Meine Woche

Im Schritttempo durch die Stadt

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Meine Lieblingsbaustelle ist erst eine Woche alt. Am vergangenen Wochenende wurde sie eingerichtet: Bauarbeiter stellten rot-weiß Absperrungen auf, eine Spur im Tunnel am Alexanderplatz ist seitdem stadtauswärts gesperrt.

Wie die meisten von Ihnen wissen, ist der Tunnel erst vor fünf Jahren für 6,1 Millionen Euro saniert worden, doch jetzt fielen die Fliesen von der Wand, die Betonverschalung war nicht sorgfältig ausgeführt worden. Seit Wochen schon ist eine von zwei Tunnel-Spuren Richtung Westen gesperrt.

Im Sommer, so dachte ich, gibt es keinen Grund, sich zu beschweren. Berlin ist leerer, man kommt normalerweise auch trotz der Baustellen gut durch die Stadt. Am Alexanderplatz ging es ein paar Tage gut, jetzt stehe auch ich schon weit vor dem Tunnel auf der Otto-Braun-Straße im Stau, wenn ich morgens zur Arbeit fahre. Seit einer Woche trifft es mich auch abends, denn nun geht es ja ebenfalls einspurig Richtung Pankow. Diese Baustelle ist aus einem ganz bestimmten Grund zu meiner Lieblingsbaustelle geworden: Es wird dort nicht gearbeitet. Seit einer Woche ist kein Bauarbeiter zu sehen, nur die Spur ist abgesperrt. Die Arbeiter sind ja noch auf der anderen Seite beschäftigt. Wie lange? Zum Schulanfang und in den Tagen danach wird es dort noch lange Staus geben.

Ich habe, ganz ehrlich, Verständnis für die Sanierung der Straßen. Keiner von uns will durch die Schlaglöcher fahren, über hohe Bodenwellen rumpeln. Die Straßen müssen saniert werden, die großen wie die Avus oder die See- oder die Otto-Braun-Straße, die kleinen auch. Und ja, es bietet sich natürlich an, dies in den Sommermonaten zu erledigen, wenn viele die Stadt verlassen haben. Was mir aber völlig unverständlich ist, warum die Arbeiten so unkoordiniert begonnen werden. Wie kann es sein, dass die Verkehrssenatorin Ingeborg-Junge Reyer (SPD) und ihre Verwaltung nichts von den wahrlich umfassenden Arbeiten auf der Seestraße wissen? Diese Straße falle in die Zuständigkeit des Bezirks Mitte, heißt es bei der Senatsverwaltung. Das mag sein, aber wenn so etwas nicht abgesprochen wird, dann ist das ein guter Grund für die Abschaffung der Bezirke.

Oder will da jemand den Autofahrern bewusst das Leben erschweren? Ich wohne in Prenzlauer Berg und muss und will oft durch die Stadt. Die Seestraße ist eine Baustelle, die Invalidenstraße auch. Aber auch die Fennstraße ist zur Einbahnstraße geworden, bis Ende November 2011 wird dort gebaut. Bis vor kurzem war dann noch die Straße des 17. Juni dicht, denn dort mussten für die Partymeile noch Wasser- und Stromanschlüsse verlegt werden. Wenn Sie mir jetzt empfehlen, doch über die Torstraße nach Westen zu fahren, dann kommen Sie mit diesem Vorschlag etwas zu spät: Am Freitag dieser Woche hat Stadtrat Ephraim Gothe (SPD) mitgeteilt, dass dort 800 Meter Fahrbahn saniert werden müssen. Noch in diesem Jahr, in drei Abschnitten. Der Stau ist programmiert.

In wenigen Wochen wird ein neues Abgeordnetenhaus gewählt. Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann endlich wieder mal Politiker - im Senat und in den Bezirken -, die die Autofahrer nicht nur drangsalieren sondern es sich zum Ziel machen, diese gut durch die Stadt kommen zu lassen und Baustellen zu koordinieren. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Christine Richter leitet gemeinsam mit René Gribnitz die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt René Gribnitz über seine Woche in Berlin.