19. August 1911

Als die Zeitung fliegen lernte

Es kommt nicht oft vor, dass Frachtflugzeuge und Jumbos in Berlin-Tegel landen. Wenn sich aber doch einmal eine dieser Maschinen im Landeanflug auf die Hauptstadt befindet, dann wartet unter Garantie ein besonderer Auftrag.

Es war im Herbst des vergangenen Jahres, als die Berliner Philharmoniker in Berlin ihre Konzertreise nach Nahost, Australien und Singapur starteten. In einem eigens für das Orchester und die Instrumente gecharterten Jumbo der Lufthansa ging es auf die mehrwöchige Reise. Jeder Extrawunsch, jede Anforderung an die sehr teuren und empfindlichen Instrumente konnte erfüllt werden. Bis auf wenige Ausnahmen findet das große Luftfracht-Geschäft heute in Frankfurt am Main und in Leipzig statt.

Vor 100 Jahren sah das anders aus. Nur wenige Monate, nachdem ein Geschäftsmann 1910 in den USA Seidenballen mit einem Flugzeug transportieren ließ, war am 19. August 1911 in Berlin die Geburtsstunde des Gütertransportes in Deutschland per Flugzeug. An Bord einer einmotorigen Harlan befand sich ausschließlich Fracht. Es waren die druckfrischen Exemplare der Berliner Morgenpost.

25 Flugzeuge voll mit Zeitungen

Auf einer holprigen Graspiste startete die Maschine in Berlin-Johannisthal in Richtung Frankfurt an der Oder. Der Transport der Berliner Morgenpost auf dem Luftweg hatte Symbolcharakter für die Luftfracht, denn wie heißt es so zutreffend: Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Damit gehören die Printmedien ebenso zu den verderblichen Produkten wie Rosen aus Kenia, Hummer aus Kanada oder Thunfisch aus Japan.

"Trotz der Konkurrenz durch die elektronischen Medien verladen wir im Jahr rund 2300 Tonnen Zeitungen und Zeitschriften", sagt Michael Göntgens, Pressesprecher der Lufthansa Cargo AG. "Das sind etwa 25 voll beladene Großraumflugzeuge."

Nach dem ersten Transportflug in Deutschland setzte der Reichspostmeister 1912 auf den Transport von Briefen und Postkarten per Flugzeug. Der erste kommerzielle Luftfrachtspediteur war die fünf Jahre später gegründete Deutsche Luftreederei. Sie flog zunächst Zeitungen von Berlin nach Weimar, später kam auf dieser Strecke auch Luftpost dazu. Die 1926 gegründete Luft Hansa, die Vorgängerin der heutigen Lufthansa AG, beförderte schon im ersten Jahr 258 Tonnen Luftfracht. Bereits zwei Jahre später flog sie Metropolen wie London und Paris an. Luftfracht bedeutete dann in Europa im Zweiten Weltkrieg über Jahre hinweg Munitions-, Material-, Lebensmittel- und Verletztentransport.

1948 und 1949 glänzte die Luftfracht mit der größten logistisch-humanitären Leistung ihrer Geschichte: die Berliner Luftbrücke. Zwei Millionen Menschen wurden in der geteilten und abgeschnittenen Stadt 15 Monate lang über eine Luftbrücke versorgt. Ab 1956 gab es erste innerdeutsche Frachterflüge, ein Jahr später startete der Nur-Fracht-Dienst über den Nordatlantik. 1969 verfügte die Lufthansa über das größte Frachtstreckennetz der Welt. 1972 nahm die Gesellschaft das größte Frachtflugzeug der Welt, eine Boing 747F, in Betrieb. Damit transportierte das deutsche Unternehmen eine komplette Fabrik mit 25 elektronisch gesteuerten Rundstrickmaschinen samt Zubehör und zwei Tonnen Post nach New York. Zehn Jahre später wurde am Flughafen Frankfurt/Main das Lufthansa Cargo Center eröffnet. Es ist heute das größte Luftfrachtdrehkreuz in Europa. Neben den wichtigen Frachtflügen für die Wirtschaft könnte ohne Frachtflugzeuge auch nicht so schnell Hilfe bei Unglücken und Naturkatastrophen geleistet werden. So war die schnelle Hilfe nach der Reaktor-Katastrophe in Fukushima in Japan genauso erforderlich, wie die lebenswichtige Unterstützung nach dem Erdbeben im Januar 2010 in Haiti. Gefragt sind die Dienste von Frachtflugzeugen auch bei havarierten Container- und Kreuzfahrtschiffen, die irgendwo in einem Hafen der Welt einen Maschinenschaden haben.

"Von Berlin aus wird nur wenig Fracht mit dem Flugzeug transportiert. Wenn, dann sind es meistens sehr hochwertige und zeitkritische Güter, die als Zuladung mit Passagiermaschinen befördert werden", sagt Wolfgang Weber, Pressesprecher der Lufthansa AG. Die meisten Güter werden mit Lkw nach Leipzig und Frankfurt gebracht. Zu den Auftraggebern aus Berlin und Umgebung gehören unter anderem die Pharmaindustrie mit Bayer Schering, MTU und Rolls Royce mit Flugzeugersatzteilen und Autozubehörteilen. Befördert werden häufig auch sehr empfindliche Kunst- und Ausstellungsstücke für die vielen Berliner Museen.

"Für reine Frachtflüge mit großen Maschinen oder Maschinenteilen fehlt in Berlin die Industrie." Weber berichtet von Ausnahmesituationen. "Auf dem Seeweg waren BMW-Motorräder aus Berlin in die USA unterwegs, aber das Containerschiff ist gesunken", sagt er. "Damit BMW dennoch pünktlich liefern und den Auftrag erfüllen konnte, wurde die Lufthansa Cargo beauftragt. Mit einer Frachtmaschine hat unser Unternehmen dann die Motorräder nach New York gebracht."

Aus Anlass des 100. Jubiläums konnten Morgenpost-Abonnenten eine Reise zum Lufthansa Cargo Center gewinnen. Freitag fliegen zehn Leser nach Frankfurt/Main. Dort besuchen sie das Cargo Center, besichtigen die Frachtabfertigung der Tierstation und werden von einem Piloten durch ein Frachtflugzeug geführt. Der Höhepunkt der Besichtigung ist ein Flugtraining in einem MD-11 Flugsimulator.