Evakuierungen

Fliegerbombe legt City West lahm

Die Entschärfung einer Weltkriegsbombe hat im Herzen der City West zu umfangreichen Evakuierungen, Absperrungen und Verkehrsumleitungen geführt. Von den Maßnahmen waren am Donnerstagabend Tausende Passanten, ortsansässige Geschäftsleute und die Gäste eines Hotels betroffen. Auch der Bahn- und Busverkehr wurde vorübergehend unterbrochen.

Die Räumung begann um 19 Uhr. Gegen 22.30 Uhr konnte dann nach dreieinhalb Stunden voller Spannung Entwarnung gegeben werden, nachdem Experten der Polizei den Zünder des Blindgängers herausgesprengt hatten.

Zuvor mussten in einem Radius von 250 Metern rund um den Fundort am früheren Standort des Panoramakinos alle Menschen das Gebiet verlassen. Betroffen waren große Teile der Budapester Straße, der Breitscheidplatz, der Hardenbergplatz sowie Teile der Tauentzienstraße und der Olof-Palme-Platz. Der Beginn der Entschärfung durch Sprengstoffexperten des Landeskriminalamtes (LKA) wurde auf 22 Uhr festgesetzt.

Der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg war am Donnerstagmorgen gegen 8.45 Uhr bei Bauarbeiten an der Budapester Straße in unmittelbarer Nähe des Bikinihauses gefunden worden. Bei dem Sprengsatz handelte es sich um eine russische 100-Kilo-Bombe mit mechanischem Aufschlagzünder. Nachdem die Sprengstoffexperten den Blindgänger untersucht hatten, entschieden sie, den Zünder noch am Abend am Fundort zu entschärfen.

Luxushotel geräumt

Bereits am Nachmittag waren Ladenbesitzer, Gastronomen und andere Gewerbetreibende von der geplanten Räumung unterrichtet worden. Pünktlich um 20 Uhr schlossen Geschäfte und Lokale. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) evakuierte die Seniorenresidenz an der Budapester Straße. 60 Bewohner des Ruhesitzes wurden in den BVV-Saal des Rathauses Wilmersdorf gebracht und dort so lange versorgt, bis sie nach der Entschärfung der Bombe wieder in ihre Wohnungen zurückkehren konnten. Das DRK hatte 14 Fahrzeuge und 33 Mitarbeiter im Einsatz. Im Luxushotel Palace waren 320 Hotelgäste und 150 Mitarbeiter betroffen. Ihnen bot die Hotelleitung an, vorübergehend in zwei andere Hotels zu wechseln und dort bewirtet zu werden. Viele Gäste nahmen das Angebot dankend an, andere zogen es hingegen vor, das Geschehen möglichst aus der Nähe zu beobachten.

Auch das Europa Center musste geräumt werden. Eine Veranstaltung bei den Wühlmäusen wurde früher als geplant beendet. Im Theater begann die Vorstellung mit der Kabarettistin Gabi Decker zwar planmäßig um 20 Uhr. Decker ließ aber die Pause ausfallen, damit Besucher und Darsteller um 21.45 Uhr spätestens die Gefahrenstelle verlassen konnten. Auch der Zoo schloss um 19 Uhr, die Besucher wurden über die Gefahr informiert und gebeten, dass Zoogelände rechtzeitig zu verlassen.

Im Umkreis des Breitscheidplatzes sollten am Abend auch Straßenfeste stattfinden. Einige von ihnen mussten frühzeitig beendet werden, sagte ein Sprecher der Polizei. Zwischen 20 und 22.30 Uhr kam es wegen der zahlreichen Straßensperrungen auch zu massiven Behinderungen im Straßenverkehr in der City West. Betroffen waren auch der Bus- und Bahnverkehr. Auf den S-Bahnlinien 3,5,7 und 75, den U-Bahnlinien 9 und 12 sowie bei etwa 15 Buslinien wurde der Betrieb rechtzeitig vor Beginn der Entschärfung zum Teil eingestellt, zum Teil mit Einschränkungen weitergeführt. S-Bahn und BVG informierten ihre Kunden ebenfalls frühzeitig, dass in den Abendstunden mit Zugausfällen und Verzögerungen gerechnet werden müsse.

Sowohl der Großteil der betroffenen Geschäftsleute als auch die meisten Passanten zeigten Verständnis für die Sicherheitsvorkehrungen und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten. Verärgert reagierten vereinzelt Menschen, die eigentlich zum Zeitpunkt der angesetzten Räumung gebuchte Kino-Veranstaltungen besuchen wollten. Viele Touristen wiederum genossen das für sie seltene und überaus spannende Schauspiel, das ihnen da in der City West unverhofft geboten wurde. Jeder Anwesende, der irgendwie einen "offiziellen" Eindruck erweckte, wurde von den Berlin-Besuchern mit in zahlreichen Sprachen gestellten Fragen überschüttet.

Zwischen 21.30 Uhr und 22.30 Uhr legte sich eine Stille über das geräumte Gebiet, wie die City West sie wohl noch nie erlebt hat. Die Polizei, die mit 220 Beamten im Einsatz war, sicherte nicht nur die aufgebauten Absperrungen, sondern kontrollierte, wie bei solchen Anlässen üblich, nochmals, ob das abgesperrte Gebiet auch wirklich menschenleer war.

Um kurz nach 22 Uhr begann die Arbeit der Bombenentschärfer. "Vielfach reichen für die Entschärfung eines Aufschlagzünders zehn bis 15 Minuten", sagt ein Techniker des LKA. Punkt 22.30 Uhr war die Gefahr gebannt.