Serie "Berlin wählt"

Der ewige Wowereit

Man fährt im Herbst durch Berlin. Dunkle Wolkentürme. Potsdamer Platz. Regen. Es ist ja immer Herbst in diesem Sommer. Fast wäre es sogar Winter gewesen für Klaus Wowereit. Endzeit. Er hatte sich eingemauert, zurückgezogen in seine Berliner Bärenhöhle. Die eingefleischtesten Genossen rätselten. Will der noch? Kann der noch? Interessiert ihn das überhaupt noch? Oder ist der längst weg?

Und dann ist doch wieder Frühling in Berlin. Die Sonne kommt durch. Er hat die Kurve gekriegt. Liegt weit vorn schon zu Beginn der heißen Wahlkampfphase. In allen Bürgermeister-Rankings, Stimmungslagen. Meinungsumfragen. Wowereit ist enteilt. Meilenweit. Renate Künast? Verzickt, verzockt, verzettelt. Frank Henkel? Viel guter Wille, noch mehr Mitleid. Stattdessen: Wieder Wowereit. Mittendrin, obenauf. Der ewige Wowi. Wie macht er das? Warum? Wo will er hin? Mit der Stadt, mit der SPD, mit sich selbst?

Die These, die alle hier haben: Er weiß das doch selbst nicht so genau. Der Weg bleibt das Ziel. Sagen die, die es gut mit ihm meinen. Die Stadt, die Partei, die Menschen, das interessiert den doch alles gar nicht, der schaut nur auf sich selbst. Sagen die anderen. Berlin, sagt Wowereit, wann immer wer immer ihm auf die Seele drückt, werde auf jeden Fall sein Arbeitsplatz bleiben. Dann kichert er leise in sich hinein. So eine schöne Wowi-Antwort. Sie sagt: Nichts. Oder: Alles.

Da steht er, schon wieder im Mittelpunkt. Arme verschränkt und trotzdem allzeit angriffsbereit, krawattenlos, Kopf ein wenig nach vorn geschoben, schnippisches Wowi-Grinsen im Gesicht - vor dem Tierpark in Berlin und verkneift sich die naheliegenden spöttischen Bemerkungen über die lauernde Journalistenmeute. Es böte sich ja einiges an hier in Friedrichsfelde. Wowereit lässt es aus. Verkneifen hat er inzwischen gelernt. Regierende Bürgermeister, Spitzenpolitiker, sagen nicht gleich, was sie denken. Manchmal kann man es ihnen dann aber doch ansehen.

Glücklich macht diese Art von goldenem Käfig jedenfalls nicht. Glücklich macht: Aussprechen. Sagen, was ist, was man gerade fühlt. Auch mal brüllen. Frei sein. Leben. Weshalb Wowereit, mehr Hedonist als Spartaner, gerade wieder den Kopf nach vorne schiebt. Listig guckt. Als überlege er, den dummen Spruch jetzt doch zu machen. Stattdessen: Kontrolle. Nichts sagen, auch wenn der lustige Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz stetig versucht, das Paarungs- und Fortpflanzungsverhalten seiner Friedrichsfelder Schützlinge zu thematisieren. Berliner Bären. Schwarze Varis. Rote Varis. Keine grünen Varis, hoho. Aber Maskenschweine. Auch das noch.

Wowereit nimmt die Einladung zum großen Sprüchekloppen nicht an. Lippen schürzen, Lippen schließen. Vari auf die Schultern klettern lassen. Ferkel in den Arm nehmen. Lächeln. Was Unverfängliches sagen. Zum Beispiel: "Schwein braucht man immer." Und Selbstdisziplin. Zähne zusammenbeißen. Er hatte lange Zeit, sehr lange Zeit, für viele unerträglich lange Zeit keine Freude bei dem Gedanken an eine weitere Kandidatur, an weitere fünf Jahre in diesem Korsett. Das immerhin gibt er jetzt zu, wenn auch ein bisschen umständlich.

