Die Straßen von Berlin - Heute: Spree

Sich einfach treiben lassen auf der Spree

Bedeutende Orte von erlesener Schönheit, historische und modernste Architektur, Monumente von schwerwiegender Geschichte, von Macht und Ohnmacht, letzte Zeichen der Zerstörung durch Krieg, Trennung und Verfall, Baustellen, die Lücken schließen, neue Insignien der Leichtigkeit des Seins - sie gleiten sanft vorbei, aneinander aufgereiht wie eine Perlenkette des Gestern, des Heute und des Morgen.

Wie durch diesen Blickwinkel vom Wasser auf die Ufer neue Ansichten von altbekannten Bildern sich in unserem Gedächtnis zu einem anderen Panorama aus tausenden von Eindrücken formen: Ingo Reuter hat diesen Perspektivenwechsel zu seinem Beruf gemacht. Der Berliner aus Brandenburg fährt in der neunten Saison als Schiffsführer eines der 14 weißen Fahrgastschiffe der Reederei Riedel. Heute ist es die Spree-Prinzessin, ein 1953 als FMS Brigitte erbautes Salon-Schiff, 39,90 Meter lang, 4,93 Meter breit, mit einem Tiefgang von 1,25 Meter, angetrieben von einem Mercedes-V-Motor mit acht Zylindern. Eine Insel, von der Morgensonne beschienen, umweht von einer leichten Brise, Refugium für dreieinhalb Stunden.

Früher ist der 51-jährige Kapitän, der auch Schiffsmaschinist ist, auf Rhein und Elbe und anderen großen deutschen Flüssen und Kanälen auf schwer beladenen Frachtkähnen unterwegs gewesen. Heute fährt er Menschen aus aller Welt, schenkt ihnen diesen einmaligen Blick auf die Stadt. Meist ist Reuter unterwegs auf der großen Brückentour, rund 23 Kilometer, davon gut zwölf auf der Spree (der andere Teil der Rundfahrt führt durch den Landwehrkanal, auch so eine schöne Straße Berlins). Wir entdecken die Spree auf der Strecke von der Moabiter Gotzkowsky-Brücke, die Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf miteinander verbindet, bis hinter die Oberbaumbrücke auf der Schnittstelle zwischen Friedrichshain, Kreuzberg und Treptow, wo der Landwehrkanal abzweigt.

398 Kilometer lang ist die Spree von ihrer Quelle im Oberlausitzer Bergland bis zu ihrer Mündung in die Havel in Berlin-Spandau. 46 Kilometer davon gehen mitten durch das Stadtgebiet von Berlin. 49 Brücken von den insgesamt 969 Brücken Berlins überspannen die Spree.

Ingo Reuter kennt jeden Winkel seiner Strecke, weiß zahllose Anekdoten über die Menschen am und auf dem Fluss zu erzählen, historische Jahreszahlen, Informationen über Baumeister und Materiale sprudeln nur so aus ihm heraus. Gern hat er früher selbst den Fremdenführer gegeben, eine Neuregelung der Sicherheitsbestimmungen untersagt das heutzutage leider. Der Kapitän gibt seitdem nur noch die Sicherheitsansagen durch: Bitte Kopf einziehen, bitte hinsetzen! Denn viele der Brücken sind nur wenige Zentimeter höher als seine Kabine. Die Ansagen kommen von einer GPS gesteuerten Audiotour. Aber auch die ist interessant und gespickt mit Details und vor allem in zehn Sprachen abrufbar.

