Castings für die Historiale

Szenen vom Schwarzmarkt: Schokolade gegen Scheine

Ein Hinterhof in Mitte, halb verputzte Ziegelsteine blitzen aus der Häuserfassade. An der Wand lehnt ein ausgedientes Fahrrad, auf dem Boden lagert Schutt, ein Kartoffeljutesack liegt achtlos dazwischen. Da treten vier Frauen in die Szenerie. Sie positionieren sich vor der Häuserwand, halten vorsichtig Ausschau.

Es nähern sich zwei Männer von rechts, verstohlen schieben sie sich in die Gruppe hinein. Sofort scharwenzeln die Frauen um die zwei Gestalten herum, es wird getuschelt, hastig in Sakkotaschen gegriffen. Ein Büstenhalter, ein Fetzen Nylon, hier und da eine Packung Zigaretten sind zu erhaschen, funkeln kurz zwischen den Fingern hervor, bevor sie in den Handtaschen der Damen verschwinden. Eilig drücken die Frauen Marken und Scheine in die Männerhände, tauschen diese hinter dem Rücken gegen die Kaufobjekte. Plötzlich, ein lauter Schrei: "Razzia!" Die Meute stiebt auseinander. Das wars. 20 Leute auf Korbstühlen klatschen.

Die Szene vom Schwarzmarkt ist improvisiert. Sie ist Teil des Darsteller-Castings für das Geschichtsfestival "Historiale", das in diesem Jahr vom 26. bis 28. August im Nikolaiviertel stattfindet. Unter dem Motto "Berlin - Hauptstadt der Spione" widmet sich das Fest dieses Mal dem Leben in Berlin vom Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 bis zum Bau der Mauer 1961. Es geht um Trümmerfrauen, Schwarzmarkt-Händler, Petticoats und Rock'n'Roll. Dafür sucht der Veranstalter, der Verein Historiale e.V., momentan Statisten, die Szenen aus der damaligen Zeit während der Historiale nachspielen und Besucher mit einbeziehen. Zum ersten Casting im Juli auf dem Hinterhof sind rund 20 Bewerber gekommen.

Auch Evelyn Gundlach ist dabei. Die 80-Jährige übernimmt seit Jahren Komparsen-Rollen, bis vor Kurzem stand sie in Hannover für die Nibelungen auf der Bühne, auch bei der Iphigenie in der Komischen Oper spielte sie schon mit. "Zu Hause sitzen ist doch nüscht", sagt sie und springt für die zweite Casting-Runde aus ihrem Korbstuhl. In einer Ankündigung in der Berliner Morgenpost hat sie vom Casting-Termin erfahren. Und wollte sofort eine Schwarzmarkt-Verkäuferin mimen. Weil sie sich noch gut an die Zeit nach dem Krieg erinnern kann. "Ich hab sogar noch eine Original Lucky-Strike-Packung zu Hause", sagt sie. Nach Kriegsende habe sie mit ihrer Mutter zusammen Stoffe auf dem Schwarzmarkt in Lichtenberg an die amerikanischen Besatzungstruppen verkauft. Auch Zigaretten, "man hat ja alles verkauft", wie sie sagt. Mitgebracht hat sie die Zigarettenpackung von damals nicht. Vorsichtig pirscht sie sich an eine andere Teilnehmerin im lila Twinset, die eine Käuferin spielt, heran. Nachdem zwischen den Frauen Augenkontakt hergestellt ist, gehen beide ein Stück gemeinsam geradeaus, nähern sich einander an - und tauschen beinahe unbemerkt Schokolade gegen Scheine. Hinter dem Rücken, nur die Armbewegungen sind zu sehen. Wieder klatscht das Publikum.

Wissenschaft und Unterhaltung

Seit dem Jahr 2006 lädt der Geschichtsverein in Berlin zum Historiale-Festival. Jeden Sommer im August treffen sich dabei Historiker und Künstler, um dem Publikum bedeutende Ereignisse verschiedener Epochen näher zu bringen. Dabei soll Wissenschaft mit Unterhaltung verbunden und Geschichte hautnah neu erlebbar werden. "Das ist Geschichte live", wie Vorsitzender Wieland Giebel sagt. Mit einem Programm aus Film, Musik, Lesungen und Theaterstücken zog die Veranstaltung schon im ersten Jahr 30 000 Zuschauer an. Damals marschierten 200 Geschichtsdarsteller zum Thema "200 Jahre französisch besetztes Berlin" mit Kanonen und Napoleonschauspieler vor das Brandenburger Tor. Im Jahr 2010 waren die Goldenen Zwanziger dran. Handwerker und berühmte Persönlichkeiten begrüßten die Gäste dort auf dem Historiale-Markt im Nikolaiviertel. Albert Einstein, Thomas Mann, Anita Berber und Claire Waldoff - alles Berliner, die bei den Castings überzeugten.

Wie es nun auch Evelyn Gundlach und die anderen Bewerber versuchen. Die Frau im lila Twinset heißt Caroline Ruprecht. Eigentlich arbeitet sie als Musiklehrerin in Spandau, nebenbei besucht sie einen Schauspielkurs. Als Kind habe sie die Vanessa in der "Bill Cosby Show" gesprochen, im Synchronstudio in Lankwitz. Für die Historiale bewirbt sich die 37-Jährige das erste Mal. Auch Thomas Neckritz, zwei Jahre jünger und Krankenhauspsychiater, ist neu. "Ich würde alles spielen", sagt er. In seinem Beruf müsse er viel zuhören, da tue es auch mal gut, selbst zu agieren. Mit dramatisch großen Handbewegungen greift er sich in der dritten Vorspielrunde in die Taschen, reißt die rechte Augenbraue nach oben, bewegt hektisch seinen Kopf nach links und rechts.

"Der hat am meisten Ausstrahlung von allen", sagt Heiko Josef. Gemeinsam mit seinem Kollegen Manfred Eisner suchen die Beiden die Darsteller für die diesjährige Historiale aus. Bei der Razzia werden professionelle Schauspieler die Polizisten spielen. Wen sie dann bei den improvisierten Schwarzmarktszenen im Nikolaiviertel festnehmen, wem sie um die Nikolaikirche herum nachstellen, dürfen sie selbst festlegen. Thomas Neckritz hat ihnen am besten gefallen, Caroline Ruprecht wollen sie noch einmal genauer anschauen. "Das Casting läuft viel besser, als ich es erwartet habe", sagt Wieland Giebel. Auch Manfred Eisner und Heiko Josef, die Jury, sind sich einig. "Die Evelyn Gundlach, die ist natürlich mit dabei."

Das nächste Casting findet am Dienstag, 2. August 2011 um 18 Uhr statt. Treffpunkt Historiale Berlin Museum, Unter den Linden 40.