Berliner Morgenpost: Gab es eigentlich einen Moment, in dem Sie Zweifel hatten, erneut zu kandidieren?

Klaus Wowereit: Die Frage stellt man sich natürlich immer, wenn eine Legislaturperiode auf ihr Ende zugeht. Eine dritte Amtszeit ist ja schon von der Ausgangsposition her nie ein leichter Angang. Da habe ich das Für und Wider schon abgewogen.

Berliner Morgenpost: Dafür sprach?

Klaus Wowereit: Man muss Projekte auch zu Ende führen: BER-Willy-Brandt. Der neue Flughafen geht bald in Betrieb. Den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt abzusichern, auch Infrastrukturprojekte durchzusetzen. Die Haltung der Stadt, Liberalität, Toleranz, Weltoffenheit. Da können wir noch besser werden.

Klaus Wowereit: Puh. Flughafen einweihen. Haltung zeigen. Absichern. Ende. Das ist alles. Wenn man etwas auszusetzen hätte an dem ziemlich knackigen Wahlkampf-Konzept der Berliner SPD, dann, dass ihr für die zentrale Frage der Motivation ihres Spitzenkandidaten, seine konkreten Ziele, sein zentrales Anliegen keine überzeugende Antwort eingefallen ist.

Klaus Wowereit: Es gebe da ja einiges, was man sich vornehmen könnte als Hauptstadtbürgermeister. Im großen Ganzen wie im Klein-Klein. Zusammenhalt der Stadt, Metropole der Zukunft. Schule, Nahverkehr, innere Sicherheit. Man kann das ja noch besser machen. Oder man eröffnet eine Debatte über das Erscheinungsbild der deutschen Hauptstadt. Die beginnt ja gerade an zentralen Stellen - Pariser Platz, Alexanderplatz, Checkpoint Charlie - ihre Würde zu verlieren. Ein Wahlkampf kann Zeichen setzen. Anstöße geben. Initiative wecken. Kommt aber nichts. Könnte ja auch schiefgehen. Man muss also doch noch mal anders herum fragen.

Berliner Morgenpost: Was sprach aus Ihrer Sicht denn gegen eine erneute Kandidatur?

Klaus Wowereit: Das, was überall die Alternative ist bei anstrengenden Jobs: mehr Freizeit, mehr Lebensqualität, die Möglichkeit, vielleicht noch etwas anderes zu machen.

Klaus Wowereit: Na, klar, diese Gedanken kennt jeder. Aussteigen, ausspannen, wohlfühlen. Dagegen stehen: gefühlte Überlegenheit. Eitelkeit, mit der Wowereit immer wieder kokettiert. Der Wunsch, Erreichtes zu bewahren. Ein zuweilen überbordendes Selbstbewusstsein. Man, gerade Mann, muss sich ja immer wieder beweisen. Gerhard Schröder, das erzählt SPD-Chef Sigmar Gabriel gerne über seinen Altkanzler, erinnere ihn an ein Zirkuspferd, "wenn der die Musik hört, dann will der auch in die Manege". Das gilt auch für Klaus Wowereit. Der muss jetzt auch wieder raus. Den anderen zeigen, was er kann. Der Künast. Der SPD. Sogar dem Henkel. Und den Medien. Jetzt. Hier. Vor der Friedrichsfelder Elefantenarena.

Klaus Wowereit: "Und", fragt eine Reporterin den Regierenden ziemlich harmlos, "sind Ihnen solche Elefantenrunden lieber?" Man streitet ja gerade drüber, wer wann mit wem reden darf vor dieser Berlin-Wahl. Also wird er ihm doch ein wenig zu eng, der goldene Politiker-Käfig. Es gebe halt große und kleine Elefanten, schnarrt Wowereit zurück, sodass jeder gleich weiß, wer in Berlin ein großer Elefant ist und wer nicht. Diese Tiere seien ja auch sehr dünnhäutig, erwidert die Reporterin unverdrossen. "Stimmt", zischt Wowereit fast ein bisschen bedrohlich, "und sie vergessen nicht."

