Interview mit Ronald Lauder

"Die besten Frauen und Männer verlassen Berlin"

Der amerikanische Investor Ronald Lauder mag Berlin. Der 67-jährige Milliardär kommt immer wieder gern in die deutsche Hauptstadt, im Jahr 2008 hatte er mit mehreren Partnern angeboten, in den Flughafen Tempelhof zu investieren und so die Schließung des innerstädtischen Airports zu verhindern.

Doch das lehnte der Senat unter Führung des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) damals strikt ab. Mit Ronald Lauder sprach Christine Richter über Investoren, Berlin und den rot-roten Senat.

Berliner Morgenpost: Herr Lauder, Sie sind für einige Tage nach Berlin gekommen. Was haben Sie vor?

Ronald Lauder: Ich bin nach Berlin gekommen, um mich über Investitionsprojekte zu erkundigen. Außerdem werden wir im Oktober eine große Konferenz mit rund 300 Teilnehmern im Hotel "Adlon" abhalten, die ich vorbereiten muss.

Berliner Morgenpost: In Berlin findet gerade der Wahlkampf für die Abgeordnetenhauswahl am 18. September statt. Wie erleben Sie die Wahlkampagne?

Ronald Lauder: Ich kann nicht viel über die Abgeordnetenhauswahl selbst sagen. Aber mir fällt auf, dass die Frage, wie können neue Jobs in Berlin geschaffen werden, nicht Teil des politischen Dialogs ist. Ich habe viel aus der Diskussion über den Erhalt des Flughafen Tempelhofs gelernt: Diese Berliner Regierung ist nicht interessiert, neue Arbeitsplätze in Berlin zu schaffen.

Berliner Morgenpost: Die Regierung insgesamt oder der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD)?

Ronald Lauder: Der Regierende Bürgermeister. Er führt ja den Berliner Senat an. Ich glaube sehr ernsthaft, wenn wir unser Projekt in Tempelhof hätten realisieren können, hätten wir 5000 Jobs in Berlin geschaffen. Es würden mehr Steuern gezahlt, wir hätten eine moderne Klinik in Tempelhof, und Berlin wäre auf eine sehr besondere Weise aufgewertet worden. Heute ist in Tempelhof nur eine leere Fläche.

Berliner Morgenpost: Haben Sie das Tempelhofer Feld, wie der ehemalige Flughafen jetzt genannt wird, besucht?

Ronald Lauder: Nein. Ich habe es nicht gesehen. Und ich will es auch nicht sehen.

Berliner Morgenpost: Warum nicht?

Ronald Lauder: Es macht mich so traurig, dass dort nichts geschehen ist. Ich möchte das nicht ansehen.

Berliner Morgenpost: Sie reisen viel um die Welt. Was verpasst Berlin im Vergleich mit anderen Städten?

Ronald Lauder: Jede andere Stadt hätte sich die Chance nicht entgehen lassen, diesen Flughafen mitten in der Stadt zu erhalten. Es gab keinen vernünftigen Grund, den Flughafen Tempelhof aufzugeben. Heute kostet der Unterhalt der Gebäude des ehemaligen Flughafens und der Flächen zehn Millionen Euro im Jahr. Was für ein Irrsinn. Berlin hätte stattdessen Einnahmen in Höhe von 20 und mehr Millionen Euro haben können - durch die Steuern, durch die Menschen, die dort arbeiten würden. Die Schließung des Flughafens Tempelhof ist ein Symbol - für die Berliner Politik, aber auch für die Investoren, die sich für Berlin interessieren.

Berliner Morgenpost: Wie reagieren die potenziellen Investoren?

Ronald Lauder: Die Investoren sehen, dass der Regierende Bürgermeister und seine Partei kein Interesse an Investitionen haben.

Berliner Morgenpost: Glauben Sie wirklich? Tempelhof und in einem halben Jahr auch Tegel werden doch geschlossen, weil es den neuen Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld geben wird.

Ronald Lauder: Ich bin bei meiner Ankunft in Berlin in Tegel gelandet. Tegel ist ein fabelhafter Flughafen, ebenfalls mitten in der Stadt gelegen. Warum wird auch er geschlossen? Wenn eine Stadt wachsen will, dann braucht sie mehr als einen Flughafen. New York hat drei Flughäfen, Paris hat drei, London zwei - Berlin hat einen.

Berliner Morgenpost: Denken Sie, dass Berlin wirtschaftlich derart wachsen kann, dass es zwei Flughäfen brauchen würde?

Ronald Lauder: Berlin muss wachsen. Nur dann wird es doch unabhängig von finanziellen Zuschüssen durch die Bundesregierung. Die meisten Menschen in Berlin, wahrscheinlich rund 60 Prozent aller Einwohner, bekommen doch in irgendeiner Form Geld vom Staat. Transferleistungen, wenn sie arbeitslos sind, und Rente, wenn sie im Ruhestand sind. Und sehr viele Menschen in Berlin arbeiten für die Regierung, leben also auch vom Staat. Berlin braucht mehr Menschen, die ihr Geld auf andere Weise verdienen.

Berliner Morgenpost: Im Wahlkampf spielt das Thema Wirtschaft und Arbeitsplätze keine herausragende Rolle. Wie erklären Sie sich das?

