TV-Studio im Industriedenkmal

Günther Jauch unter der Kuppel im Gasometer

Wie ein riesiges Fass aus Stahlrohren ragt der fast 80 Meter hohe Gasometer in den Himmel - ein verrosteter Koloss, an dessen Fuße sich auch hochgewachsene Menschen wie Günther Jauch klein fühlen müssen. Davon lässt sich der Moderator jedoch nicht abschrecken. Er hat das Schöneberger Industriedenkmal für seine sonntägliche Talkrunde ausgesucht, "weil er nichts Geschlecktes mag", wie er sagt.

Am heutigen Sonntag, 21.45 Uhr, werden zum ersten Mal die Scheinwerfer im Fernsehstudio, das im Inneren des Stahlskelettes entstanden ist, auf den Bildschirmen zu sehen sein. Nicht nur Günther Jauch, auch der Gasometer rückt dann ins Rampenlicht eines Millionenpublikums. Gesprächsgäste zum Thema "Zehn Jahre 11. September - War es richtig, in den Krieg zu ziehen?" sind Marcy Borders, eine Überlebende der Anschläge auf das World Trade Center in New York, Ex-Verteidigungsminister Peter Struck, Tanja Menz, Mutter eines in Afghanistan gefallenen Soldaten, Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG sowie die Autoren Jürgen Todenhöfer und Elke Heidenreich.

Mehr als 100 verschiedene Events haben bereits in der durchsichtigen Kuppel im Inneren des Gasometers stattgefunden, zumeist nur von einem kleinen Publikum wahrgenommen. Dazu gehörten zum Beispiel die Berliner Klimaschutzkonferenz und der Industrie- und Wirtschaftstag. Die Eisbären feierten im Gasometer ihren Meisterschaftstitel.

Sanierung für 3,8 Millionen Euro

Das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Rost am Skelett und an der Stabilität des Gasometers nagt. Deshalb wird das Wahrzeichen des Schöneberger Industriegeländes gerade für 3,8 Millionen Euro saniert. Vier Jahre lang soll die alte Farbe etappenweise mit einem Laser entfernt und ein neuer Anstrich aufgetragen werden. Mit der Instandsetzung des Gasometers geht es nach Jahren der Planungen voran auf der ehemaligen Industriebrache an der Torgauer Straße. Das 1910 erbaute und 1995 stillgelegte Bauwerk gehörte zu den drei größten Gasspeichern Europas. Längst hat der Speicher ausgedient. Jetzt gibt es eine neue Vision für das Gelände.

Der Visionär ist Reinhard Müller, Vorstand des Europäischen Energieforums, kurz der Euref AG. Er sitzt bei einem Milchkaffee vor der Alten Schmiede, die bereits saniert ist. Vor einem Jahr wurden in dem historischen Gebäude das Restaurant "Bei Pino" und zwei Veranstaltungsräume eröffnet. Ein Anfang.

Die Euref will auf dem 55 000 Quadratmeter großen Gelände die Stadt von morgen errichten - das erste CO2-neutrale Stadtquartier Europas mit Wohnungen und Büros, wo Wissenschaftler, Ingenieure, Strategen und Politiker an praktischen Lösungen für einen nachhaltigen Einsatz von Energie arbeiten.

Ein Baustein des Projekts ist die TU, die sich mit ihrem Master-Studiengang "Stadt und Energie" zum Sommersemester 2012 auf dem Gasometer-Gelände ansiedeln wird. Der zwei Millionen Euro teure Umbau des Wasserturms und des Maschinenhauses zu einem Audimax und Seminarräumen hat begonnen.

Vom Standort am S-Bahnhof Schöneberg ist Reinhard Müller überzeugt. Mitten in Berlin, mit Südkreuz, dem zweitgrößten Bahnhof der Hauptstadt, und der Anbindung zum neuen Flughafen fast vor der Tür, die Autobahn nicht weit - der West-Teil sei ohnehin stark im Kommen. Müller kennt die Gegend gut. Als Student hat er an der Leberstraße gewohnt, zu einer Zeit als der Gasometer noch in Betrieb war. Mit der berlinweiten Umstellung von Stadt- auf Erdgas wurde der Gasbehälter Mitte der 90er-Jahre außer Betrieb genommen, der Zylinder demontiert. Übrig blieb das riesige Stahlskelett.

