Die Straßen von Berlin - Heute: Schönhauser Allee

Laut, schnell und manchmal melancholisch

| Lesedauer: 13 Minuten

Wie ein Schwarm bunter Fische ziehen die Fahrgäste der U 2 auseinander, als Jörg Frey aus der U-Bahn steigt. Sie schauen auf den schwarz umhüllten Kasten, den er vor seinem Bauch trägt, blicken dem Mann im weißen Leinensakko verstohlen hinterher. Jörg Frey zieht die Schiebermütze, als würde er grüßen.

Nicht stolz darauf, aber sich bewusst, dass er hier, am Knotenpunkt der Schönhauser Allee, wie ein Filmdarsteller wirkt. Dabei spielt er keine Rolle, er ist einfach er selbst. Der 43-jährige Kunsttherapeut lebt seit seiner Kindheit an der Schönhauser Allee, er lernte die Bohèmiens des Ostens kennen, studierte Grafik, Malerei und lange nach der Wende Kunsttherapie. Er arbeitet heute mit Demenzkranken. Und er liebt es, in seiner Freizeit Schlager zum Leierkasten zu singen.

"Ausgerechnet Bananen, Bananen verlangt sie von mir". Es ist das Lebensgefühl der 20er-Jahre, dem er nachspürt, ein Gefühl, das sich lange in den Gründerzeitgemäuern der Schönhauser Allee mit ihren tiefen Höfen gehalten hat und das jetzt zu verschwinden droht. Er sucht, das Vergangene herüberzuretten. Nicht weil er rückwärtsgewandt ist, nein! Nostalgisch? Ob seiner Nische, die im Strom der Zeit aufgespült wurde? Vielleicht.

Es sind Schwarz-Weiß-Filmsequenzen, die er in sich trägt, Lieder, die seine Großmutter, eine Bohemienne der 20er-Jahre, summte. Es sind Farben wie Grau, Taubenblau, Schwarz und schmutziges Ocker. Eben das, was die Schönhauser Allee einmal war - viele Geschichten.

Die Heimat der Leierkästen

Eine von ihnen sind die Leierkästen, mit ihnen zog der Name der Schönhauser Allee in die Großstadtquartiere der Welt. Giovanni Battista Bacigalupo war der Begründer des Bacigalupo-Imperiums, das über drei Generationen und fast hundert Jahre in mehreren Höfen der Schönhauser Allee Drehorgeln baute. Die Alteingesessenen kennen das Firmenschild, das bis vor acht Jahren noch an Nummer 74a hing.

Die Schönhauser Allee war Protokollstrecke für Könige, dann für Präsidenten, Hort der Brauindustrie, Residenz der Bourgeoisie, in ihren Höfen Arbeitsstätte und stickiges Wohnquartier. Vorne war sie - manchmal - prunkende Allee, hinten arm. Dieses enge Beieinander der Extreme hat sich über die Zeitenwechsel erhalten. An ihrem Knotenpunkt, der U-Bahn-Station Eberswalder Straße, dort, wo Jörg Frey jetzt für das Foto vor dem klassischen Moderne-Bahnhof posiert, kreuzen die durch die Hochbahn gescheitelte Allee vier weitere Straßen: Kastanien- und Pappelallee, Danziger und Eberswalder Straße. Oben rumpelt die U-Bahn, unten kreischen Straßenbahnen, Autos rauschen, Menschen drängen an Ampeln, ehe sie über die Straßen schwärmen. Dazwischen wenige Ruhepunkte, die zum Geschicklichkeitsparcours der Fahrradfahrer werden: Ein Punk stellt seinen Pappbecher auf den Radweg, zwei Biertrinker lehnen am Bauzaun, Touristen wenden Pläne wie Kompasse. Eine Menschenschlange auf dem Dreieck zwischen Kastanienallee und Eberswalder zieht behäbig zu einer bekannten Schönhauser-Allee-Legende: Konnopke's Imbiss produziert hier seit fast 51 Jahren seine berühmten Currywürste.