Ronald Lauder: Mir ist aufgefallen, dass in der Stadt viele Plakate zu sehen sind, aber keine Inhalte transportiert werden. "Berlin verstehen" heißt es auf den Plakaten mit den Fotos des Regierenden Bürgermeisters. Es wird aber offensichtlich nicht über Inhalte gesprochen. Ich glaube, die Menschen haben bei dieser Wahl gar keine Wahl, weil über die wichtigen Themen nicht diskutiert wird. Aber wie sieht die Zukunft aus? Was ist mit den jungen Menschen, die einen Arbeitsplatz und später eine Familie gründen wollen? Ich treffe in New York viele junge Berliner, die dort ihre Chance sehen, nicht in Berlin. Und das sind die besten Frauen und Männer, die wir haben - und sie verlassen Berlin.

Berliner Morgenpost: Sind Sie immer noch enttäuscht, dass der Regierende Bürgermeister damals Ihr Angebot für den Flughafen Tempelhof abgelehnt hat?

Ronald Lauder: Ich bin immer noch enttäuscht, dass Tempelhof geschlossen worden ist. Es gab keinen einzigen vernünftigen Grund, dies zu tun. Man hätte doch Tempelhof offenhalten können und dann, vier oder fünf Jahre nach der Eröffnung des Großflughafens in Schönefeld nochmals prüfen können, ob man Tempelhof noch braucht oder nicht. Die Zeit hätte sich die Berliner Regierung nehmen müssen.

Berliner Morgenpost: Hat Wowereit Sie damals eigentlich angemessen behandelt?

Ronald Lauder: Ach, ich möchte das nicht kommentieren. Schon gar nicht vor der Abgeordnetenhauswahl. Ich möchte lieber über die für Berlin wichtigen Themen sprechen. Die Berliner haben es verdient, dass darüber diskutiert wird. Aber im Moment wird nur darüber gesprochen, wer mit wem eine Koalition bildet.

Berliner Morgenpost: Was macht der Berliner Senat Ihrer Meinung nach falsch?

Ronald Lauder: Der größte Fehler ist, dass es keine Vision gibt. Die Regierung hat keine Idee, was sie mit und aus Berlin machen will.

Berliner Morgenpost: Was sollten die Berliner einfordern?

Ronald Lauder: Wenn ich ein Berliner wäre, würde ich die Regierung fragen: Was tut ihr, um mehr Jobs zu schaffen? Schauen Sie sich die Flughäfen an. Tempelhof geschlossen, bald Tegel, nur noch ein Flughafen in Schönefeld mit so wenigen Slots. Es wird doch ein großes Problem, überhaupt mehr Investoren nach Berlin zu bekommen. Und das ist eine Botschaft, die von Berlin ausgeht.

Berliner Morgenpost: Reizt es Sie nicht, Ihr Projekt noch einmal in Tegel zu versuchen?

Ronald Lauder: Nein. Aber sehen Sie: In Schönefeld entsteht eine Klinik, also genau das, was wir in Tempelhof vorhatten. Dazu kann ich nur sagen: Manchmal treffen Politiker Entscheidungen für die Stadt, die nicht zu deren Wohl sind. Und die nicht rational begründet sind.

Berliner Morgenpost: Ein Problem ist zurzeit, dass es für die großen Flächen auf dem Tempelhofer Feld und auch in Tegel zwar viele Ideen gibt wie die Ansiedlung von E-Mobility-Firmen, dass es dafür aber kein Geld, also keine Investoren gibt.

Ronald Lauder: Es gibt viele Menschen, die gerne investieren würden. Aber es gibt keinen Grund, dies in Berlin zu tun. Berlin ist nicht freundlich zu Investoren. Und das spricht sich in internationalen Geschäftskreisen herum.

Berliner Morgenpost: Investieren Sie gerade in Berlin?

Ronald Lauder: Nein, ich habe kein neues Projekt in Berlin, der Sitz meiner Stiftung ist jedoch in Berlin. Aber ich kann mein Geld nicht in eine Stadt investieren, deren Regierender Bürgermeister mich als "reicher Onkel aus Amerika" bezeichnet hat. Wie soll ich mich da fühlen?

Berliner Morgenpost: Haben Sie denn Wowereit seit der Schließung von Tempelhof im Jahr 2008 einmal wieder getroffen?

Ronald Lauder: Nein.

Berliner Morgenpost: Kann der neue Hauptstadtflughafen BER ein internationales Drehkreuz, ein sogenannter Hub, werden? Nicht wie der Flughafen in Frankfurt am Main, aber vielleicht wie der in München.

Ronald Lauder: Nein. Ein internationaler "Hub" funktioniert nur, wenn die Menschen dort auch hingehen wollen, wenn sie dort umsteigen wollen.

Berliner Morgenpost: Würde sich Berlin mit einer anderen Regierung besser entwickeln?

Ronald Lauder: Die Entwicklung in Berlin hängt ganz stark davon ab, was die Menschen, die hier leben, wollen. Wenn die Menschen wollen, dass Berlin wirtschaftlich stark ist, eine kreative und internationale Metropole, dann wird es das auch sein. Wenn die Menschen sich zufriedengeben mit dem, was jetzt ist, dann wird sich Berlin nicht weiterentwickeln. Eine Wahl ist ja immer ein Spiegel dessen, was die Menschen wollen. Ich sehe leider nicht, dass die Berliner mehr wollen.

Berliner Morgenpost: Haben die Menschen Ihrer Meinung nach resigniert?

Ronald Lauder: Ich weiß es nicht. Vielleicht. Aber ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal nach dem Fall der Mauer nach Berlin kam, wie die Menschen so viel wollten. Damals gab es eine, ja sogar mehrere Visionen. Heute fühle ich das nicht mehr. Aber ich bin ein Optimist. Ich habe die Hoffnung für Berlin noch nicht aufge-geben.

Berliner Morgenpost: Was wünschen Sie Berlin?

Ronald Lauder: Ich wünsche Berlin, dass es einmal die Stadt wird, die es sein könnte.