Gesichter der Renaissance

Das große Warten am Bode-Museum

| Lesedauer: 4 Minuten
Leon Scherfig

Ein Mann und eine Frau blättern in aller Ruhe in einem Kunstmagazin. Sie haben Zeit, zwei Stunden bestimmt. Die beiden stehen in der Warteschlange. Nur schleppend geht es an diesem Vormittag voran, zu den Ticket-Häuschen, die vor dem Halbrund des neobarocken Bode-Museums stehen.

"Ich bin über dieses Wochenende aus Zürich angereist", sagt der Berlin-Besucher. Schon vergangene Woche hatte der 36 Jahre alte Unternehmensberater versucht, im Internet ein Ticket für die Schau "Gesichter der Renaissance" zu erbeuten. Keine Chance. Die Spezial-Tickets, die das Museum auf seiner Webseite verkauft, sind seit langem ausverkauft. "Die einzige Möglichkeit hineinzukommen, sind die Tagestickets an der Kasse", sagt er. Seine Begleiterin blättert in dem Kunstmagazin, das an die Wartenden verteilt wird. Eigentlich aber will die 26-Jährige keine Hochglanz-Fotos sehen, sondern die Ausstellung.

Seit der Eröffnung am vergangenen Donnerstag haben bereits 20 000 Berliner und Touristen die spektakuläre Ausstellung mit den mehr als 150 Porträts aus der Renaissance besucht. Das sind mehr als 2100 Besucher am Tag, von morgens früh um 9 Uhr bis abends um 18 Uhr. Der Andrang ist riesig und bringt das Museum an seine Grenzen. Die Staatlichen Museen haben reagiert und die Öffnungszeiten verlängert. Wenn das auch nicht ausreicht, sollen weitere Verlängerungen folgen, um möglichst allen Kunstliebhabern die Gelegenheit zu geben, die Porträts aus der Nähe zu betrachten.

Bislang öffnete die Schau lediglich am Donnerstag bis 22 Uhr. Ab dem heutigen Sonnabend können sich Besucher nun die italienischen Porträtkunstwerke zusätzlich am Freitag, Sonnabend und Sonntag bis 22 Uhr anschauen. Möglicherweise werden die Öffnungszeiten aber auch an den restlichen drei Tagen zwischen Montag und Mittwoch verlängert.

Zeitgleich nur 300 Besucher

Warum die Gäste in den vergangenen Tagen mitunter bis zu drei Stunden ausharren mussten, weiß Theresa Lucius. Sie ist Mitarbeiterin von "Museum & Service". Die Betriebsgesellschaft der Staatlichen Museen zu Berlin organisiert unter anderem das Ticket-System. "Es dürfen sich immer nur 300 Personen gleichzeitig in den Räumen aufhalten", erklärt Lucius. Um genau zu wissen, wie viele Besucher sich gerade im Gebäude befinden, zählen Scanner am Eingang und Ausgang jeden Gast. Durch das Besucher-Kontingent wollen die Veranstalter die Sicherheit der Besucher wie auch der Kunstwerke garantieren. Denn zu hohe Luftfeuchtigkeit würde den Bildern schaden, außerdem wolle man Gedränge unter den Gästen vermeiden. "Andere Kunsthallen wie das Neue Museum und die Neue Nationalgalerie haben da einen größeren Spielraum", sagt Theresa Lucius. Die Idee, nur Eintrittskarten für bestimmte Zeiten anzubieten, wie in anderen Kunstausstellungen üblich, hält Theresa Lucius für Unfug. "Würden wir das machen, wäre die Schau wahrscheinlich schon für die nächsten drei Monate ausgebucht", sagt sie. Außerdem würde ein solcher Kartenverkauf den Schwarzmarkt anheizen.

Ganz legal verkauft hat das Museum nach eigenen Angaben bereits rund 19 500 der sogenannten Earlybird-Tickets. Ob sie erwarte, dass der Besucherandrang künftig noch größer wird? "Soweit wir das abschätzen können, ist die Ausstellung momentan konstant sehr gut besucht." Vielleicht gebe es zum Ende hin, bevor das berühmte Gemälde "Dame mit dem Hermelin" von Leonardo da Vinci wieder auf Reisen geht, noch einmal einen abschließenden Besucheransturm auf die Gemälde.

Das kann sehr lange dauern

Die Neuberlinerin und ihr Begleiter stehen endlich an der Kasse. Die Doktorandin öffnet ihre schwarze Ledertasche, um zwei Tagestickets zu kaufen. "Wann können wir denn dann hinein?", fragt die 26-Jährige. Ungefähr in drei Stunden, knarzt es aus der Gegensprechanlage im Ticket-Haus. Auf der Karte, die die Frau entgegengeschoben bekommt, steht eine Zahl. Sie haben die Kartennummer 1075. "Momentan sind gerade die Tickets mit den Nummern 508 bis 521 an der Reihe", sagt er. Alle zehn Minuten dürfen zwölf bis 13 Besucher hinein. Er fängt an zu rechnen. Das kann dauern. Vielleicht sogar sehr lange.

Die Veranstalter bemühen sich in jedem Fall, beteuert Lucius, so vielen Besuchern wie möglich den Besuch tatsächlich auch zu ermöglichen - bis die Ausstellung dann am 20. November schließt und ins Metropolitan Museum of Art nach New York zieht.