"Flexity"-Tram

BVG will 31 neue Straßenbahnen bestellen

Oh nein, bloß nicht schon wieder! Diesen Stoßseufzer dürfte in diesen Tagen so mancher Bautzener gen Himmel geschickt haben. Denn wie vor fast genau einem Jahr haben starke Regenfälle den Wasserstand der Spree stark ansteigen lassen.

Wohl jeder in Bautzen denkt da an den 7. August 2010 zurück, als der Fluss innerhalb weniger Stunden anschwoll, über die Ufer trat und große Teile der Kleinstadt in der Oberlausitz überschwemmte.

Betroffen von der "Jahrhundertflut" war auch das Bombardier-Werk in Bautzen, in dem der kanadische Fahrzeughersteller Straßenbahnen für Kunden in aller Welt produzieren lässt. Bis zu 1,60 Meter hoch stand das Wasser in den Hallen, die direkt neben der Spree stehen. Zu den "Flutopfern" gehörten auch erste Bauteile für einen neuen Typ, die "Flexity Berlin". Sie mussten allesamt verschrottet werden. Die für Mai 2011 geplante Auslieferung des ersten Serienfahrzeugs wurde von Bombardier daraufhin abgesagt.

Käme es jetzt zu einer erneuten Überflutung kommen, wäre der Schaden für den Berliner Nahverkehr indes ungleich größer. Denn die erste Straßenbahn der neuen Serie ist fast fertig montiert, sieben weitere Bahnen stehen in verschiedenen Produktionsstufen in den Hallen. Bombardier-Betriebsleiter Volker Eickhoff sieht sein Werk vor einem neuerlichen Spree-Hochwasser gut geschützt. Der Deich am Fabrikgelände wurde erhöht und mit Betonelementen verstärkt. Zur Sicherheit liegen hinter den Hallen noch Hunderte Sandsäcke bereit. Eickhoff ist fest davon überzeugt: "Wir werden den Auslieferungstermin halten." Dafür bleiben ihm weniger als sechs Wochen Zeit.

Präsentation am 10. September

Anfang September soll nun die erste Serien-Flexity per Sattelschlepper nach Berlin transportiert werden. Der "Roll in", also die offizielle Übergabe an die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), ist jetzt für den 5. September im Straßenbahndepot in Lichtenberg geplant. Am 10. September wiederum will die BVG ihre neue Vorzeige-Bahn der Berliner Öffentlichkeit vorstellen. "Wir werden die Flexity auf unserem Verkehrssicherheitstag auf dem Alexanderplatz präsentieren", kündigt BVG-Straßenbahnchef Klaus-Dietrich Matschke schon mal an. Unmittelbar danach soll die Flexity mit der Wagen-Nummer 8002 in den regulären Linienbetrieb gehen. Eingesetzt wird sie dann zunächst auf der besonders nachfragestarken Metro-Linie M 4, die vom Hackeschen Markt in Mitte nach Hohenschönhausen führt. Acht weitere Flexity-Bahnen will Bombardier in diesem Jahr noch nach Berlin liefern.

Ganz neu wird ihr Anblick im Straßenbild für die Berliner aber nicht sein. Bereits seit 2008 hat die BVG auf mehreren ihrer Linien vier sogenannte Vorserienfahrzeuge im Einsatz, deren Äußeres sich auf den ersten Blick kaum von den neuen Bahnen unterscheidet. Was für die Qualität des Prototyps spricht, der bei Fahrgastbefragungen Bestnoten erzielte. Dennoch wird es laut Straßenbahn-Chef Matschke 69 wesentliche Veränderungen gegenüber der Vorserie geben, ein Großteil im Ergebnis von Hinweisen der Fahrgäste und der BVG-Mitarbeiter.

Vom Nutzen für den Fahrgast dürften dabei vor allem die größeren und nicht mehr geteilten Monitore sein, über die Haltestellen und Umsteigemöglichkeiten ausführlicher als bisher angezeigt werden können. Geändert wurden auch die Konstruktion der Haltegriffe sowie die Gestaltung der sogenannten Multifunktionsabteile, in denen Rollstuhlfahrer oder Eltern mit Kinderwagen mehr und besser Platz als in älteren Bahnen finden sollen.

