50 Jahre Mauerbau: 1. August 1961 - Die Terminfrage

Ab durch das Loch im Zaun

Als die Welt den Atem anhält, liegt die 13-jährige Monika Jandek in einer Neuköllner Gartenkolonie und schläft. Zwischen Schrebergärten und Holzhütten besitzt ihre Familie im "Helmutstal" ein kleines Steinhaus für die Sommermonate. Gerade anderthalb Zimmer groß, niedrige Decken, davor ein kleiner Garten.

Am 13. August 1961 werden die Jandeks um sieben Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen. Ein lautes, durchdringendes Klingeln. Dreimal, viermal. Vor der Tür steht ein Nachbar aus der Kolonie. "Kommt raus, die DDR riegelt die Grenze ab, eure Tochter steht noch im Osten", ruft er panisch. Die Gartenkolonie liegt direkt an der Kiefholzstraße, entlang der die Sektorengrenze verläuft. Vom Grundstück der Jandeks sind es knapp 200 Meter bis nach Ost-Berlin. Monikas Vater greift nach seinen Kleidern und rennt an die Sektorengrenze. Auf der Straße patrouillieren die Volkspolizisten, an einigen Stellen ist Stacheldraht verlegt. Der Blick des Vaters schweift über die skurrile Szene vor ihm. Und da stehen sie: Monikas 18 Jahre alte Schwester, daneben ihr Ehemann. Auf dem Arm hält sie die gemeinsame Tochter. Als sie hörten, dass die DDR die Grenze schließt, sind sie sofort gekommen. Monikas Vater entschließt sich: Er muss ihnen helfen. Sofort.

Aus eigener Erfahrung weiß der Vater, wie das Leben in der DDR organisiert ist. Bis 1958 war auch er ein Teil der sozialistischen Gesellschaft. Die Familie stammt aus Ost-Berlin. Die jüngste Tochter Monika wurde in Prenzlauer Berg geboren und verbrachte dort ihre Kindheit. Ihre Eltern hatten ein Friseur-Geschäft. 1957 zwingt der Staat die Jandeks, den Laden aufzugeben. Ein Jahr später flieht der Vater in den Westen und lässt seine Familie zurück. Er wird als politischer Flüchtling anerkannt. Noch ahnt die Familie nicht, dass einmal ein "antifaschistischer Schutzwall" Berlin teilen könnte. So oft es geht, besuchen Mutter und Kinder den Vater im Westen. In der Sonnenallee in Neukölln hat er eine Wohnung gemietet. Das Friseurgeschäft, das er in Prenzlauer Berg aufgeben musste, baut er im Westen wieder auf. Im Sommer wohnt die Familie wie selbstverständlich für einige Wochen in der Gartenkolonie. Ein Stück Idylle im Kalten Krieg. Bis zu jenem Sonntag, dem 13. August 1961.

Als der Vater seine Tochter, den Schwiegersohn und das Baby am Grenzübergang sieht, rennt er zurück zum Steinhaus. Dort liegt der Seitenschneider. Mit der großen Zange spurtet Monikas Vater zurück zur Sektorengrenze und schneidet den Stacheldraht durch. Die DDR-Wachposten bekommen davon angeblich nichts mit. In Wirklichkeit lenken Bewohner der West-Kolonie sie ab, bestechen sie mit Kaffee, Schnaps und Zigaretten. Die junge Familie schlüpft durch das Loch im Zaun und verschwindet in Richtung Gartenkolonie.

Doch die Strapazen sind noch nicht vorbei. Monikas Schwester Inge hat alles in der kleinen Wohnung in Prenzlauer Berg zurück gelassen. Kleidung, Fotos, Papiere. Monika und ihre Schwester müssen wieder zurück, um die wichtigsten Dinge zu holen. Noch einmal schlüpfen sie durch den Zaun, in entgegengesetzter Richtung.

Richtig begreifen kann die 13-Jährige die Ereignisse dieses Tages nicht. Sie ist ein Mädchen ohne ausgeprägte politische Haltung. Monika ist Mitglied bei den Jungen Pionieren. Wenn sie die schmucke Uniform trägt, fühlt sie sich als Teil eines großen Ganzen. Die DDR sei der perfekte Staat, erklären ihr die Lehrer. Die spießbürgerliche Moral und Überwachung in der DDR kümmern sie nicht. Wenn Monika bei ihrem Vater im Westen ist, verblassen die Gruselgeschichten von der Bundesrepublik als "Hort des Faschismus" sofort. Als Monika Jandek mit ihrer Schwester in der S-Bahn sitzt, fühlt sie sich wie in einem Abenteuerfilm. Sie spürt die Nervosität der Menschen. Am S-Bahnhof Prenzlauer Allee steigen sie aus und gehen zur Wohnung. Da nicht alles in den Koffer passt, muss Monika die Kleider der Schwester tragen. Fünf Teile übereinander.

Zehn Mal fahren die beiden hin und her. Von Treptow bis zur Prenzlauer Allee. Erst am Abend haben sie alles im kleinen Steinhaus in Neukölln untergebracht. Die Volkspolizisten lassen sie an der Kiefholzstraße passieren. Bis zum Schichtwechsel am Abend gelingt vielen Ost-Berlinern dort die Flucht in die Freiheit. Nach der Wachablösung lassen die Grenzer niemanden mehr durch.

Die Jandeks haben es noch geschafft, gerade so: Zwei Tage später melden sie sich im Flüchtlingslager in Marienfelde. Die ersten Schritte in der Freiheit fallen Monika Jandek nicht leicht. In der Schule vermisst sie das Kollektiv, schwänzt den Unterricht. Mit 15 beginnt Jandek eine Lehre als Schneiderin. Mit 19 wird sie schwanger, heiratet und nimmt den Namen Schönicke an. Mehrmals wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit, jedes Mal gibt sie wieder auf. Heute lebt Schönicke immer noch in Neukölln. Mit ihrer Vergangenheit hat sie abgeschlossen, mit nun 63 Jahre alt. In Prenzlauer Berg war sie schon ewig nicht mehr. Nach der Wende besuchte sie noch einmal ihr Geburtshaus. Und danach nie wieder.

Am heutigen Montag um 19.30 Uhr erzählt in der " Abendschau " Lothar Kensbock seine Erlebnisse

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