Ein eleganter Herr mit Strohhut bestellt bei dem freundlichen Schiffskellner für die beiden Damen in seiner Begleitung, kaum haben wir an der Hansabrücke abgelegt, einen Piccolo. Die drei haben allen Grund zu feiern. Es ist die Familie Calheiros-Fontes aus Viana do Castelo, einer Stadt im Nordwesten Portugals, an der Flussmündung des Lima gelegen. Vater Pedro und Mutter Ana lassen sich von ihrer Tochter Maria Berlin zeigen. Die Reise ist ein Geschenk der 29-jährigen Ärztin an ihre Eltern zu deren 36. Hochzeitstag und gleichzeitig für sie selbst eine Reise in ihre eigene Vergangenheit. Vor zehn Jahren hat Maria in Berlin Sprachen gelernt - sie spricht sechs - und als Aupair-Mädchen bei einer Berliner Arztfamilie gearbeitet. Seitdem sind die beiden Familien miteinander befreundet. Erich, der Berliner Chirurg, wurde für Maria so etwas wie ihr Mentor, die kleine Lieselotte, damals vier Monate alt, wurde ihr Patenkind. Jetzt ist Lieselotte elf und Maria und ihre Eltern sind zur Feier ihrer Erstkommunion nach Berlin gekommen.

Strandbars locken mit Liegestühlen

Gerade wird erklärt, dass die hohe Mauer, die den Park von Schloss Bellevue, seit 1994 fester Sitz des deutschen Bundespräsidenten, einfriedet, im Jahr 1843 von König Friedrich Wilhelm IV. nur mit einem niedrigen Mäuerchen umgeben wurde, was man heute noch an den senkrecht stehenden Ziegelsteinen in maximal 50 Zentimeter Höhe erkennen kann. Der König wollte nämlich, dass die Berliner Kinder über das Mäuerchen steigen konnten, um in seinem Park zu spielen.

Elina Isosavi ist von dieser Anekdote ganz gerührt. Die junge Frau aus dem finnischen Vantaa ist mit ihrer Freundin Henna Kääriänen für vier Tage in Berlin und das allererste Mal mehr als einen Tag von ihrem zwei Jahre alten Töchterchen getrennt. Die beiden 28-Jährigen sind hauptsächlich zum Shopping nach Berlin gekommen, und haben sich bereits auf dem Kurfürstendamm und der Friedrichstraße reichlich eingedeckt. Da sie aber mehr von Berlin mit nach Hause bringen wollen als neue Klamotten, unternehmen sie diese Schiffsfahrt und lassen die Seele baumeln, bevor sie sich im KaDeWe wieder ins Getümmel stürzen.

Am Haus der Kulturen der Welt würden die beiden doch gern mal aussteigen: Die vielen Strandbars an der Spree mit ihren gemütlichen Liegestühlen haben es Elina und Henna besonders angetan. Aber sie bleiben an Bord, strecken ihre Beine aus und bestellen sich eine Portion Spargel, die der Schiffskoch unten in der Kajüte frisch zubereitet. Am Kanzleramt weist der Sprecher auf den Helikopterlandeplatz und auf das Büro der Kanzlerin hin. Und ist sie das nicht tatsächlich, diese Frau im roten Blazer dort oben auf dem Balkon? Ein schöner Arbeitsplatz, findet Elina.

Kurz danach taucht der Hauptbahnhof auf, der aus der Wasserperspektive plötzlich wie ein gewaltiges gläsernes Containerschiff aussieht. Die Spree-Prinzessin kreuzt sich mit einem Schwesterschiff, der majestätischen 1902 erbauten Kehrwieder. Ingo Reuter, der Kapitän, und Jana Hentzschel, die Matrosin, winken zu ihren Kollegen hinüber. Seit zwei Jahren sind die beiden ein Paar, haben sich als Kollegen auf der Spree-Prinzessin kennen gelernt, leben und arbeiten seitdem zusammen. Der Dienstplan lässt sich paarfreundlich einrichten, denn die beiden sind kein familiärer Einzelfall an Bord, wie Reuter verrät. In der vierzigjährigen Geschichte der Reederei, 1971 gegründet und 1996 von den Brüdern Lutz und Stefan Freise erworben, sind schon etliche Lebensgemeinschaften entstanden.