Insgesamt 99 Straßenbahnen vom Typ "Flexity Berlin" hat die BVG im September 2009 nach einer europaweiten Ausschreibung bei Bombardier bestellt. Kostenpunkt: 300 Millionen Euro, die vom Land Berlin bezahlt werden. Gebaut wird die Flexity dabei in zwei Längen (31 bzw. 40 Meter) und zwei Ausführungen (Ein- oder Zweirichtungsfahrzeug). Je nach Ausführung bietet die Bahn zwischen 52 und 84 Sitz- sowie 184 bis 248 Stehplätze. Die BVG ist zumindest teilweise auf Forderungen des Fahrgastverbandes eingegangen und hat die Zahl der Fahrzeuge erhöht, die mehr Platz bieten. Es werden nun 44 statt nur 40 lange, aus sieben Segmenten bestehende Bahnen gebaut. Hinzu kommen 55 kürzere Bahnen, die aus fünf Modulen zusammengesetzt sind.

Die komplett barrierefreie Flexity soll bis 2017 die technisch veralteten Tatra-Bahnen ersetzen, von denen die BVG derzeit noch 237 Wagen im Einsatz hat. Die zu DDR-Zeiten von Tschechien an die Ostberliner Verkehrsbetriebe gelieferten Bahnen sind zwar zwischen 1993 bis 1997 modernisiert worden, verlieren aber nun nach und nach ihre Betriebserlaubnis.

Wie prekär die Lage für die BVG ist, zeigt die Tatsache, dass sie für sieben Tatras eine Ausnahmeregelung für einen um neun Monate verlängerten Einsatz beantragen musste und von der Aufsichtsbehörde auch schon genehmigt bekam. "Dies ist nur möglich mit einem deutlich erhöhten Inspektions- und Instandhaltungsaufwand", so Straßenbahn-Chef Matschke.

Das kostet die BVG allerdings erheblich mehr Geld. Mit den neuen Flexity-Bahnen will die BVG dagegen den Aufwand ihrer Straßenbahnsparte deutlich senken. Beitragen dazu soll auch eine Vertragsklausel mit Bombardier, mit der die BVG ihre Instandhaltungskosten für die Flexity in den kommenden 16 Jahren nach oben hin begrenzt. Mehrkosten muss dann der Hersteller übernehmen. Gerade die aktuellen Erfahrungen der Berliner S-Bahn zeigen, wie technische Probleme oder konstruktive Mängel rasch zu einer Explosion der Reparaturkosten führen können.

500 000 fahren täglich Straßenbahn

Derzeit ist die BVG aber so überzeugt von der Qualität der neuen "Flexity", dass sie mit dem Senat bereits über die Bestellung von mindestens 31 weiteren Bahnen verhandelt, die 2016/17 ausgeliefert werden sollen. Das Land müsste dafür nochmals fast 100 Millionen Euro locker machen.

Woher es das Geld nehmen soll, ist aber unklar. Dafür spricht, dass sich die BVG von der Straßenbahn große Fahrgastzuwächse verspricht. Derzeit befördern die Tram-Züge in Berlin bis zu 500 000 Passagiere am Tag. Das ist gerade einmal ein Fünftel der Gesamtleistung der BVG (rund 2,5 Millionen Fahrgäste am Tag). Zum Wachstum sollen vor allem die modernen Flexity-Bahnen beitragen, aber auch gezielte Netzerweiterungen. So wird am 4. September die neue Strecke zum Wissenschaftsstandort Adlershof eröffnet. Im Bau ist noch eine 2,3 Kilometer lange Trasse zum Hauptbahnhof. Mittelfristig plant der Senat fünf neue Tram-Verbindungen etwa zum Kulturforum in Tiergarten oder zur Turmstraße in Moabit.