Klaus Wowereit: Damit haben wir diesen Berliner Bürgermeister schon mal im kleinen Format. Diszipliniert, nachtragend, schlagfertig, dickhäutig und dünnhäutig zugleich, im Zweifel dann doch: rauflustig. Sehr gerne mit dem letzten Wort. Ein bisschen erinnert das an Helmut Kohl. Auch so ein sensibler Unsensibler, der einen gleich auf Anhieb wissen ließ, ob er sich gerade wohlfühlt mit seiner Gesellschaft. Ob die Dinge gerade laufen zur Zufriedenheit des Chefs. Oder eben nicht. Und ob er einen Menschen mag. Andernfalls gibt es eben einen vor den Bug. Rein prophylaktisch.

Klaus Wowereit: Also sieht man in Wowereits Schlepptau schnell wieder so eine Szene: Straßenwahlkampf-Eröffnung. Drei "Sixt"-Leihautos, "Berlin fährt vor". Wowereit am Steuer, Wowereit mit Gitarre, Wowereit mit jungen Genossen, Wowereit hier, Wowereit da. Alles wird fotografiert, alles läuft gut. Sogar der Regen legt im richtigen Moment ein Päuschen ein. Und trotzdem legt sich der Hauptdarsteller gleich wieder an mit einer kleinen, jungen Blonden von "Spiegel-Online". Sie stellt ein paar unangemeldete Fragen, Rot-Grün, Rot-Rot, Rot-Schwarz, das Übliche. Und bekommt: Keine Antwort, sondern einen patzigen Bürgermeister, der das gar nicht mag. Also:

Berliner Morgenpost: Sie sind manchmal so ruppig, Herr Wowereit. Muss das denn sein?

Klaus Wowereit: Dilettantismus ärgert mich immer. Auf der eigenen Seite, wenn mal etwas unnötig schiefgeht. Aber eben auch auf der anderen. Wenn Falsches geschrieben wird, das man mit ein bisschen Recherche auch hätte richtig schreiben können, dann ärgert mich das. Wenn einer so tut, als sei er ein guter Journalist, recherchiert aber einfach schlecht und ist dann auch nicht bereit, einen Fehler einzugestehen, wird's problematisch. Und das merken die Kolleginnen und Kollegen dann auch.

Klaus Wowereit: Punkt. So kennt man das von Deutschlands Alphatieren, bei der SPD, bei der Union. Auch die Grünen rufen ganz gerne mal an. Aber bei den Roten sitzt jeder Stachel dann doch noch ein bisschen tiefer. Man fühlt sich da gelegentlich ganz gruselig-wohl in dieser Opferrolle, die ja ein Zwilling ist von Solidarität, Gerechtigkeit, Gutmenschentum. Grundbausteine der Sozialdemokratie, die zur Seele, zu Erfolg und Misserfolg dieser Partei führen. Auch zu den Gründen für Wowereits erstaunliches Comeback.

Klaus Wowereit: Wenn's drauf ankommt, in Wahlkampfzeiten, verdrängen die Genossen alle internen Kabale und rücken flugs zusammen. Schulterschluss statt Schienbeintritt. Kandidaten nominieren, Programm verabschieden. Runter schlucken. Augen zu. Durch. Die Partei steht, und sei es mit der Faust in der Tasche. Das klappt ziemlich perfekt, gerade in den Stadtstaaten, wo die Drähte direkter sind, die Beziehungen klarer, auch die Abhängigkeiten. Hamburg, Bremen, Berlin. Man versammelt sich. Hinter Olaf Scholz, hinter Jens Böhrnsen, jetzt hinter Wowereit. Die Union dagegen: Christoph Ahlhaus in Hamburg, Rita Mohr-Lüllmann in Bremen, Frank Henkel. Einzelkämpfer, die alle Nase lang gucken müssen, ob eigentlich noch jemand da ist, der sie stützt.

