50 Jahre Mauerbau: 10. August 1961 - Ein Leck

Der BND erfährt von den Plänen zur Grenzsperrung

Gut informierte Quellen sind für jeden Nachrichtendienst unverzichtbar. Am 10. August 1961, genau um 11.45 Uhr, erhielt ein Agent des BND eine hochbrisante Information.

Seine "Unterquelle" mit dem Decknamen "Norman" rief an und teilte mit, "dass Maßnahmen vorbereitet werden, die Sektorengrenzen zwischen dem 12. und dem 18. August 1961 zu schließen, um den nicht mehr kontrollierbaren Flüchtlingsstrom zu unterbinden". Der Informant behauptete, seine Mitteilung stamme von einer "Ost-Berliner SED-Quelle", war aber auf Nachfrage nicht bereit, ihren Namen zu offenbaren.

Nach Aktenlage erfuhr der BND wohl nie, wer sich hinter "Normans" Kontaktperson verbarg. Sicher jedoch ist allein: Es war niemand aus dem Umfeld des engsten Zirkels der Macht, des Politbüros. Denn dessen Mitgliedern hatte Parteichef Walter Ulbricht bereits drei Tage zuvor den Termin der Grenzsperrung genau genannt: die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag, also vom 12. auf den 13. August 1961. Von einer Spanne von immerhin sechs Tagen war im Politbüro nie die Rede gewesen.

Mit gewisser Wahrscheinlichkeit stammte die Nachricht daher aus der Abteilung Sicherheit beim ZK der SED. Ihre Mitarbeiter waren für alle bewaffneten Kräfte der DDR und die Stasi zuständig, direkter Chef war Erich Honecker. Und sie wussten schon seit der dritten Juli-Woche, dass die Grundsatzentscheidung zur Grenzsperrung gefallen war. Sie wussten ebenso, dass am 9. August 1961 ein spezieller Arbeitsstab der NVA gebildet worden war, um die Befehle für die einzusetzenden Truppenteile auszuarbeiten. Ihnen war bekannt, dass die 1. und die 8. Motorisierte Schützendivision an diesem Nachmittag alarmiert werden und mit Vorräten für eine Woche Einsatz in die Bereitstellungsräume rund um Berlin ausrücken sollte. Daraus ließ sich unschwer der Zeitraum für die geplante Absperrung der Sektorengrenze ausrechnen - eben die Tage zwischen dem 12. und dem 18. August 1961.

Einen zweiten, mindestens genauso konkreten Hinweis auf die bevorstehenden Ereignisse erhielten die Leiter der drei westlichen Militärmissionen am Nachmittag des 10. August 1961. Sie waren zum Begrüßungsempfang beim neu ernannten sowjetischen Oberbefehlshaber der Roten Armee in der DDR geladen. Nur wenige Tage zuvor hatte Nikita Chruschtschow entschieden, den bisherigen und mit 49 Jahren relativ jungen Befehlshaber Generaloberst Iwan Jakubowski durch den bereits im Zweiten Weltkrieg zum Marschall aufgestiegenen 63-jährigen Iwan Konew zu ersetzen.

Um 16.30 Uhr empfing er im Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte in Wünsdorf bei Zossen die Offiziere der Verbindungsmissionen, die alle Russisch sprachen und nachrichtendienstlich erfahren waren. Einer der westlichen Offiziere fragte Konew ganz offen: "Wir hören von umfangreichen Militärtransporten in Ihrem Befehlsbereich. Was, bitte, hat das zu bedeuten?"

Nun zeigte sich, warum Chruschtschow den erfahrenen Marschall, der seit einem mehrjährigen Einsatz in Österreich nach 1945 auch im Umgang mit westlichen Offizieren geübt war, nach Berlin geschickt hatte. Denn seine Antwort war ebenso verbindlich wie nebulös: "Meine Herren, Sie können beruhigt sein. Was immer in der nächsten Zukunft geschehen mag, Ihre Rechte werden unberührt bleiben, und nichts wird sich gegen West-Berlin richten."

Wahrscheinlich unterrichteten daraufhin die hochrangigen Offiziere der drei Verbindungsmissionen die westlichen Stadtkommandanten Berlins ebenso wie ihre direkten Vorgesetzten in den drei Hauptstädten.