Serie "Berlin wählt", Teil 9

Eine Jugend hinter Gittern

Der Kampf gegen Jugendkriminalität zeigt erste Erfolge, die Zahl der minderjährigen Straftäter ist rückläufig. Doch brutale Überfälle auf den U-Bahnhöfen machen den Menschen wieder Angst

Der Schlüssel dreht sich geräuschvoll im Schloss, die schwere Tür wird geöffnet. "Alles klar, Meister." Die Tür schließt sich wieder.

Es ist 6 Uhr morgens am Friedrich-Olbricht-Damm in Charlottenburg. Der "Meister" in Uniform schließt die Zellen im Haus 9 der Jugendstrafanstalt auf. "Lebendkontrolle", heißt das im Beamtendeutsch. Alle Häftlinge müssen nach dem Wecken ein Lebenszeichen von sich geben, bevor die Tür wieder geschlossen wird. "Meister", so nennen die Gefangenen in Haus 9 alle Beamten, denen sie begegnen. In diesem Fall kommt ein weiterer Grund hinzu: Satheeskumar Navaratnarajah hat seine Frühschicht angetreten und hat an diesem Morgen die Aufgabe, die Häftlinge zu wecken. Sein Name geht selbst ausgeschlafenen Menschen nicht leicht über die Lippen. "Nava reicht", lacht der 32-Jährige, der seit drei Jahren im Justizvollzug arbeitet und in Haus 9 zusammen mit seinen Kollegen die derzeit 57 jugendlichen Untersuchungshäftlinge betreut.

Die Jugendstrafanstalt ist exklusiver als der Club of Rome, sagt der Leiter der Anstalt, Marius Fiedler, regelmäßig. Wer hier ankommt, steht nicht am Anfang einer kriminellen Karriere, sondern am Ende einer langjährigen Fehlentwicklung. Die allermeisten Häftlinge sind Intensivtäter, die am Ende, nachdem nichts anderes geholfen hat, ins Gefängnis kommen. Die Berliner Polizei verzeichnet mittlerweile 860 Intensivtäter in der Stadt. Dabei handelt es sich um jugendliche Täter, die zehn Mal oder häufiger innerhalb eines Jahres mit dem Gesetz in Konflikt treten. Dazu kommen 166 Schwellentäter, die fünf Mal oder häufiger straffällig werden und 392 sogenannte kiezorientierte Mehrfachtäter, die mehrfach innerhalb ihres Wohnumfeldes auffällig wurden.

Doch neben diesen jugendlichen Intensivtätern sind es spektakuläre Einzelfälle, die in den vergangenen Wochen in Berlin für Schlagzeilen sorgten. Es sind Fälle, wie der des 18-jährigen Torben P., der am 23. April dieses Jahres einen 30-Jährigen auf dem U-Bahnhof Friedrichstraße fast tot getreten hat. Der Schüler gibt den von ihm begangenen Gewaltexzess später zu und erklärt die Tat mit einer aggressiven Grundstimmung, im Zusammenhang mit dem Alkohol, den er zuvor getrunken habe. Am heutigen Dienstag beginnt der Prozess gegen Torben P. vor dem Kriminalgericht in Moabit. Am 22. Juli sticht ein 19-Jähriger in Begleitung und auf dem Weg zu einer Party zwei junge Männer im U-Bahnhof Zoologischer Garten nach einer Rangelei nieder. Wegen versuchten Mordes müssen sich schließlich vier Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren vor Gericht verantworten, die am 11. Februar einen 30-jährigen Malergesellen auf dem U-Bahnhof Lichtenberg fast zu Tode geprügelt haben. Es sind diese Fälle von Jugendkriminalität, die die Menschen in Berlin verunsichern. Und wieder Angst machen. Kann man überhaupt noch am Abend oder nachts U- und S-Bahn fahren? Ist das nicht viel zu gefährlich geworden? Immer brutaler, immer rücksichtsloser gingen die jungen Straftäter vor, heißt es. Polizei und Justiz seien im Kampf gegen Jugendkriminalität machtlos, und immer weniger in der Lage, die innere Sicherheit auf Berlins Straßen und in den U- oder S-Bahnen zu gewährleisten. Ist das soziale Gefüge in der Stadt also in Gefahr?

