BVG

Mit dem Zeigefinger gegen Gewalt

Vier verletzte Männer, fünf Festnahmen. So lautet die Bilanz des vergangenen Wochenendes für den Berliner Nahverkehr. Gleich mehrere Schlägereien und Raubüberfälle sorgten einmal mehr für Negativschlagzeilen. Oft, wenn es zu Gewalttaten in Zügen oder Bahnhöfen kommt, sind Passanten anwesend.

Oft aber handeln sie nicht, obwohl es beispielsweise in jeder U-Bahnstation mindestens zwei Notrufsäulen gibt. Meist seien die Zeugen schlicht überfordert und wüssten nicht, wie sie sich richtig verhalten sollen, sagt Sigrid Nikutta, Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Das soll sich ändern: Am Dienstag startete die BVG daher gemeinsam mit der Berliner Polizei und unterstützt durch den Senat eine Kampagne für mehr Zivilcourage. Großformatige Plakate zeigen Menschen mit abgespreiztem Daumen und Zeigefinger. Darüber der Slogan "Deine Waffe gegen Gewalt".

"Niemand soll zum Helden werden und sich selbst in Gefahr bringen", sagte BVG-Chefin Nikutta. Aber jeder könne ganz einfach helfen - durch Drücken der Notruftaste auf dem Bahnsteig oder der Sprechtaste in der Straßenbahn, durch Ziehen der Notbremse im Zug oder durch Wählen des Notrufs auf dem Handy.

Neues Design für Notrufsäulen

Die insgesamt bis zu 800 000 Euro teure Kampagne ist Teil der im Mai von BVG-Chefin Nikutta und dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) vorgestellten Maßnahmen für mehr Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr. Insgesamt investiert die BVG nach eigenen Angaben zwölf Millionen Euro für die Verbesserungsmaßnahmen. Die laufenden Kosten liegen dann bei 16 Millionen Euro jährlich. Zunächst sollen die Plakate auf mehr als 100 U-Bahnhöfen aufgehängt werden, später auch auf Plakatwänden außerhalb der U-Bahn. Parallel werden alle 549 Notrufsäulen im Netz neu gestaltet. Piktogramme zeigen nun, dass bei Drücken der Notruftaste sofort eine Video- und Sprechverbindung zur Sicherheitsleitstelle hergestellt wird. Die Botschaft all dessen ist klar: "Trau dich, zu helfen. Du bist nicht allein."

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hofft auf eine Sensibilisierung der Fahrgäste und Passanten. "Niemand sollte einfach achtlos vorbeigehen, wenn Straftäter einen anderen Menschen misshandeln", sagte er am Dienstag bei der Vorstellung der Kampagne am Bahnhof Alexanderplatz. Körting erhofft sich von den Plakaten in der U-Bahn aber noch einen anderen Effekt. "Sie werden auch zur Verunsicherung möglicher Täter beitragen", sagte der Senator.

Hans-Gerd Jaschke, Sozialwissenschaftler am Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement der Hochschule für Wirtschaft und Recht, glaubt zumindest bei Tätern, die unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen, nicht an diese Abschreckungswirkung. Dass die Kampagne sinnvoll ist, daran zweifelt er aber nicht. "Die Plakate können bewirken, dass sich die Einstellung zur Zivilcourage ändert", sagt er. Theoretisch werde es zwar positiv bewertet, anderen zu helfen. Im konkreten Fall sehe das aber oft anders aus. "Was ist denn, wenn Sie eine Stunde zu spät zur Arbeit kommen und das damit begründen, dass Sie geholfen oder sich als Zeuge gemeldet haben", fragt der Sozialwissenschaftler. "Bekommen Sie Lob oder Ärger?" Diese fehlende Anerkennung sei ein Grund, warum Zeugen so oft nicht reagieren. "Angst ist natürlich auch ein Grund, aber nur einer von vielen", so Jaschke. Andere Motivationen seien vermeintlicher Zeitdruck. Viele würden sich zudem die Frage stellen: "Warum soll ich helfen, warum nicht andere?" "All das zusammengenommen, ist es für uns einfacher, wegzugucken als zu handeln", sagt der Experte.

Abstand zum Täter halten

Zu vermitteln, dass es auch anders geht, das ist die Aufgabe von Tanja Knapp, stellvertretende Leiterin der Zentralstelle für Prävention im Landeskriminalamt. Auch sie rät Zeugen dringend davon ab, in körperlichen Auseinandersetzungen als Einzelner einzugreifen und sich dadurch selbst in Gefahr zu bringen. "Das Risiko in solchen Fällen ist unkalkulierbar", sagte Knapp. Die richtige Strategie sei: Abstand zum Täter halten, Allianzen mit anderen Zeugen bilden, per Notrufknopf oder Handy professionelle Hilfe rufen, am Tatort bleiben und sich als Zeuge zur Verfügung stellen.

Bei vielen Fällen von Gewalt aus der jüngsten Vergangenheit in der U-Bahn boten mangels Zeugen am Ende nur die Aufzeichnungen der Videokameras Aufschluss über den Tathergang. BVG-Chefin Nikutta fordert seit Langem, die zulässige Speicherfrist der Videodaten aus U-Bahnhöfen und Fahrzeugen von derzeit 24 auf 48 Stunden zu verdoppeln, um die Strafverfolgung zu erleichtern und die Abschreckungswirkung zu erhöhen. Dafür wäre allerdings eine Änderung des Berliner Datenschutzgesetzes nötig, die in der Landespolitik heftig umstritten ist. Zumindest technisch gehen die Verkehrsbetriebe nun in Vorleistung. Spätestens Ende August seien die Voraussetzungen für eine längere Speicherung der Daten geschaffen, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Sollte es zu einer entsprechenden Änderung der gesetzlichen Grundlagen kommen, könnte die Umsetzung innerhalb von drei Monaten erfolgen.