Ex-Senatsbaudirektor

Der Meister der Oasen

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Als Berlin nach dem Mauerfall wieder vereint wurde, schlug die große Stunde der Stadtplaner und der Landschaftsarchitekten. Es galt, die durch die Mauer geteilten Straßen und die durch Sozialismus und Abrisswut der Nachkriegszeit aus dem Stadtbild radierten Schmuckplätze wiederherzustellen.

Klaus-Henning von Krosigk ließ als oberster Gartendenkmalpfleger Berlins vergessene Plätze wie den Pariser oder Schinkelplatz Platz wieder aufbauen. Er feiert am 3. September seinen 66. Geburtstag und scheidet damit aus dem Dienst des Landes Berlins aus. Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann (SPD) würdigt von Krosigks Werk.

Das Thema der Rekonstruktion ausgelöschter Straßen und Plätze und noch mehr der abgerissenen Gebäude bewegt nicht zuletzt wegen der Berliner Schlossdebatte die Köpfe und Gemüter. Das Für und Wider füllt die nationalen und lokalen Feuilletonspalten, belebt Podiumsdiskussionen, lässt Bürgerinitiativen gedeihen und beschäftigt nicht nur Denkmalpfleger, sondern vor allem Architekten mit der Ausgangsfrage: Darf man zerstörte Gebäude rekonstruieren?

Ausgangspunkt ist die vor mehr als 100 Jahren eingenommene denkmalpflegerische Grundposition, die da lautet: "Konservieren und nicht Restaurieren". Hauptargument gegen Rekonstruktion war und ist aus gutem Grund der Verweis auf die Nichtwiederholbarkeit künstlerischer Leistungen sowie auf die Tatsache, dass baukünstlerische Werke Gebrauchsspuren annehmen, Patina ansetzen, also Alter annehmen und nicht nur suggerieren.

Umso bemerkenswerter, dass ausgerechnet in Berlin, energisch gefördert vom stellvertretenden Leiter der Landesdenkmalbehörde, Klaus-Henning von Krosigk, die beim Publikum beliebtesten innerstädtischen Plätze sich als Rekonstruktionen oder auch als Annäherung an die ehemalige gartenarchitektonische Gestalt erweisen. Im Unterschied zu der ideologisch aufgeladenen Debatte über städtebauliche und erst recht architektonische Rekonstruktionen verliefen die in der Regel internen Gespräche über gartenarchitektonische Rekonstruktionen so lautlos wie das Wachsen des Grases ("Der Spiegel").

Diese Unaufgeregtheit liegt vor allem in der Materialeigenschaft einer Parkanlage, einer Allee oder eines Gartens. Parks und Gärten bestehen vor allem aus lebendem, vergänglichem Material, das auch im alltäglichen Umgang oft jahreszeitlich erneuert werden muss. Der denkmalpflegerische Substanzschutz bezieht sich daher lediglich auf den buchstäblich gebauten Teil eines Gartens, also auf seine Mauern, Zäune, Brunnen, Denkmäler, Pavillons und auf sein Wegesystem.

Die Natürlichkeit von Gartenkunst bildet im Zusammenwirken mit den unauslöschlichen Erinnerungen gemalter oder fotografierter Bilder die Grundlage dafür, dass auf etlichen hässlichen Spuren die gartenarchitektonischen Muster des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gelegt wurden. Entstanden sind so zur Freude der Berliner und der Touristen Plätze, Parkanlagen und Promenaden oft als "kritische" oder tatsächliche Rekonstruktionen. Die Rede ist vom Pariser Platz, Hausvogteiplatz, Schinkelplatz, vom Forum Fridericianum mit dem Bebelplatz. Dazu kommen die Rekonstruktionen im östlichen Teil des Tiergartens, den auf Lenné zurückgehenden Alleen im Tiergarten sowie den Plätzen außerhalb des Zentrums. Exemplarisch hierfür stehen der Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg und die Rekonstruktion des Luisenstädtischen Kanals mit dem Engelbecken in Kreuzberg.

Wiederentdeckung privater Gärten

Diese Wiederherstellung öffentlicher Parks und Plätze folgte die Wiederentdeckung des ungeheueren Reichtums privater Villen- und Landhausgärten und Parkanlagen ehemaliger Güter. Sie waren einst Bestandteil des Wohn- und Lebensgefühls des bürgerlichen Berlins sowie Ausdruck der höchsten Ansprüche an Architektur und Gartenkunst.

Berühmt geworden sind zum Beispiel der Garten der Villa Lemm in Gatow, in der Weimarer Republik Treffpunkt der geistigen Elite (A. Einstein, Max Slevogt u. a.), die Gärten der immer wieder vom Hausherrn gemalten Motive der Villa Liebermann oder die Stadtgärten der Villa Grisebach und des benachbarten heutigen Literaturhauses an der Fasanenstraße. Nur noch dort wird in dem Zusammenspiel von Villenarchitektur und der 1986/87 wiederhergestellten Hausgärten etwas von der Qualität des landschaftlich gestalteten Villengartens des ausgehenden 19. Jahrhunderts erfahrbar. Die gepflasterten Gartenwege, die Ziersträucher, Rosen, Skulpturen, großen Bäume, ja sogar der Zaun bilden heute den Rahmen für einen stilvollen Aufenthalt.

Klaus-Henning von Krosigk leitet bis in diese Tage das 1978 gegründete Amt für Gartendenkmalpflege. Die Gründung erfolgte zu einer Zeit, als sich das Interesse an historischen Parks und Gärten auf einem Tiefpunkt befand. Es dominierte die Suche nach einem Parkplatz, nicht nach gartenkünstlerischer Wiederherstellung.

Die Beliebtheit der wiederhergestellten Plätze, Alleen, Parks, aber auch der privaten Gärten hat viele Architekturkritiker genauso überrascht wie die Nachfrage von Wohnungen der sogenannten Altbauten des späten 19. Jahrhunderts. Spiegeln doch traditionell gestaltete Plätze und Parkanlagen längst überwunden geglaubte Gesellschaftsordnungen mit den dazu gehörigen bürgerlichen Verhaltensmustern und gartenarchitektonischen Schönheitsmustern wider.

Die Auflösung des Rätsels ist einfach: Trotz der unvergleichlichen Beschleunigung des Lebens durch gestiegene Mobilität, Virtualität, Globalisierung gibt es offensichtlich gerade auch in der Stadt so etwas wie ein archaisches Bedürfnis nach kultivierten Außenräumen. Ein Park mit großen alten Bäumen, eine zum Flanieren einladende Promenade, ein Platz mit Bänken, Brunnen und jahreszeitlich wechselnden Bepflanzungen sowie schöne Pflasterungen im Licht der Tages- und Jahreszeiten bleiben trotz hoch auflösender Flachbildschirmparadiese ein unverzichtbarer Teil europäischer Stadtkultur. Parks und Plätze sind Orte des Anderen, Orte der Entschleunigung, der Kontemplation, der schönen Bilder und persönlichen Begegnungen.

Viele von ihnen in Erinnerung gerufen zu haben, verdanken wir Klaus-Henning von Krosigk.

( Von Hans Stimmann )