Die Schönhauser Allee ist ein Jahrmarkt und an ihrem Knotenpunkt närrisch, laut und bunt. Auf einigen Strecken inzwischen sehr teuer, an anderen verramscht, manchmal auch gesichtslos. Sie wirkt wie ein zerschlagener und wieder zusammengesetzter Spiegel, ist ein Kaleidoskop von aneinander vorbeischlendernden Lebenswelten: Studenten, mittelständische Familiengründer, Medienschaffende, Designer, Rechtsanwälte, Immobilienmakler, Investoren - Neuberliner drängen unter die weichenden Alteingesessenen. Touristen, Besucher und Flaneure staunen, versuchen zu fassen, was es ist, das hier auf engstem Raum zusammenprallt, ohne sich zu berühren. Jeder sieht in diesem gebrochenen Spiegel ein anderes Bild.

"Montmartre" schwärmen die einen. Katie Wagner (43) zum Beispiel. Die West-Berlinerin kam schon kurz nach der Wende in den Kiez, schuftete in einem der neu entstandenen Frühstückcafés in Prenzlauer Berg, ehe sie sich mit ihrer charmanten Bar namens "Rakete" ihren Traum erfüllte. Die kleine, in weiß gehaltene Cocktail-Location liegt genau auf der Höhe, wo die U-Bahn aus der Erde auf die Hochbahnbrücke schießt. In diesem Straßenabschnitt zwischen Eberswalder Straße und Senefelderplatz gibt es verglaste Lofts, Dachgeschosse mit Türmchen und monumentale Häuserfronten neben steinnackten Häusern. Deren nicht vorhandene Fassaden zeigen noch jene Verwitterungen, die mehr als 20 Jahre zuvor den Raum ergaben, in welchem sich sozialistische Arbeiterschaft mit Studenten, Akademikern und Bohemiens mischte.

Am Kreuz Kastanienallee prunkt ein altrosafarbener Bau mit einer herrschaftlichen Steintreppe und Säulen. In seinem Schatten liegt ein Souterrain. Ein eisengeschmiedetes Gitter trägt die Initialen des Elektrohändlers Manfred Gramsch, der hier, so kündet noch ein schmutziges Ladenschild, sein Geschäft ausübte. Eine halb hochgezogene Jalousie zeigt eine Auslage, darin schwarz-weiße Fotos zwischen filigranen Metallgebilden und Muscheln, eingestaubt, als hätte da jemand etwas vergessen. Als jener Manfred Gramsch "mit Tränen in den Augen, seinen Laden räumte, kam ich gerade vorbei", sagt Jo Jankowski. Er ist Fotograf, geboren in Ulm, viel gereist und kam 2004 eben hier vorbei. "Wenn schon der Osten, dann musste es die Schönhauser Allee sein", sagt er. Was ist denn das Besondere? - Er zuckt mit den Schultern, sieht auf das grüne U-Bahn-Viadukt. "Das bekommt man schlecht unter einen Hut. Es ist vielleicht die Vielfalt, Weite der Straße, die Enge im Hinterhof, alles zusammen. Und dass sich nicht so viel verändert hat." Die Möglichkeiten eben. Das Geschäft mit dem Verwalter war am selben Tag, als der Elektromeister auszog, per Handschlag erledigt. Jo Jankowski stellte einen Tisch hinein, Regale für die Negative, etwas zum Kochen, eine Pritsche zum Schlafen. Sein Raum schlägt eine Brücke zwischen dem, was den Kiez zunächst so attraktiv machte und neue Bewohner anzog - und später dadurch viele angestammte Mieter vertrieb, in die Ferne, nach Marzahn, in den Wedding.