Vom Kanzleramt erstreckt sich, wie eine Spange um den Spreebogen gelegt, das sogenannte Band des Bundes mit seiner imposanten modernen Architektur. Im Paul Löbe- und im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus arbeiten die Parlamentarier, hellblau blitzt der Parlamentarier-Kindergarten, elegant spannt sich die ultramoderne Kronprinzenbrücke, die den Anfang des Schiffbauerdamm und des Reichstagsufers verbindet.

Ein geballtes Berlin-Programm

Und dann der Reichstag! Die Calheiros aus Portugal kommen nicht mehr nach. Jeder soll vor jeder Sehenswürdigkeit fotografiert werden und so kann man gar nicht schnell genug von einer Seite der Sonnenterrasse auf die andere wechseln. Den Bahnhof Friedrichstraße verpassen sie, und das Berliner Ensemble lassen sie links liegen.

Dann beginnt die prachtvolle Museumsinsel. An einem der Fenster hoch oben am Bodemuseum hängen zwei Fensterputzer an ihren Seilen und wienern die großen historischen Fenster. Das Pergamonmuseum schließt sich an - direkt gegenüber liegt der Altbau, in dem die Kanzlerin wohnt - und dann der imposante Bau der Alten Nationalgalerie.

Im Hintergrund der Fernsehturm am Alexanderplatz, rechter Hand geht es ganz nah am Berliner Dom vorbei, schließlich unter der Schlossbrücke hindurch und dort hinten liegt die diese neue Freifläche, eine Wiese mit Holzpodesten auf dem Areal des abgerissenen Palastes der Republik. Hier wird Berlins ehrgeizigstes Bauprojekt entstehen, der Neubau des alten Stadtschlosses.

Die Herren der Familie Beutel sind mittlerweile schon zum gemütlichen Teil ihrer Spreetour übergegangen. Drei Brüder, Peter (35), der in Frankfurt am Main einen Chauffeurdienst betreibt, Johannes (31), der an der Technischen Universität Berlin Schiffbau studiert, Alexander (42), der für das Marketing des Hamburger Krimitheaters Imperial auf der Reeperbahn verantwortlich ist, schmauchen gemeinsam eine dicke Zigarre. Während Schwester Corinna (39), Physiotherapeutin aus Bad Bevensen, sich mit ihrer Schwägerin Bettina, Psychotherapeutin und Frau von Alexander, unterhält. Es ist ein Familientreffen der besonderen Art: Alexander und Bettina haben von den Geschwistern quasi ihre Flitterwoche geschenkt bekommen. Johannes hat alles organisiert, ein geballtes Berlin-Programm mit elf Erlebnisgutscheinen. Später wird noch Bruder Paul hinzustoßen, und abends geht es gemeinsam in die Oper, die "Zauberflöte" steht auf dem Programm.

Spreestrände und Badeschiffe

Nach der Fischerinsel wird die Spree breiter, zum ersten Mal spürt man auch so etwas wie Verkehr. Ingo Reuter macht eine spitze Anmerkung über die ungezogenen Berliner Sportbootfahrer, die sich selten an die Verkehrsregeln halten, die natürlich zu Wasser genau gelten wie auf der Straße.

Linker Hand hinter der Jannowitzbrücke, unweit des Alexanderplatzes, erstrecken sich die gläsernen S-Bahn-Bögen, die, so lernt man es von dem GPS-gesteuerten Fremdenführer, früher offen waren. Heute beherbergen sie Galerien, Bars, Restaurants, ein Szeneviertel des neuen Berlin. Die berühmte East Side Gallery, die längste noch existierende Strecke der Berliner Mauer, sieht vom Wasser aus ganz befremdlich aus, weiß getüncht statt bunt bemalt wie auf der anderen Seite der Mauer, die bis vor 21 Jahren Berlin-Ost (linkes Ufer) von Berlin-West (rechtes Ufer) trennte. Nach dem Ostbahnhof folgt im Hintergrund die O2-Arena, für die Menschen auf den Schiffen wird dort auf einer großen LED-Wand direkt am Ufer das tägliche Programm angezeigt.