Gruppengewalt hat abgenommen

Susanne Bauer kann das so nicht bestätigen. Die Präventionsbeauftragte der Berliner Polizei breitet in ihrem Büro am Flughafen Tempelhof mehrere Tabellen vor sich aus. "Die Zahl der Straftaten geht seit 2009 zum Teil stark zurück", sagt sie. "Auch die Zahl der Tatverdächtigen ist rückläufig." Aber werden die jugendlichen Straftäter nicht immer brutaler? Hieß es früher, ein Kampf sei zu Ende, wenn jemand auf dem Boden liege, so werde doch heute bewusst noch einmal nachgetreten? "Auch das geben die Zahlen nicht her", sagt Susanne Bauer. Das müsste sich in einer größeren Zahl gefährlicher Körperverletzungen oder in mehr Raubüberfällen widerspiegeln. Aber das ist laut Polizeistatistik nicht so. Auch die Jugendgruppengewalt ist in Berlin rückläufig. Die Zahl der von Jugendgruppen verübten Körperverletzungen liegt derzeit bei 1000 Fällen im Jahr, ein Rückgang um zehn Prozent. Noch stärker rückläufig - um 23,5 Prozent auf 1618 Fälle - war die Anzahl von Raubdelikten.

Die jüngsten Taten und die Bilder der Überwachungskameras aus den U-Bahnen und BVG-Bahnhöfen haben im Bewusstsein der Berliner dennoch Spuren hinterlassen. Jede zweite Berlinerin, die den öffentlichen Nahverkehr nutzt, fühlt sich in S- und U-Bahn unsicher. Das trifft auch auf 37 Prozent der Männer zu. Insgesamt sagen 44 Prozent der Berliner, dass sie sich unsicher fühlen. Diese Zahlen hat das Meinungsforschungsinstitut Infratest Dimap im Auftrag der Berliner Morgenpost und des Rundfunksenders RBB ermittelt. Dabei ist die Sorge vor Übergriffen in den Verkehrsmitteln keine Frage des Alters. Unter den 18- bis 24-Jährigen ist sie ebenso vorhanden wie bei den Menschen, die älter als 60 Jahre sind.

Dabei müsste sich das subjektive Sicherheitsgefühl in der Stadt angesichts der Zahlen, die die Berliner Polizei ermittelt hat, eigentlich verbessern. Die Präventionsbeauftragte Susanne Bauer sieht den kontinuierlichen Rückgang der Täterzahlen als Bestätigung dafür, dass "unsere Gesellschaft keine Gewalt mehr will". Der Blick auf die Kriminalität habe sich in den vergangenen Jahren verändert. Wurden früher Schlägereien unter Heranwachsenden als jungentypisches Verhalten eher geduldet, so sei das heute nicht mehr der Fall. Bauer erzählt gerne von ihrem Großvater, der sich im Berlin der 30er-Jahre mit seinen Altersgenossen weitgehend unbehelligt Straßenschlachten lieferte. Heute sei so etwas nicht mehr möglich, ohne dass Polizei und Öffentlichkeit entschieden dagegen vorgingen, sagt sie. Mit dem Rückgang der Kriminalitätszahlen sieht sich Susanne Bauer auch in ihrer Arbeit bestätigt. "Daran haben ganz viele mitgearbeitet", sagt sie. In jedem Berliner Polizeiabschnitt gibt es ein Präventionsteam, jährlich führt die Polizei mehr als 2000 Veranstaltungen an Schulen, Diskotheken und anderen Jugendeinrichtungen durch. Es gibt ein abgestimmtes Angebot an Schüler der ersten und zweiten, der fünften, sechsten und siebten Klassen. Bei der Berliner Polizei sind mehr als 100 Beamte allein für die Präventionsarbeit abgestellt. Einen positiven Nebeneffekt sieht Susanne Bauer darin, dass sich das Bild der Polizei dadurch in der Öffentlichkeit wandelt. Polizisten würden mehr und mehr nicht als Gegner, sondern als Partner im Kampf gegen Kriminalität wahrgenommen, ist sie sich sicher.

