Gartenlust

Warum Brennnesseln ein gutes Zeichen sind

Unkraut vergeht nicht. Und das ist auch gut so, denn Unkräuter sollten eigentlich eher als Wildkräuter bezeichnet werden. Sie gehören fast ausschließlich zu den Heilkräutern. Ich möchte Ihnen heute noch einen anderen Aspekt aufzeigen, der für die Gärtner von nicht geringer Wichtigkeit ist.

Vielleicht ist Ihnen schon aufgefallen, dass nicht überall das gleiche Unkraut wächst. Die Ursache hierfür liegt nicht in der mehr oder weniger liebevollen Pflege des Gartenbesitzers, sondern es liegt vor allem auch an der Beschaffenheit des Bodens. Deshalb bezeichnen wir Gärtner diese sogenannten Unkräuter auch als Zeigerpflanzen.

Je nachdem, welche Voraussetzungen im Boden vorgefunden werden, gehen von den Tausenden im Boden schlummernden Samen diejenigen auf, die mit diesen Bedingungen am besten zurechtkommen. Wenn also in Ihrem Garten plötzlich Unkräuter auftauchen, die vorher noch nicht da waren, kann das ein Warnsignal dafür sein, dass sich an den Bodenverhältnissen grundsätzlich etwas verändert hat. So kann zum Beispiel Bodenverdichtung herrschen, Staunässe auftreten oder der Boden kann versauern. All dies können uns die kleinen, so ungeliebten Pflänzchen durch ihre Existenz zeigen. Ich habe mich früher gefragt, warum Bauern im ersten Jahr ihren Acker oft brach liegen ließen, also nicht bewirtschafteten. Sie wollten anhand der aufgehenden Kräuter mehr über die Qualität des Bodens herausfinden. Danach entschieden sie, was am besten angebaut werden kann. Gleichzeitig diente der erste Bewuchs als Gründüngung, was wiederum zu guter Humusbildung beiträgt. Die Beobachtung des Unkrautbewuchses erspart uns teure Bodenanalysen.

Die Engländer haben auch ein sehr schönes und bezeichnendes Sprichwort, das besagt: "One year's seeding means seven years' weeding", was soviel heißt, dass die Wildsaat eines Jahres Unkrautjäten für sieben Jahre beschert. Nun werden Sie denken, das ist ja alles schön und gut, nur welche Pflanze sagt mir was? Häufig hören wir die Frage: "Wie werde ich den Schachtelhalm ,Equisetum arvense' los?" Er zeigt uns deutlich, dass der Boden verdichtet ist und es daher zu Staunässe kommt. Das Hirtentäschel ,Capsella bursa-pastoris' zeigt uns stickstoffreichen, aber nährstoffarmen Boden an. Kratzdisteln siedeln sich gerne auf stickstoffreichen Feuchtwiesen an. Die allseitig wenig beliebte Vogelmiere, Stellaria media, zeigt uns, dass der Boden gut ist, nämlich stickstoffreich und humusreich.

Die leider so ungern gesehene Brennnessel, Urtica dioika, lässt auf einen besonders guten Gartenboden schließen, der Boden ist stickstoffreich, kalkreich und humusreich, deshalb findet man sie ganz besonders häufig in der Kompostecke. Sie sollten daher glücklich sein, wenn Sie Brennnesseln im Garten finden, zumal diese ja recht einfach zu entfernen sind, wenn man von dem unangenehmen Prickeln mal absieht. Aber dafür gibt es ja Handschuhe. Apropos, die Brennnessel wurde von den Römern zu uns gebracht, diese haben damit nämlich ihre Arthritis behandelt, die sie wohl regelmäßig in unseren kalten Breitengraden bekamen.

Die fiese Winde Convolvolus, die sich ab und zu aus dem Boden in unsere schönsten Sträucher und Stauden verwickelt, ist auch ein Zeichen für sehr verdichteten Boden bis in tiefste Tiefen. Da hilft nur Bodenverbesserung im Sinne von lockern und das jährliche Einbringen von Komposterde.

Überhaupt verschwinden viele Unkräuter, außer der Brennnessel, bei guter Bodenhaltung von allein, was nicht heißen soll, dass es diese Unkräuter bei uns nicht gibt, nur für uns sind sie dann immer ein Zeichen dafür, dass wir etwas vernachlässigt haben. Spritzen, wie man es früher gemacht hat, hilft da gar nicht, aber jäten schon. Ach und übrigens, die schlechteste Nachricht ist, wenn bei Ihnen gar kein Unkraut wächst, dann ist der Boden tot und ich würde einen Umzug empfehlen.

Gabriella Pape ist Leiterin der Königlichen Gartenakademie in Berlin und schreibt regelmäßig am Sonnabend an dieser Stelle.