50 Jahre Mauerbau: 24. Juli 1961 - Materialknappheit

Wie sich die SED beim Mauerbau verrechnete

Wer eine Grenze sperren will, braucht dafür viel Material. Aber wie viel genau? Die Abteilung Sicherheit des Zentralkomitees der SED, unter dem gerade 49-jährigen Erich Honecker eines der Machtzentren der ostdeutschen Diktatur, nahm es ganz genau.

Am 24. Juli 1961 schickte der stellvertretende Abteilungsleiter Bruno Wansierski eine streng geheime Hausmitteilung mit mehreren Anlagen an Generalsekretär Walter Ulbricht.

Das Konvolut enthielt Unterlagen für den DDR-Machthaber, die allesamt von höchster Bedeutung für die bevorstehende Grenzsperrung waren. Sie behandelten unter anderem das "Grenzgängerproblem", außerdem die "Lage in den Grenzkreisen" hin zur Bundesrepublik, den Stand der "vorfristigen Auffüllung der Deutschen Grenzpolizei und der Bereitschaftspolizei" sowie Details über die "Kampf- und Einsatzbereitschaft der Kräfte des Präsidiums der Deutschen Volkspolizei in Berlin".

Am wichtigsten aber war eine einseitige Auflistung, die den Titel "Übersicht über den Umfang der Pioniermaßnahmen am westlichen Außenring von Berlin" trug. Bruno Wansierski hatte darin zusammenstellen lassen, welcher Teil der Außengrenze Berlins zum Bezirk Potsdam der DDR, ehemals Land Brandenburg bereits mit Sperren versehen war: "Bisher sind 54,1 Kilometer Grenzlänge durch Sperren verdrahtet." Noch wichtiger aber war, dass laut der Aufstellung noch fast doppelt so viel, nämlich 92,2 Kilometer, noch nicht mit Zäunen oder ähnlichem versehen waren.

Da die gesamte Außengrenze der drei westlichen Sektoren Berlins jedoch nur gut 114 Kilometer betrug, mussten sich diese Angaben, anders als die Überschrift andeutete, auf die Gesamtgrenze von West-Berlin zur DDR beziehen - also einschließlich der innerstädtischen Sektorengrenze. Ganz genau hatten Wansierskis Mitarbeiter in der Sicherheitsabteilung aber auch nicht gearbeitet, denn in Wirklichkeit waren zehn Prozent mehr Grenze zu sperren als sie veranschlagt hatten: genau 160,5 Kilometer. Der Fehler dürfte dadurch zustande gekommen sein, dass man lediglich auf topographischen Karten gemessen hatte. Erst als dann die Grenze mit all ihren historisch bedingten Vor- und Rücksprüngen tatsächlich abgeriegelt wurde, stand die tatsächliche Länge fest.

Doch auch für die zu niedrig angesetzte noch zu sperrende Strecke war nicht ausreichend Material vorhanden. Bei seinem Überschlag kam Wansierski auf einen Bedarf von 473 Tonnen Stacheldraht, 31,9 Tonnen Maschendraht, 6,7 Tonnen Bindedraht, 3,3 Tonnen Krampen, 145 Kubikmeter Holz und 47 900 Betonsäulen für die Sperrung von 92,2 Kilometern Grenze. Doch schnell musste er einsehen: "Wenn alle verfügbaren Materialien von den übrigen Grenzen für die Verstärkung am Ring um Berlin zur Verfügung gestellt werden, ergibt sich trotzdem ein Fehlbestand." Nach dem Stand vom 24. Juli 1961 fehlten nach den Berechnungen des Marineoffiziers in den Lagern der Grenztruppen noch der gesamte Maschendraht, je zwei Drittel des Stacheldrahts und des Holzes, ein Drittel der Krampen und ein Viertel des Bindedrahts. Lediglich bei den Betonsäulen war der "Fehlbestand" gering: Nur 2100 Stück fehlten.

Ob tatsächlich nach diesem beunruhigenden Bericht Hunderte Tonnen Stacheldraht in der Bundesrepublik bestellt worden sind, wie bald nach dem Mauerbau spekuliert wurde, wurde nie geklärt. Zwar erinnerten sich zahlreiche Zeitzeugen, sie selbst hätten Drahtrollen von Lastern beispielsweise des Essener Stahlkonzerns Krupp abgeladen. Doch Rechnungen, die eine solche Bestellung belegen könnten, wurden nie gefunden. Spätestens nach dem 13. August jedoch hätten größere Lieferungen durch westdeutsche Unternehmen, die ja in jedem Fall unter Vorspiegelung falscher Tatsachen bestellt worden sein mussten, gewiss für Aufsehen gesorgt. Vermutlich lieferten andere Staaten des Warschauer Paktes den fehlenden Stacheldraht und die übrigen "Fehlbestände" an die DDR. In den Unterlagen des Militärarchivs sind dazu allerdings bisher keine Aufstellungen entdeckt worden.