Gewalt erlebt, Schule geschwänzt

Doch trotz der Präventionsarbeit bleibt ein harter Kern von Jugendlichen, die den sozialen Frieden in der Stadt immer wieder stören. So vielfältig die Taten sind, so einheitlich ist ihre Struktur. "Kein Intensivtäter ist ohne Probleme aufgewachsen", sagt Susanne Bauer. "Sie alle haben selbst Gewalt erlebt, sei es durch Missbrauch, Kriegserlebnisse oder das Leben in einem Lager." Außerdem eint alle jugendlichen Serientäter, dass sie Schulschwänzer waren. Da sei präventiv wenig auszurichten, räumt die Expertin ein. Die Polizei vor Ort versucht, Vertrauen zu diesen jungen Straftätern aufzubauen, um auf Fehlentwicklungen möglichst früh zu reagieren. Aber die Polizei allein reicht nicht aus, um sie von ihren Taten abzuhalten. "Es müssen alle wollen", sagt Christine Albrecht vom Polizeiabschnitt 55 in Neukölln. Der Brennpunktbezirk gilt als Modellregion für den Kampf gegen Jugendkriminalität. Den Anfang dafür leitete die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig ein, als sie ihr Büro im Amtsgericht Moabit gegen einen Schreibtisch in Nord-Neukölln eintauschte und das Neuköllner Modell zur besseren und schnelleren Bekämpfung von Jugendkriminalität ins Leben rief. Heisig begann damit, alle beteiligten Einrichtungen - Polizei, Justiz, Schulen, Jugendhilfe, Quartiersmanagement - zu vernetzen. "Auch alle Nationen müssen mitmachen", sagt Albrecht. Das berüchtigte Rollbergviertel, noch vor wenigen Jahren ein krimineller Brennpunkt in der Stadt, spielt aus polizeilicher Sicht inzwischen keine Rolle mehr. Die intensive Zusammenarbeit der Beteiligten hat sich ausgezahlt. Im Abschnitt 55 sind jugendliche Straftäter nur noch in den Neukölln-Arcaden ein Thema.

Diejenigen, die die Polizisten dennoch nicht erreichen, finden sich früher oder später in einer der Zellen des Hauses 9 in der Jugendstrafanstalt in Charlottenburg wieder. "Wir reden viel mit ihnen", sagt Nava. Viel mehr als mit erwachsenen Gefangenen. Zum Beispiel mit dem Insassen aus Zelle 17. Dieser beschwert sich, dass der Beamte, der seine Zelle durchsucht hat, Fußspuren auf dem Tisch hinterlassen hat, als er den Vorhang vor dem Zellenfenster untersuchte. Nava hört sich die Klage geduldig an und beruhigt den Insassen, der noch nicht lange in U-Haft sitzt. "Anfangs ist es schwer für sie", sagt der Beamte. Die Häftlinge verhalten sich zunächst so, wie sie es in Freiheit gewohnt sind. Erst später passen sie sich dem Gefängnisalltag an.

Nava ist dabei ein bevorzugter Gesprächspartner. Offensichtlich liegen seine Wurzeln nicht in Deutschland, die jugendlichen Häftlinge versuchen wohl deshalb, sein Vertrauen zu gewinnen. "Wir müssen doch zusammenhalten", sagen die Insassen dann zu Nava. "Wer?", fragt er dann zurück. "Wir Ausländer." Dann schüttelt Nava den Kopf. "Ich bin Deutscher." Aber sie hätten doch keine Chance hier in Deutschland, sagen die Gefangenen. Dann setzt Nava sein einnehmendes Lächeln auf und sagt: "Ich bin in Wedding aufgewachsen, das war auch nicht einfach. Jetzt bin ich Justizbeamter." Keine Chance in der Gesellschaft zu haben, sehe anders aus. Das mache die jugendlichen Häftlinge nachdenklich. Sagt er - und hofft er.

