Wettbewerb

Ein Kunst-Comic für Berliner Hightech-Forscher

Ein Praktikant. Ein Auftrag. Und alles gerät außer Kontrolle. So die Grundidee der von Robert Patz ausgedachten Story. Für ein paar Wochen sollte der Held seiner Geschichte mithelfen, beim neuen Forschungsprojekt im Max-Delbrück-Centrum in Buch.

Drei Riesenmagneten stehen dort, Hightech-Geräte namens "3-Tesla-MRT", "9,4-Tesla-Tierscanner" und "7-Tesla-Ganzkörper-MRT". Riesenmagneten, die mittels Ultrahochfeld-Magnetresonanz gestochen scharfe Bilder aus dem Körperinneren von Blutgefäßen und Organen liefern und der Forschung zu Herz-Kreislauf-Krankheiten neue Erkenntnisse liefern. Plötzlich widerfährt dem Praktikanten Unvorhergesehenes.

Patz hat die Geschichte als Comic gezeichnet und in einer Simulation auf die Innenwände des neuen Forschungsgebäudes des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) auf dem Campus Buch projiziert. Das Ganze hat er beim Studierenden-Wettbewerb "Kunst am Bau" eingereicht. Und damit den ersten Preis gewonnen.

Im Detail geht die Geschichte so: Der Praktikant darf nur gemeinsam mit dem Forscher-Team in Buch arbeiten. Aber das reicht ihm nicht. Eines Nachts schleicht er sich ins Labor, werkelt heimlich an den Maschinen. Da verschwindet er. Ist plötzlich weg. Verschluckt vom Magnet-Monster und fortan in der Innenwelt gefangen. Jetzt bestimmen nur noch Hoffnung, Ängste, Träume sein Dasein, der Weg zurück in die reale Welt bleibt ihm versperrt.

Noch sind die Wände um die drei Forschungs-Tomografen gänzlich weiß. Im vergangenen Herbst lobte das MDC den Wettbewerb für Studenten der Universität der Künste und der Kunsthochschule Weißensee um die künstlerische Gestaltung des vom Berliner Architektenbüro Glass Kramer Löbbert entworfenen Baus in Buch aus. 27 Studenten nahmen teil, Patz gewann den ersten Preis. Dessen Entwurf "Comic vs. Hitec" soll nun bis Ende dieses Jahres im MDC verwirklicht werden.

Robert Patz steht vor dem Eingang des weißen, würfelförmigen Baus auf dem Campus in Buch und hält DIN A4-Seiten mit seinen Entwürfen in den Händen. Um ihn herum ist Stille, viele Dozenten und Mitarbeiter des Campus sind im Urlaub. Selbst vom Erweiterungsbau des MDC nebenan dringt kein Ton herüber. Noch darf Robert Patz nicht in das Gebäude hinein, für Unbefugte ist der Zutritt zum Labor streng verboten. Erst ab nächster Woche wird er täglich hier sein und gemeinsam mit dem Forscherteam arbeiten. Als Praktikant, wie der Held in seiner Geschichte. Er begibt sich sozusagen selbst in seine Story hinein. Um die Comics für die Innenwände in der Mitte des Gebäudes zu realisieren, wird Robert Patz zunächst das Team um den leitenden Professor Thoralf Niendorf begleiten und kennenlernen. "Ich will die menschliche Seite an der Technologie darstellen", sagt er. Ein Comic biete ihm dabei als Medium die besten Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen, ohne die Figuren zu ironisieren. Weil sie bewusst überzeichnet werden. "Ich will die Mitarbeiter hier auf keinen Fall karikieren - denn das, was die hier machen, ist echt kein Comic: Deren Forschung rettet Menschenleben", sagt Patz. Im Praktikum will der 30-Jährige in Gesprächen mit den Mitarbeitern herausfinden, wie die wissenschaftliche Arbeit an solchen Ultrahochfeld-Magnetresonanz-Tomografen läuft. Und welche Träume und Gedanken sowohl die Forscher als auch die Patienten dabei hegen, die von den Magnet-Monstern untersucht werden. Erst dann wird Robert Patz die Geschichte vom verschwundenen Praktikanten in ihrer endgültigen Fassung auf Papier zeichnen und vergrößert auf Tapeten drucken, die auf die insgesamt 600 Quadratmeter große Fläche der Innenwände geklebt werden.

