Meine Woche

Freie Fahrt um jeden Preis?

Nur handbreit war die Lücke - und sie rettete meinem jüngsten Sohn das Leben. Als der blaugraue Mercedes auf ihn zuraste, blieb keine Zeit zu reagieren. Nicht für ihn, nicht für mich. Nur diese in Sekundenbruchteilen aufblitzende Hoffnung, dass der Wagen an ihm vorbeischrammen wird. Und es war einfach Glück, dass jetzt kein trauernder Vater diese Kolumne schreibt.

Passiert ist folgendes: Mit meinen Söhnen war ich Eis essen in der Potsdamer Innenstadt. Wir kamen vom Baden und schlenderten die Fußgängerzone entlang. In einer der Seitenstraßen fiel mir der blaugraue Mercedes auf. Ein Modell aus en 1990er-Jahren, etwas verblichen der Lack, aber insgesamt doch gut gepflegt. Berliner Kennzeichen. Der Wagen fuhr immer wieder in Richtung Fußgängerzone an und bremste wenig später abrupt ab.

Ein paar Meter vor uns blieb der Wagen wieder stehen. Genau vor dem Schild, dass noch einmal die Fußgängerzone ankündigte. Der Fahrer, um die 70 Jahre alt, und seine wohl ebenso alte Beifahrerin stritten sich. Der Mann wirkte fahrig, aufgelöst, er umklammerte das Lenkrad, immer wieder trat er das Gaspedal durch - und dann plötzlich ließ er die Kupplung springen. Der Wagen raste mitten hinein in die Spaziergänger und direkt auf meinen Fünfjährigen zu. Genau eine Handbreit an seinem Gesicht vorbei schoss der linke Kotflügel.

Ich habe geschrien. Ich weiß nicht mehr was, aber doch so laut, dass der Mercedes-Fahrer sich umdrehte. Und blindlings weiter fuhr. Gebremst hat er nicht, er rollte einfach durch die wegspringenden Spaziergänger hindurch - so als würde Moses das Rote Meer teilen.

Gut zehn Prozent aller Verkehrsunfälle in Berlin wurden im vergangenen Jahr von Menschen verursacht, die über 65 Jahre alt sind. Gemessen am Bevölkerungsanteil ist das nicht viel, denkt man auf dem ersten Blick. Aber wer die Statistik genauer liest, erschrickt dann doch. Denn wenn Senioren an Verkehrsunfällen beteiligt sind, dann in der Regel, weil sie sie selbst verursacht haben. Gut zwei Drittel aller Unfälle mit Ü65-Beteiligung gehen auf das Konto der Senioren selbst. In keiner anderen Bevölkerungsgruppe ist dieser Anteil so hoch.

Sie haben oft hunderttausende Straßenkilometer hinter sich, sind eigentlich erfahrene Fahrer. Doch das Alter geht nicht spurlos an ihnen vorbei. Kondition und Sehkraft lassen nach. Die Reaktionen werden langsamer. Was früher leicht war, ist heute ein Problem. Rückwärtsfahren zum Beispiel oder Geschwindigkeiten einschätzen oder in Stresssituationen die Ruhe bewahren.

Es sind ja eben nicht nur die bizarren Unfälle, wie sie vergangene Woche die 76-Jährige verursachte, die bei insgesamt drei Unfällen innerhalb von wenigen Stunden erst ihren eigenen Wagen und dann einen Mietwagen zu Schrott fuhr. Oder der 75-Jährige der beim Rückwärtseinparken seine ihn einweisende Ehefrau überrollte - weil er Brems- und Gaspedal verwechselt hatte.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will nicht Ältere vom Autofahren ausschließen. Aber für einen regelmäßigen Test der Fahrtüchtigkeit, wie er in anderen europäischen Ländern für Senioren obligatorisch ist, bin ich schon. Sämtliche Versuche, einen solchen Test in Deutschland einzuführen, sind aber bislang am Aufstand der Seniorenverbände gescheitert. Als wäre ein solcher Check ein Angriff auf die Menschenwürde. So setzen in der Debatte die alten Reflexe ein: "Freie Fahrt für freie Bürger", heißt dann die Forderung. Frei übersetzt: Egal zu welchem Preis.

Das ist doch absurd, zumal in einer Zeit, in der es normal ist, als Älterer Vorsorgeuntersuchungen jeglicher Art zu absolvieren. In der es Männern keine Probleme bereitet, altersbedingte Potenzschwierigkeiten einzugestehen und behandeln zu lassen. Nur beim Autofahren setzt dieser Verstand offensichtlich aus.

Vorvergangene Woche zum Beispiel ist in der "Zeit" ein Interview mit dem Kabarettisten Georg Kreisler erschienen, in dem er seine Kinder zu Hölle schickt und auch sonst nicht den Menschenfreund gibt. Der 89-Jährige berichtet über das Altern, erwähnt mehrfach ungefragt, dass er nicht mehr laufen kann ("Meine Beine sind unheilbar") und schaut einen durch zentimeterdicke Brillengläser an. Und dann sagt er folgendes: "Ich höre gut, sehe gut, fahre Auto."

René Gribnitz leitet gemeinsam mit Christine Richter die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt Christine Richter über ihre Woche in Berlin.