Serie "Berlin wählt", Teil 14

3 Fragen an Alice Ströver (Grüne)

Kulturpolitische Sprecherin

1. Seit fünf Jahren kümmert sich Klaus Wowereit als Regierender Bürgermeister in Berlin auch um die Kultur, weil es keinen eigenständigen Kultursenator mehr gibt. Hat das der Berliner Kultur gut getan?

Die großen Kultureinrichtungen haben das Geld zurückbekommen, das dieselbe Regierung mit Thomas Flierl als Kultursenator fünf Jahre vorher gekürzt hatte. Was Wowereit gefällt, das macht er möglich. Für "unbequeme" und neue Kulturangebote ist der Regierende Bürgermeister nicht zu haben. Nach wie vor regiert der Rote Teppich. Wo Kultur für Investoren interessant ist, da ist sie als Beiwerk sehr willkommen. Für Investoren lässt er Kultureinrichtungen im Regen stehen - wie beim Tacheles an der Oranienburger Straße und dem Schoko-Laden in Mitte. Hier müsste er sich viel mehr kümmern, gerade weil das Kultureinrichtungen sind, die ohne institutionelle Förderung existieren. Die großen Strukturfragen sind unbearbeitet geblieben. Kulturelle Bildung ist längst noch nicht Bestandteil des Angebots der Kultur- und der Bildungseinrichtungen. Es sollte ein neues Fördermodell für die Bibliotheken in Berlin geben, aber nichts ist passiert. Die Zukunft der Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC) ist weiter offen. Die Volksbühne braucht dringend eine künstlerische Erneuerung. Das alles sitzt Klaus Wowereit aus.

2. Worin unterscheidet sich die Kulturpolitik der Grünen von der der rot-roten Koalition?

Unsere Kulturpolitik setzt auf einen offenen Dialog mit den Kulturschaffenden und nicht auf Entscheidungen am Parlament und der Öffentlichkeit vorbei. Es gibt keine "Erbhöfe" in der Förderung durch das Land. Kulturförderung muss variabel sein und auf neue Entwicklungen reagieren. Wir wollen Freiräume für alles Kreative in der Stadt ermöglichen und keine Verdrängung der Künstler an die Peripherie. Nur die Vielfalt und nicht allein der Glamour machen Berlins Attraktivität aus. In die Förderung müssen Transparenz hinein und vergleichbare Förderkriterien. Es muss Schluss sein mit dem Prinzip: ,Wer zuerst da war bekommt viel Geld, wer später kam, wenig.'

3. Der Kulturetat für die kommenden zwei Jahre wurde im Rahmen des Doppelhaushaltes noch vor der Wahl im Senat verabschiedet. In welchem Bereich muss umverteilt werden?

Zehn Jahre ist unter Rot-Rot die innovative Freie Szene stiefmütterlich behandelt worden. Wir wollen hier neue Akzente setzen und keine finanziellen Almosen verteilen. Die Freie Szene greift die Themen des Zusammenlebens in allen Facetten auf und ist der Schmelztiegel der internationalen Kunstszene. Dem muss die Politik endlich die Aufmerksamkeit zuwenden, die sie verdient.