"Die Spekulation macht die ganze Straße kaputt", schimpft ein Wirt hundert Meter Luftlinie vom Fotografen entfernt. Er ist, wie Jörg Frey, 43 Jahre alt und an der Schönhauser Allee groß geworden. Doch er ist verbittert über die neue Zeit. Nur der Trotz hindere ihn daran, auch abzuhauen. Noch in den 90er-Jahren kamen seine Gäste aus der Nachbarschaft. Heute reisen dieselben Menschen aus Neukölln, dem Wedding, Rudow oder Marzahn an. "Schauen Sie doch", er zeigt aus dem Fenster. "Casino, Bank, Casino, Friseur. Und da im grünen Supermarkt kostet der Saft gleich viermal so viel wie im Wedding."

Aus DDR-Zeiten hinübergerettet

Geht man weiter Richtung Norden, verschwinden auf der rechten Seite traditionsreiche Einzelhandelsgeschäfte zwischen Ramsch- und 24-Stunden-Läden, dazwischen werden Handys oder Döner verkauft. Vietnamesische Restaurants und Pizzerien gähnen leer vor sich hin. Auf der anderen, westlichen Straßenseite lassen Biomärkte und -cafés, Dessous- und Buchläden ahnen, wo die Fahrt hingehen wird.

Für Doreen Persche ist das ein gutes Zeichen. "Die Talsohle hat unsere Straße seit etwa fünf Jahren durchschritten", sagt sie. Die Inhaberin von "Kleemann Hüte", mit dem Gründungsjahr 1905 das älteste noch existierende Geschäft in der Allee, meint, dass es wieder den Trend zur Qualität gebe. Und damit komme die Schönhauser Allee wieder dahin, wo sie früher war. "Zu DDR-Zeiten hielt sich hier das Besondere jenseits der Planwirtschaft, Musikinstrumentenhandel, eine Glasbläserei, Uhrenmacher." Doreen Persche (39) ist eine der wenigen, die an demselben Platz arbeitet wie 1988. Damals lernte sie bei ihrem Onkel Modistin, den Beruf, den schon ihre Urgroßmutter unter dem Namen Putzmacherin ausübte.

Einen ganz besonderen Blick auf die Allee hat Martin Albrecht. Er ist der Mann des Untergrundes. Der Archäologe schaut von seiner Wohnung an der Pappelallee seit Jahrzehnten auf die Schönhauser Allee. Michael Albrecht, Jahrgang 1952, kam als Student der Ur- und Frühgeschichte in den Kiez. Er promovierte über skandinavische Felsbilder, grub in Namibia und Südafrika. Mit dem Zusammenbruch der Berliner Akademie der Wissenschaften erforscht er für Architekten und Investoren die heimischen "Höhlen".

Martin Albrecht führt Interessierte im Namen des Vereins "unter-berlin" in Keller und Gewölbe unter den alten Brauereigebäuden. Von der Pappelallee läuft er 20 Minuten dahin. Er streift an sanierten Gebäuden vorbei und solchen, wo durch ungeklärte Eigentumsverhältnisse noch etwas vom alten Kiez erhalten ist. Er kommt vorbei an Katie Wagners "Rakete", der schön sanierten Kulturbrauerei, vorbei an einem gesichtslos wirkenden Wohnblock der 30er-Jahre. Ausgerechnet hier spricht dunkle Geschichte. "In diesem Haus lebte Heinz Galinski von 1938 bis 1943, er wurde aus diesem Haus nach Auschwitz deportiert", steht an einer Tafel. Galinski war langjähriger Präsident der Jüdischen Gemeinde Berlins und Vorsitzender des Zentralrats der Juden, starb 1992.

Natürlich, auch jüdisch war die Schönhauser Allee. Gleich hinter der Wörther Straße zieht sich hinter einer mit Davidsternen gestalteten Backsteinmauer der älteste, noch präsente jüdische Friedhof Berlins. Dazu gehört das helle Gebäude des Lapidariums, genau an jener Stelle, wo früher die Trauerhalle stand. Es ist der "Verwahrungs- und Gedenkort" für jene Grabsteine, die keine Gräber mehr haben. Nationalsozialismus, Vandalismus, Krieg haben den Friedhof mit seinen etwa 23 000 Gräbern und Grüften geschunden. Für Rüstungszwecke wurden Verzierungen und Grabgitter aus Metall eingeschmolzen, in den letzten Kriegswochen schlugen Bomben und Granaten in die fünf Hektar große Fläche ein. Auch in der DDR und nach ihr fanden die Toten keine Ruhe, mehrmals wurde der Friedhof geschändet.

Am Senefelderplatz mündet die Kollwitzstraße in die Allee und stimmt ein in das bekannte, selbstvergessene Treiben. Radfahrer, Fußgänger kreuzen die sich hier schlängelnde Straße, Touristen, Mütter, Studenten blinzeln vor den Cafés in die Frühlingssonne. Luxusappartements werden deklariert, offene Tore zeigen verwunschene Backsteinhinterhöfe, die Fassaden des Pfefferberges prangen im glatt gezogenen, altrosafarbenen Putz. Eine Gruppe von jungen Leuten wartet an der Ecke Saarbrücker Straße, Martin Albrecht erkennt sie als jene, die er führen wird. Kurzfristig schließt sich ein Mann namens Max an, er sei in der Schönhauser Allee 151 geboren, sagt er, trinkt sein Bier aus und humpelt mit einer Aldi-Tüte in der Hand der Gruppe hinterher. Albrecht erklärt zunächst die Bedeutung der geologischen Beschaffenheit der Barnimer Höhen vor den Toren Berlins. Hügeliges Land, auf dem erst Windmühlen standen, dann Vergnügungslokale an der alten Straße nach Niederschönhausen.

In der Alhambra von Prenzlauer Berg

An der Saarbrücker Straße geht es auf das Produktionsgelände der ehemaligen Brauerei Königstadt. Heute ist sie ein genossenschaftlich verwalteter Gewerbehof. In seinen sanierten Gebäuden haben sich Kleingewerbe, Künstler und Händler angesiedelt. Über eine Rampe steigen wir in die alten Lagergewölbe der Brauerei. Mit 4000 Quadratmetern ist es der größte erhaltene begehbare Keller in Berlin. Drinnen ist es feucht, kühl und vollkommen leer. Von einer riesigen Halle zweigen Gänge ab, Säulen stehen im Gang, Rundbögen darüber, zugemauerte Luken in Gewölbedecken erzählen von der Zeit, als man Kälte noch nicht produzieren konnte. In diese Luken wurde Eis, das man vom Tegeler See geholt hatte, eingeführt. Für Martin Albrecht ist dies die Alhambra des Prenzlauer Berges, ein Kunstwerk der Industriegeschichte. Er hat die Steine studiert, den Aufbau katalogisiert, Schichten der Vergangenheit freigelegt, über die Brauerei Königstadt ein Buch geschrieben. So hat die Wende, das Schließen der Akademie der Wissenschaften, dazu geführt, dass der Ursprung des Quartiers einen Chronisten fand.

Drei Kilometer Luftlinie entfernt setzt sich Jörg Frey jetzt zu einem Tee in sein Atelier. Es liegt im dritten Stock, im dritten Hinterhof. In derselben nach James-Hobrecht-Plänen angelegten "Mietskaserne", in der er als Kind zwischen Schrankwand, Ofenheizung und Außenklo die Schlager seiner Großmutter summte, von wo er als Jugendlicher zum Dichter Peter Brasch ging, als Maler die Tiefe des Graus entdeckte, später eine Familie gründete, einmal kurz in den Westen zog, um dann wieder zurückzukommen. "Zu Hause", sagt er, "ist eine Sehnsucht, die man nicht vergessen kann, ein bestimmtes gebrochenes Licht, ein Geruch, ein Klang, etwas und vieles, das man nicht ersetzen kann." Und wenn sich die Welt um ihn auch noch so verändert, so lange die Kastanie im Hof jedes Jahr von Neuem blüht, wird er bleiben.

Morgen lesen Sie: Schlesische Straße

"Unsere Straße hat die Talsohle seit etwa fünf Jahren durchschritten"

Doreen Persche, Putzmacherin