Erst Kunst, dann Architektur

Bereits seit Oktober arbeitet Robert Patz an seiner Idee für das MDC. Seit er in Berlin studiert und gleich im ersten Semester an der Universität der Künste das Seminar "Kunst am Bau" unter Professorin Alexandra Ranner belegt hat, die ihre Seminarteilnehmer an dem Wettbewerb hat teilnehmen lassen. Ein Glücksfall für Patz.

Nach dem Abitur hatte der Architekturstudent zunächst eine Kunstgalerie in Magdeburg eröffnet, verbrachte dort viereinhalb Jahre und stellte zeitgenössische Malerei und Grafiken aus. Erst dann habe er sich entschieden, Architektur zu studieren, in Cottbus auf Bachelor. Und anschließend in Berlin auf Diplom, wo er nun seit vergangenem Jahr in Neukölln lebt. Das Seminar "Kunst am Bau" an der UdK habe ihn sofort gereizt, sagt er, als Kind sei er oft auf Baustellen für medizinische Einrichtungen gewesen. Sein Vater arbeitete als medizinischer Bauleiter bei Projekten in Göttingen und Magdeburg, seine Mutter als Kinderkrankenschwester. Dadurch sei er in einem medizinischen Umfeld groß geworden, die künstlerische Ader habe ihm sein Großvater, ein Kunstmaler, vererbt. "Einen Comic habe ich vorher aber noch nie gezeichnet", sagt Robert Patz.

Seinen Helden, den Praktikanten, lässt er in den Darstellungen von einer runden Plattform zur nächsten springen, im luftleeren Raum schweben, unsanft auf dem Boden landen. Begriffe wie "Bump" prangen in dicken Lettern darüber, mit klaren Strichen in grau auf weiß hat er Professoren, Magnetwellen und seinen Helden, den Praktikanten, gezeichnet.

Die siebenköpfige Jury unter dem Vorsitz von Professor Norbert Radermacher von der Kunsthochschule in Kassel hat sich einstimmig für Patz' Entwurf entschieden. Weil ein Comic die Technologie am besten ironisiere, damit ihren Zauber breche und die Berührungsängste, die ein MRT oft hervorruft, zerstreut würden. Das Team vom MDC freut sich auf die Malereien rund um die Forschungs-Tomografen, Robert Patz habe gezeigt, dass er die Verbindung von Wissenschaft und Kunst gekonnt zu interpretieren verstehe, heißt es aus dem Büro von Professor Thoralf Niendorf. Nur die Darstellung der Forscher mit Nickelbrille und Kinnbart hätten diese nicht so nett gefunden, sagt Robert Patz, eher eine überholte Vorstellung von Wissenschaftlern sei das. Das will er für die endgültige Fassung noch ändern. "Ich habe ja noch genug Möglichkeiten, meine Ideen einzubringen", sagt er.

29 000 Euro wurden für die Umsetzung des Entwurfs zur Verfügung gestellt. 1000 Euro hat Robert Patz zusätzlich als Preisgeld bekommen. Nur für sich. Wenn das Projekt startet, wird er kaum Zeit finden, sie neben Studium, Nebenjob in einem Zehlendorfer Architekturbüro und der Recherche für den Comic auszugeben. Erst mal stehen drei Tage Kurzurlaub an der Ostsee mit einem Kumpel an. Erst dann fängt er an. Als Praktikant. Mit einem Auftrag. Den er dann doch nicht ganz aus seiner Kontrolle geben will.