Wenn der Unternehmer über den Euref-Campus spricht, dann lässt er nicht locker, bis er das Gefühl hat, dass sein Zuhörer ihm folgen kann und alles genau verstanden hat. Es ist das wohl ehrgeizigste Projekt des 57-Jährigen. In seiner 30-jährigen Berufstätigkeit hat Müller mit der Stiftung Denkmalschutz Berlin das Strandbad Wannsee saniert, außerdem die historischen Speichergebäude am Osthafen, die Innenstadt von Halberstadt und die Türme am Frankfurter Tor wieder auf Vordermann gebracht. Insgesamt 400 Immobilienprojekte hat er in dieser Zeit realisiert - mit einem Gesamtvolumen von mehr als vier Milliarden Euro.

Diesmal aber will er etwas völlig Neues schaffen. "Das Leben ist nicht komplizierter, wenn man es energiebewusst gestaltet", sagt Müller. Den Beweis will er auf dem Euref-Campus antreten. Seine Vorstellung vom energiebewussten Wirtschaften soll schon bald Realität werden. Der Architekt will Häuser bauen "wie Computer", in denen sich jedes Aggregat zentral steuern lässt. Der Neubau eines Bürohochhauses auf dem Gelände, das diesen Kriterien entspricht, hat vor kurzem begonnen. 30 Millionen Euro investiert die Euref AG in das Gebäude, dass "voll elektronisch gesteuert sein wird", so Müller. Zwei Drittel der Fläche sind bereits vermietet.

Der Euref-Campus bietet für das Energie-Experiment und die Stadt der Zukunft die besten Voraussetzungen. Das Grundstück ist voll erschlossen mit einem eigenen Gas-, Strom-, Wasser- und Entwässerungsnetz. Eines Tages sollen 15 Häuser und 5000 Mitarbeiter und Bewohner eine eigene kleine Stadt auf dem Campus bilden, mit Windrädern auf den Dächern, Solaranlagen, Biogas-Anlagen. Gab es 2007 etwas mehr als 100 Arbeitsplätze auf dem Areal, sind es jetzt schon mehr als zehn Unternehmen, Institute und Forschungseinrichtungen mit insgesamt 600 Mitarbeitern, die sich auf dem Campus angesiedelt und vernetzt haben. Die meisten davon haben ihren Sitz im bereits sanierten Messelbau, der nach dem Architekten Alfred Messel (1853-1909) benannt ist. Der Leitspruch der Internationalen Architektur-Biennale aus dem Jahr 2000 "Less Aesthetics more Ethics" (Weniger Ästhetik, mehr Moral) leuchtet in Neonblau im Foyer - ein originales Lichtkunstobjekt des italienischen Künstlers Mauricio Nannucci, dessen Maxime Reinhard Müller zum Credo erhoben hat.

Auf dem Parkplatz neben dem Messelbau steht ein BMW-Mini an der Ladestation. Drei bis vier Stunden wird er brauchen, bis seine Batterien geladen sind. Elektro-Smarts und Hybrid-Toyotas des Carsharing-Projekts der Deutschen Bahn haben auf dem Campus ihre Station. Ein Solarsegel sorgt für den "Kraftstoff".

Begleitet wird das Projekt vom "Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel" (InnoZ), das seinen Sitz seit dem vergangenen Jahr im Messelbau hat. Die Mitarbeiter erproben die Integration von Elektromobilität in den öffentlichen Verkehr. Die Region Berlin/Potsdam ist eine von acht Modellregionen, in denen die Tests laufen.

Eine Fahrt mit dem kleinen Elektro-Smartüber den Campus gibt ein erstes Gefühl von der Stadt der Zukunft: Fast unhörbar rollte das Auto über die asphaltierten Wege, vorbei an den alten Klinkerbauten, modernen Anbauten und dem rostigen Stahlkoloss. Das Gespräch im Auto kann in normaler Lautstärke geführt werden. Doch Reinhard Müller auf dem Beifahrersitz bleibt für einen Moment still. Er lässt das Auto für seine Vision sprechen.