Die Spree-Prinzessin macht einen kurzen Stopp, um ein paar neue Passagiere aufzunehmen. Am Ufer in den Strandbars und auf den Barschiffen liegen die Leute in der Sonne. Berlin scheint hier am Meer zu liegen. Man kann sich plötzlich gut vorstellen, wie schön es hier im 19. Jahrhundert gewesen sein muss, als es in der Spree zahlreiche Stadtbäder gab. An diesem streifen der Spree, der hier fast 150 Meter breit ist, soll das umstrittene Investorenprojekt Mediaspree entstehen. Neben großen, unbebauten Flächen befinden sich an den Ufern zahlreiche Industrie- und Gewerbebauten aus dem 19. und dem frühen 20. Jahrhundert.

Elina und Henna haben ein kleines Mittagsschläfchen in der Sonne gemacht, sie gönnen sich ein Päuschen von den vielen Eindrücken. Die Herren Beutel sind mittlerweile beim Bierchen angekommen. Die Damen Beutel planen den Abend: Vor dem Opernbesuch ist ein Stündchen gepflegte Massage eingeplant. Ingo Reuter hat das Dach seiner Schiffsführer-Kabine geöffnet, seine James-Bond-Sonnenbrille aufgesetzt, Jana Hentzschel gesellt sich für ein paar Minuten zu ihrem Lebensgefährten. Beide können sich auch nach hunderten Fahrten auf der Spree-Prinzessin immer noch für diesen Blick begeistern, der jetzt vor ihnen liegt: Nur noch wenige Meter sind es bis zur Oberbaumbrücke mit ihren roten Backsteintürmen, durch die sich wie ein gelbes Band gerade eine U-Bahn schlängelt.

Links reihen sich die schicken ehemaligen Lagergebäude des Osthafens auf, die zum Beispiel Firmen wie Universal Music, den Musiksender MTV, einige Fernseh- und Modestudios beherbergen. Mittendrin ein spektakulärer Neubau, das "nhow", ein außen und innen durch und durch gestyltes Viersterneplus-Hotel, eine Attraktion für Geschäftsreisende, Kosmopoliten, internationale Jetsetter, Nachtschwärmer und angesagte Bands mit 1000 Quadratmeter Terrassen inklusive Bars und Blick, einem eigenen Musikstudio und Guerilla-Boutiquen junger Berliner Modedesigner.

Die temperamentvollen Calheiros-Fontes aus Viana do Castelo sind auf der letzten Strecke, wo zu Zeiten der deutsch-deutschen Trennung mitten in der Spree die Grenze verlief, ganz nachdenklich geworden und froh, dass diese Fahrt mit einem ultramodernen Bild endet, dem des 30 Meter hohen Monumentalkunstwerks Molecule Man des amerikanischen Bildhauers Jonathan Borofsky.

Kurz vorher lenkt Ingo Reuter seine Spree-Prinzessin ab in den Landwehrkanal. Mehr als zehn Kilometer auf der Spree finden hier ihr Ende, eine ebenso entspannte wie spannende Reise auf einer der schönsten Straßen Berlins, in denen die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft der deutschen Hauptstadt so überaus eindringlich vorbeigeglitten sind. Diese Fahrt in der Sonne, mit der leichten Brise um die Nase, ist soviel mehr als eine Sightseeingtour. Jeder Gast an Bord hat eine neue Perspektive gewonnen.

Morgen lesen Sie: Friedrichstraße

"Ist das nicht tatsächlich die Kanzlerin, diese Frau im roten Blazer dort oben im Kanzleramt auf dem Balkon?"

Elina Isovari, Berlin-Touristin aus Finnland