50 Jahre Mauerbau: 12. August 1961 - Das Finale

Eine Schmierenkomödie am idyllischen Döllnsee

Mächtig ist, wer seine Mitmenschen vorführen kann, ohne dass sie sich wehren können. Walter Ulbricht genoss seine Macht in vollen Zügen. Den Höhepunkt erreichte dieses Spiel am 12. August 1961.

Kurzfristig hatte der SED-Chef die Mitglieder des Ministerrats der DDR in das offizielle Regierungsgästehaus am Döllnsee nördlich von Berlin eingeladen. Tatsächlich nutzte seinerzeit nur ein Mann dieses Anwesen, das einst Hermann Göring hatte errichten lassen: Walter Ulbricht hielt es für sein Vorrecht, hier mit allen Annehmlichkeiten eines Alleinherrschers auszuspannen.

Doch nicht einmal ein kommunistischer Parteichef konnte der laut Verfassung für die Machtausübung zuständigen Regierung alles zumuten. Ulbricht war klar, dass es eines wenigstens formalen Beschlusses des Ministerrats bedurfte, um die Grenzsperrung zu begründen. Denn das DDR-Scheinparlament Volkskammer hatte am Tag zuvor der Regierung mit einem bewusst vage formulierten Ermächtigungsgesetz einen Freibrief ausgestellt, jede Maßnahme gegen die Massenflucht zu ergreifen. Der Entwurf dafür stammte aus dem Apparat des SED-Politbüros.

Allerdings misstraute Ulbricht den Regierungsmitgliedern, denn unter ihnen waren keineswegs nur Ulbricht gegenüber willenlos loyale SED-Kader. Sondern auch Vertreter der zwar völlig machtlosen Blockparteien, die aber dennoch bei einer solch tiefgreifenden Entscheidung wie der Grenzsperrung ein Risiko bedeuten mochten. Denn niemand, auch die Stasi nicht, konnte garantieren, dass ein Funktionär der Ost-CDU oder der LDPD auf einmal sein Gewissen entdecken und die unbedingt notwendige strikte Geheimhaltung brechen würde - zumal er leicht nach West-Berlin hätte flüchten können und dort als Held gefeiert worden wäre.

Also hatte Ulbricht sich entschieden, die Minister und andere Spitzenfunktionäre gleichzeitig vorzuführen und zu demütigen. Er bat die Mitglieder des Ministerrats kurzfristig zu einem "Beisammensein" am Döllnsee, gerade einmal acht Stunden vor dem Beginn der Grenzsperrung. Im Regierungsgästehaus konnten die möglicherweise aufmüpfigen Regierungsmitglieder völlig kontrolliert und von der Außenwelt abgeschnitten werden, bis die Aktion anlief.

Doch das reichte Ulbricht nicht. Er ließ seine Gäste im Unklaren, plauderte mit ihnen, ließ Kuchen und ein Abendessen auffahren - vom Zweck des Treffens kein Wort. Unterrichtet war nur das Politbüro, das Ulbricht am 7. August 1961 eingeweiht hatte.

Nach mehreren Stunden fasste sich Volkskammerpräsident Johannes Dieckmann ein Herz. Er nahm Alfred Neumann beiseite, Mitglied des SED-Politbüros und damals als "Kronprinz" Ulbrichts im Gespräch, und fragte: "Sagen Sie einmal, Neumann, warum sind wir heute am Döllnsee?" Doch der Kaderkommunist wusste, was der SED-Chef von ihm erwartetet - er log Dieckmann ins Gesicht: "Ich habe keine Ahnung." Rückblickend begründete Neumann: "Es war ja nicht meine Sache, die Leute zu informieren."

Das seltsame Treffen ging weiter, bis in den Abend hinein. Erst gegen 21.30 Uhr, Erich Honecker war längst abgefahren Richtung Berlin-Mitte, offenbarte Ulbricht den Zweck des "Beisammenseins". Nach dem Abendessen sagte er plötzlich den versammelten DDR-Funktionären: "So, wir machen jetzt noch eine Sitzung." Dann teilte der SED-Chef den überraschten Regierungsmitgliedern mit: "Aufgrund der Volkskammerbeschlüsse werden heute Nacht zuverlässige Sicherungen an der Grenze vorgenommen."

Keiner der Anwesenden protestierte, denn jeder wusste, dass Widerspruch automatisch den Verlust der lieb gewonnenen Privilegien bedeutet hätte, mindestens die Abschiebung auf einen bedeutungslosen Posten in der Provinz, schlimmstenfalls Verhaftung und Gefängnis. Als die überrumpelten Regierungsmitglieder in der Nacht nach Ost-Berlin zurückchauffiert wurden, fiel einigen von ihnen der gewaltige Aufmarsch von Uniformierten auf, die sich Richtung Sektorengrenze bewegten. Nun konnten sie mit ihrem Wissen nichts mehr anfangen.

So endete die Schmierenkomödie vom Döllnsee. Faktisch war sie ohnehin bedeutungslos, denn Walter Ulbricht hatte die von Erich Honecker ausgearbeiteten Anweisungen für die Grenzschließung an diesem 12. August 1961 schon um 16 Uhr unterschrieben - kurz bevor die ersten Gäste des "Beisammenseins" eintrafen.