Absage

Bayer enttäuscht Berliner Hoffnungen

In den Büros und Laboren hatte es sich schon angedeutet, dass Bayer seine hoch fliegenden Pläne für den Ausbau des Pharma Campus zurückfahren würde. "Lange Gesichter" hätten seine Partner aus dem Unternehmen schon länger gezeigt, erinnert sich der Neurologieprofessor Ulrich Dirnagl von der Charité, der gemeinsam mit Ex-Schering-Leuten an neuen Wegen zur Erforschung von Schlaganfällen gearbeitet hat. Die Kollegen hätten angedeutet, er möge sich darauf einstellen, "dass es so nicht weitergeht".

Nach der Absage des Campus-Ausbaus steht nach den Worten des Professors ein geplantes Forschungszentrum für Molecular Imaging auf der Kippe, für das sogar Fördermittel des Bundesforschungsministeriums zugesagt seien. "Für uns ist das eine schlechte Nachricht", sagte Dirnagl: "Wir haben viel investiert, es wäre die ideale Industriekooperation gewesen." Die Forscher hätten Zugang zu neuen Technologien erhalten.

Bislang gibt es nur wenige, die derart offen benennen, was die Bayer-Entscheidung bedeutet: einen herben Rückschlag für den Standort. Für Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) ist das Projekt "nur aufgeschoben, nicht aufgehoben". Auch die Industrie- und Handelskammer gibt sich - wenn auch verhalten - optimistisch. "Natürlich bedauern wir die Entscheidung von Bayer", sagte IHK-Sprecher Bernhard Schodrowski. "Entscheidend ist aber, dass Bayer sich auch künftig in Berlin engagieren wird: auch als Ausbildungs- und Forschungsunternehmen."

Auch bei Health Capital - Netzwerk der Gesundheitsbranche in der Hauptstadt - mag man nicht von einem Rückschlag reden. "Ich kann nicht erkennen, dass Bayer sich in der Hauptstadt weniger einbringt, im Gegenteil", sagte Clustermanager Kai Uwe Bindseil. Noch in diesem Monat solle es ein Treffen mit dem Bayer-Pharma-Vorstand in Berlin geben. Dort sollen weitere Projekte, etwa an der Charité oder mit Berliner Unternehmen, besprochen werden. Die Entwicklung des Clusters Gesundheitswirtschaft sieht er durch die Entscheidung des Unternehmens vorerst nicht berührt. "Der städtebauliche Schaden ist größer als der für die Wissenschaft", sagte ein Sprecher von Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD). Natürlich sei man schon enttäuscht, weil mit der Investitionszusage Bayers die Hoffnung verbunden gewesen sei, dass sich weitere Unternehmen mit einem Bezug zu Bayer in Berlins Mitte ansiedeln.

Doch das alles klingt auch nach Zweckoptimismus. Denn in den vergangenen Monaten ist klar geworden, dass Berlin für den Bayer-Konzern keine besondere Priorität mehr genießt. Vorstandschef Marijn Dekkers will vor allem in China investieren und kürzt dafür in Deutschland. 1700 Stellen sollen bis Ende 2012 wegfallen, 700 davon im Bereich Pharma. Wie viele in Berlin gehen müssen, ist noch unklar. Die Mitarbeiter hatten den Umbau herbeigesehnt. Für sie war er ein Symbol dafür, dass der Leverkusener Konzern den Standort dauerhaft stärken will. "Unsere Planungen sind ein klares Bekenntnis zu Berlin", sagte Ulrich Köstlin, damals Vorstand von Bayer Schering, vor einem Jahr bei der Präsentation des Pharma Campus.

Pharma bereitet Sorgen

Doch dann bekam Bayer einen neuen Chef, zudem bereitet die Pharmasparte Sorgen. Vergangene Woche verlor das Unternehmen die Patentrechte für die Verhütungspillen der Yasmin-Produktgruppe. Diese Medikamente bringen Bayer pro Jahr mehr als eine Milliarde Euro Umsatz. Schon bald werden billige Nachahmerpräparate - sogenannte Generika - Konkurrenz machen. Die Verhütungsmittel sind ein Erbe des alten Schering-Konzerns und werden von Berlin aus vermarktet. Christiane Gansau, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, sieht das mit Sorge. "Das verheißt nichts Gutes für den Standort", fürchtet sie.

Das Unternehmen selbst ist bemüht, sein Engagement für Berlin in den Vordergrund zu rücken. "Gerade wird die Produktionslinie für ein neues Medikament aufgebaut", sagte eine Sprecherin. Zudem werde von der Hauptstadt aus die Markteinführung des Hoffnungsträgers Xarelto, einem Präparat zur Schlaganfall-Prophylaxe, vorangetrieben. Außerdem habe man in der Vergangenheit pro Jahr rund 45 Millionen Euro in den Standort investiert.

Aus Sicht des Grünen-Fraktionschefs Volker Ratzmann wäre der Campus-Ausbau ein "Meilenstein" gewesen, um die Gesundheitswirtschaft und die Forschungslandschaft der Stadt voranzubringen. Nun müsse die Politik dafür sorgen, dass der Standort weiter attraktiv bleibe und Bayer auf seine Pläne zurückkomme, sobald sich die Lage des Unternehmens verbessere. Heiko Melzer (CDU) forderte den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auf, die Zukunft des Projekts mit Bayer zu klären und eine positive Lösung herbeizuführen: "Die Politik muss aufpassen, dass das Gesundheitscluster der Stadt nicht durch negative Schlagzeilen Schaden nimmt", sagte Melzer.

Senatssprecher Richard Meng verwies auf das Vertrauensverhältnis zwischen der Senatsspitze und den Bayer-Verantwortlichen. Der Konzern habe den Regierenden Bürgermeister Anfang der Woche über seine Entscheidung informiert. "Wir sind permanent im Gespräch und verlassen uns darauf, dass am Standort nicht gewackelt wird", sagte Meng. Der Bürgermeister von Mitte, Christian Hanke (SPD), sagte, er sei "traurig" über die Verschiebung. Der Campus hätte die weitere Entwicklung der Brache an der Heidestraße nördlich des Hauptbahnhofs sicher beschleunigt.

Immerhin können sich die Mieter eines Hauses an der Fennstraße freuen. Hanke deutet an, dass dieses Wohnhaus nun doch nicht geräumt werden müsse.