Klaus Wowereit: Bei der Berliner SPD sind an diesem Freitag auch wieder alle gekommen zum Wahlkampf-Stelldichein im 37. Geschoss des Hotels Park Inn. Es gibt Currywurst, in Berlin unvermeidlich, Bezirksbürgermeisterkandidaten im Dutzend, jede Menge Lobreden, frische Wowereit-Plakate, treue Parteiarbeiter, smarte Wahlkampfberater. Und es gibt Heinz Buschkowsky, der gleich vorne rechts steht. Kein ausgewiesener Wowereit-Freund. Man mokiert sich gerne mal übereinander im Klein-Klein zwischen Kudamm und Neukölln. Buschkowsky, der Handfeste, möchte deshalb auch gar nichts sagen über Wowereit, den Wolkigen. Nein, wirklich nicht. "Sie wissen schon warum."

Klaus Wowereit: Man bleibt dann einfach noch einen Moment stehen, und dann sagt Heinz Buschkowsky natürlich doch was. Meckert ein bisschen über den Regierenden Bürgermeister. Wird für einen Moment sogar böse: "Er ist ein Spieler." Und: "Nur Bread and Butter reicht nicht." Aber wenn man dann am Ende einen Strich zieht unter diese ziemlich ausführliche ungewollte Rede, dann ist es doch zumindest eine halbe Eloge geworden, die den bodenständigen Neuköllner Bezirksbürgermeister auf den mittlerweile weltgewandten ehemaligen Tempelhofer Stadtrat genuschelt hat. "Er ist mit Abstand unser bester Mann für diesen Posten." Das ist nun endlich mal einer dieser knackigen Buschkowsky-Sätze, den Klaus Wowereit auch unterschreiben kann. Oder?

Berliner Morgenpost: Wem haben Sie eigentlich Ihren Erfolg zu verdanken?

Klaus Wowereit: Menschen, die an mich geglaubt und mich unterstützt haben. Und mir selbst auch.

Klaus Wowereit: Siehste. So ist er, der Wowereit. Manchmal dann doch noch sehr direkt. Weshalb er sich auch nicht wundern sollte, dass er in diesen Wahlkampfwochen immer wieder mit einer These konfrontiert wird, die gerade nicht so richtig passen will zum Bild des ewigen Wowi, der ja fast schon im Begriff ist, den Berliner Bären abzulösen als Maskottchen dieser Hauptstadt. Kanzler-Ambitionen? Fragt jetzt Lea Rosh, die zum Politischen Salon geladen hat. Kommunale Galerie Wilmersdorf. Alles in weiß. Alle ganz freundlich. Heimspiel, Heimatkiez, eine Einladung zum Weiterdenken. Wowereit antwortet trotzdem nicht. Verweist stattdessen spöttisch auf jene drei Sozialdemokraten, die gerade so tun, als könnten sie die Sache unter sich ausmachen, ohne Wowereit, der ja auch stellvertretender Parteichef ist. Man vergisst das ja fast in diesen Tagen. Peer Steinbrück, Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel. Konkurrenz. Wieder so ein Moment, in dem man denkt: Gleich kann er nicht mehr. Gleich lässt er es richtig krachen. Aber dann kracht es doch nicht. "Heitere Gelassenheit" hat Wowereit sich verordnet für die kommenden Wochen. Klappt aber nicht immer. Also noch ein letzter Versuch.

Berliner Morgenpost: Haben Sie sich geärgert, dass die drei so tun, als könnten sie die Kanzlerkandidatur unter sich ausmachen?

Klaus Wowereit: Geärgert? Nö, das ist doch schön. Und hat der SPD genutzt. Die Frage wird nächstes Jahr entschieden.

Berliner Morgenpost: Und wie?

Klaus Wowereit: Das weiß man nie in unserer schnelllebigen Zeit.

Klaus Wowereit: Er kichert jetzt wieder. Alles ist gesagt. Und nichts.

"Meinen Erfolg zu verdanken? Den Menschen, die an mich geglaubt und mich unterstützt haben. Und mir selbst auch."