmal pro Woche und lässt sich seit eineinhalb Jahren von Lauftrainer Jens Karraß coachen. Notfalls auch im Dauerregen, wie am vergangenen Sonntag. Für ihre Premiere fühlt sie sich gut gerüstet und peilt lediglich eine Zeit "unter fünf Stunden" an. "Es soll ja auch Spaß machen. Und ich möchte mit einem Lächeln ins Ziel kommen", sagt sie. Am meisten freut sie sich darauf, über den Kudamm zu laufen. Ihr Mann wird sie anfeuern, ein Kollege macht bei Kilometer 34 Musik, und eine Nachbarin verteilt Getränke. Was soll da noch schiefgehen?