Trauerfeier für Doppelmord-Ofer

"Nichts rechtfertigt diese Tat"

Angehörige, Freunde und Bekannte haben in einer Trauerfeier in Neukölln der beiden Doppelmord-Opfer aus Wedding gedacht. Weit mehr als 500 Menschen versammelten sich am Dienstagmittag in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm.

Die Leichen der erschossenen Frauen, der 47-jährigen Nevin C. und ihrer Tochter Leyla (22), sollten noch in der vergangenen Nacht in die Türkei übergeführt und am heutigen Mittwoch in ihrer anatolischen Heimatstadt Cihanbeyler, nahe der türkischen Hauptstadt Ankara, beerdigt werden. Die beiden Frauen waren am Donnerstag vergangener Woche im Kugelhagel eines Schützen gestorben, dessen unfassbare Tat eigentlich seiner Ex-Frau Feride (24), Tochter und Schwester der beiden Getöteten, galt. Der mutmaßliche Täter Mehmet Y. (27) konnte nach einer tagelangen Großfandung am späten Sonntagabend in Neukölln gefasst werden.

Feride C. war kaum in der Lage, der Trauerfeier für ihre Mutter und ihre Schwester zu folgen. Sie wirkte mehrfach, als stehe sie unmittelbar vor einem Zusammenbruch. Auch ihr Vater brach immer wieder in Tränen aus. Halil C. hat seine Frau und eine Tochter verloren. Sein Sohn Ferit (27) überlebte den Mordanschlag, schwebte allerdings mehrere Tage in Lebensgefahr und liegt noch im Krankenhaus. "Diese Tat hat das Rückgrat meiner Familie gebrochen", sagte Halil C. zu Reportern. Ansonsten schwiegen die Angehörigen während der Feier. Sie hatten vor Beginn der Zeremonie Fotos erlaubt, aber ansonsten darum gebeten, die Trauernden in Ruhe zu lassen.

Nichts rechtfertige diese Tat, Mord und Gewalt seien niemals mit einer Religion in Einklang zu bringen, sagte ein Imam während seiner Predigt. Anders als bei Muslimen sonst üblich, sprachen bei der Trauerfeier in der Sehitlik-Moschee zwei Imame. Nach der Trauerfeier wurden die Särge der beiden getöteten Frauen direkt zum Flughafen gefahren.

Mit der Schuld leben

Die Teilnehmer der Trauerfeier waren sichtlich geschockt und fassungslos. "Wie soll die Familie jemals über diese Tat und den Verlust hinwegkommen, für die scheint das Leben im Moment doch sinnlos", fragte ein Bekannter von Halil C. Gleiches, so der Mann, gelte vermutlich aber auch für die in der Türkei lebende Familie des Schützen, die nun mit der Schuld des eigenen Sohnes und Bruders leben müsse. Und eine junge Türkin, eine Freundin der getöteten Leyla C., stellte immer wieder weinend die Frage nach dem Warum.

Exakt diese Frage treibt auch die Ermittler der Staatsanwaltschaft und der 3. Mordkommission um. Der Fall scheint nach der Festnahme des mutmaßlichen Doppelmörders Mehmet Y. klar, aber die Ermittlungen sind noch lange nicht abgeschlossen. Vieles, wenn nicht alles deutet auf eine Eifersuchtstat eines Mannes hin, der nicht hinnehmen wollte und konnte, dass seine Frau sich von ihm getrennt hat. Den Ermittlern ist das aber noch nicht präzise genug. "Der Beschuldigte hat zwar eingeräumt, die Schüsse abgegeben zu haben, zum Hergang der Tat und vor allem zu seinen Motiven wissen wir allerdings noch viel zu wenig", sagte Simone Herbeth, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Dienstagnachmittag. Da noch viel Klärungsbedarf bestehe, werde es wohl noch einige weitere Befragungen geben, sagte die Justizsprecherin weiter.

Derzeit konzentrieren sich die Ermittlungen vor allem auf das Umfeld des mutmaßlichen Täters. Bislang hat sich dabei allerdings vor allem herausgestellt, dass nur wenige Menschen etwas über Mehmet Y. sagen können. "Und mancher, der etwas sagen könnte, sagt lieber nichts", beschrieb ein Beamter die Probleme. Mehmet Y. selbst hat unmittelbar nach seiner Festnahme die tödlichen Schüsse gestanden, auf alle weiteren Fragen allerdings geschwiegen. Auch gegenüber dem Ermittlungsrichter, der am Montag Haftbefehl wegen zweifachen Mordes erließ, äußerte sich der 27-Jährige nicht.

Von Bedeutung für die Ermittler ist auch die Frage, ob die Tat von langer Hand geplant war. Vieles deutet darauf hin, denn Y. hat seiner Ex-Frau und deren Familie zuvor offenbar mehrfach gedroht, sie umzubringen. "Aber wenn jeder, der mal droht, einen anderen umzubringen, die Drohung auch in die Tat umsetzt, wären die Straßen hier ziemlich leer und die Gefängnisse überfüllt", sagte ein Kriminalbeamter. Auch diese Frage müsse noch abschließend geklärt werden.

Für Halil C. und die Familienangehörigen, die die blutige Tat überlebt haben, sind diese Fragen momentan nebensächlich. Für sie sind nur Trauer und Schmerz geblieben. Und daran, vermutet ein Freund der Familie, werde sich so schnell nichts ändern