Gilles Duhem wird noch deutlicher. Der Franzose und Stadtplaner ist die treibende Kraft hinter der Befriedung des Rollbergviertels in Neukölln. Zunächst als Quartiersmanager, später als Vorsitzender des Vereins "Morus 14" hat er in den vergangenen Jahren in dem Kiez gearbeitet. Als Duhem im Rollbergviertel anfing, da war dieser ein Kriminalitätsschwerpunkt, Jugendgangs zogen durch die Straßen, der für Jugendliche bereitgestellte Freizeitraum war von einer Gruppe in ein Bordell umgewandelt worden. Davon ist heute nichts mehr zu spüren.

"Das Kochrezept dafür ist einfach", sagt Duhem. "Man braucht Akteure, die nicht zu schlappschwänzig sind, eine Wohnungsbaugesellschaft, die eine rote Grenze zieht und sich traut, ein oder zwei kriminellen Großfamilien zu kündigen und Akteure, die an einem Strang ziehen." Das Bordell ist inzwischen ein Mädchentreff, an der Schülerhilfe des Vereins nimmt jedes siebte Kind aus dem Kiez teil, um die Schulabbrecherquote zu senken. Und sogar Studenten ziehen wieder in das Rollbergviertel. "Jedes Mal, wenn ich ein Umzugswagen mit Leuten sehe, die Sätze mit mehr als fünf Wörtern sagen können, mache ich innerlich Luftsprünge", sagt Duhem. Es gehe vor allem darum, Vorurteile abzubauen, aber Härtefälle zu bestrafen, erklärt er den Erfolg im Rollberg.

120 Mediatoren sollen helfen

Auch in der Jugendstrafanstalt machen sich die Insassen Gedanken darüber, wie es für sie draußen künftig weiter gehen soll. "Man muss immer daran denken, dass es nicht nur das Leben hier drin gibt", sagt der 23-jährige Timz. Er ist einer von inzwischen 120 ausgebildeten Mediatoren, die in der Strafanstalt in den vergangenen Jahren ausgebildet wurden. Sie sollen Streit in der Haftanstalt schlichten und dadurch lernen, später straffrei klar zu kommen. Die Mediatoren treffen sich regelmäßig, um sich auszutauschen "Man kommt mit der Welt draußen nicht mehr klar", sagt Eric. "In der gewohnten Umgebung fahren 17-Jährige ohne Führerschein einen BMW und Analphabeten einen teuren Bentley", sagt er. Sie finanzierten das aufwendige Leben durch Straftaten. Die Versuchung, in alte Verhaltensmuster zurückzukehren, sei groß. Zumal es draußen auch junge Männer schwer hätten, die in der Haftanstalt einen guten Schul- oder Lehrabschluss erreicht hätten. "Es gibt das alte Leben, aber du weißt, dass du da nicht wieder hin willst", sagt Timz. Dass es für sie nicht einfach wird, wissen die Jugendlichen. "Es gibt Leute hier, die sind groß und wiegen 110 Kilo - aber sie haben ein gebrochenes Herz", sagt Eric.

Die Berliner Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD) kennt die Probleme. "Für die Justiz ist es schwer, all die Defizite aufzuarbeiten, die sich in den ersten Lebensjahren angehäuft haben." Man versucht, den jungen Menschen nach ihrer Haftzeit zu helfen, wieder ein normales Leben zu führen. Außerdem setzt die Justizsenatorin darauf, dass möglichst früh bei problematischen Familien eingegriffen wird. Die kostenfreie Kita sei daher ein Schritt in die richtige Richtung. Nicht nur die Sprache sei ein Schlüssel zum Integrationserfolg, auch das Erlernen von Sozialverhalten, so die SPD-Politikerin. Künftig soll deshalb die Zusammenarbeit zwischen Justiz und Jugendhilfe, vor allem aber mit den Familiengerichten verbessert werden, fordert die Berliner Justizsenatorin.

Die Präventionsbeauftragte Susanne Bauer hat im Lauf der Jahre eine weitere Beobachtung gemacht: Sind die Täter erst Anfang 20 und haben eine Freundin, hören die allermeisten mit den Straftaten auf. Man müsste also einfach eine Partnerbörse für die jugendlichen Straftäter einrichten, sagt sie. Und lächelt. Auch Susanne Bauer hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben.