Stadtplanung

Wachsender Widerstand gegen den Hansahof in Tiergarten

Die Pläne wurden bereits Ende Dezember präsentiert, jetzt läuft die Schadstoffsanierung: Das mehr als zehn Jahre leer stehende ehemalige Konsistorium der Evangelischen Kirche wird abgerissen. Das markante Hochhaus mit der Aluminiumfassade an der Ecke Bach-/ Altonaer Straße in Tiergarten soll einem Neubau weichen.

"Hansahof" lautet der Name des Projekts, dessen ursprünglich geplante fünf- bis sechsgeschossige Blockrandbebauung der Hilfswerk-Siedlung GmbH, einem Wohnungsunternehmen der Evangelischen Kirche, auf wachsenden Widerstand stößt. Zu massiv, zu dicht und zu geschlossen, kritisieren Anwohner, Architekten und Stadtplaner. Die Kritiker sorgen sich um die künftige Gestaltung des Grundstücks im Hansaviertel, das an das weltbekannte Areal der Internationalen Bauausstellung "Interbau 57" angrenzt.

"Architektonischer Affront"

"Der geplante hermetisch geschlossene Block mit einer winzigen Öffnung zur Spree passt in keiner Weise ins Hansaviertel", sagt Hannes von Goesseln vom "Bürgerverein Hansaviertel e.V." Der Verein wird in seiner Kritik nicht nur von der Sektion Baukunst der renommierten Akademie der Künste unterstützt. Auch der Rat für Stadtentwicklung hat sich jetzt in die Debatte eingeschaltet. In einer Stellungnahme des Fachgremiums werden die Pläne des Berliner Architekten Tobias Nöfer als "architektonischer Affront" gegenüber der Idee der Internationalen Bauausstellung im Hansaviertel abgelehnt, die gerade von offener Bauweise geprägt ist.

Der Rat für Stadtentwicklung fordert zudem Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) und den Investor, die Hilfswerk GmbH, auf, mit der Berliner Architektenkammer für das Grundstück einen Wettbewerb mit mindestens 25 Architekturbüros durchzuführen. Die Dringlichkeit eines entsprechenden Antrages von den Fraktionen der Grünen und der FDP wurde jedoch in der jüngsten Bezirksverordnetenversammlung (BVV) in Mitte mit den Stimmen von SPD und CDU abgelehnt. Der Antrag, in dem auch die Beteiligung des Bürgervereins und der Akademie der Künste an dem Wettbewerbsverfahren gefordert wird, steht damit erst wieder nach der Sommerpause in der BVV zur Diskussion. Der Vorsitzende des Stadtentwicklungsausschusses, Frank Bertermann (Grüne), befürchtet nun, "dass in dieser Zeit Fakten geschaffen werden, die den erforderlichen Wettbewerb verhindern könnten".

Baustadtrat Ephraim Gothe war zu einer Stellungnahme nicht zu erreichen. Das von Gothe favorisierte und jetzt auch vom Investor in Erwägung gezogene Gutachterverfahren, für das der Investor fünf weitere Büros mit Entwürfen beauftragen würde, stößt nicht auf Zustimmung.

"Dort muss unbedingt eine qualitätsvolle Architektur entstehen, die mit der unmittelbaren städtebaulichen Nachbarschaft harmoniert und dafür braucht es einen kontrollierten Wettbewerb", sagt auch Carolin Schönemann von der Sektion Baukunst der Akademie der Künste.

Der in der Kritik stehende Entwurf von Tobias Nöfer orientiert sich mit der Blockrandbebauung am Planwerk Innenstadt, das 1999 vom ehemaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann aufgestellt und jüngst von seiner Nachfolgerin Regula Lüscher räumlich erweitert wurde. Stimmann gilt als erklärter Gegner der Architektur der Interbau im Hansaviertel, die er öffentlich einmal als "Irrweg" bezeichnete. Tobias Nöfer war an der Erstellung des Stimmannschen Masterplans beteiligt. "Die Architektur der ,Interbau 57' ist eine veraltete Doktrin, die sich längst überlebt hat", entgegnet Nöfer dann auch auf die harsche Kritik an seiner Arbeit. Das Grundstück habe mit der Interbau doch gar nichts zu tun. "Und wenn die Bauten dieser Ausstellung wirklich so wichtig und damit einzigartig sind, sollte man sie auch einzigartig lassen und nicht mit Neubauten einer ganz anderen Zeit fortsetzen." Nöfer betont zudem den praktischen Wert seines Entwurfs: "Das ist dort eine extrem laute Ecke, so dass der Block zur Straße hin auch als gebaute Lärmschutzwand funktioniert." Seine Architektur als "Affront" zu bezeichnen, sei einfach nur unqualifiziert, sagt der Architekt. Er spricht von "Hysterie" und einer "ideologischen Diskussion" der Hansaviertel-Verehrer, die er nicht nachvollziehen könne.

Plädoyer für Wettbewerb

Das sieht jedoch der Architekt Benjamin Hossbach, der mit seinem Büro "Phase eins" an der Cuxhavener Straße unmittelbarer Nachbar des betroffenen Grundstücks ist, ganz anders. "Ein so massiver Block würde die grundsätzlich offene Bauweise in Tiergarten konterkarieren." Das Gebäude sei an einer der Hauptachsen, die in den Tiergarten führen, geplant. "Dort darf nur hochwertige Architektur eine Chance haben und dafür muss man einen internationalen Wettbewerb durchführen", sagt Hossbach, der mit seinem Büro weltweit Architekturwettbewerbe organisiert. Thilo Geisler, Vorsitzender des Bürgervereins Hansaviertel, bringt ein anderes Argument in die Diskussion: "Das Interbau-Areal hat Chancen, als Weltkulturerbe anerkannt zu werden, aber das setzt voraus, dass die angrenzenden Bauten der Grundidee entsprechen."