Personalien

Neuer Erzbischof ist ein Fußball-Fan

Ein "ganz normaler Pastor" wollte er werden, wie die Priester-Vorbilder, die er in seiner Jugend kennengelernt hatte. Es ist anders gekommen. Rainer Maria Woelki, der Junge aus der Kölner Bruder-Klaus-Siedlung, stieg schnell die kirchliche Karriereleiter nach oben, und seit Sonnabend, 12 Uhr, ist er als Nachfolger des im Alter von 75 Jahren verstorbenen Georg Kardinal Sterzinsky der neue Berliner Erzbischof.

Die Ernennung wurde zeitgleich in Rom und Berlin bekannt gegeben. Langen Applaus gab es in der gut gefüllten St.Hedwigs-Kathedrale in Mitte. Dompropst Stefan Dybowski trug die Entscheidung nach dem Angelus-Gebet vor. "Wir heißen ihn mit offenen Armen willkommen", so das Schlusswort von Dybowski.

Vertrauter von Kardinal Meisner

Woelki (54) ist seit 24. Februar 2003 Weihbischof an der Seite seines Förderers, Kardinal Joachim Meisner (Köln), man darf also annehmen, dass Meisner, von 1980 bis 1988 Bischof im damals noch geteilten Berliner Bistum, an dieser Personalentscheidung kräftig mitgewirkt hat. Der neue Hauptstadt-Bischof hat in Bonn und Freiburg Theologie studiert. Von 1990 bis 1997 war er Kaplan und Sekretär des Kölner Kardinals, danach Direktor am Collegium Albertinum, dem Studienhaus der Priesteramtskandidaten der rheinischen Erzdiözese in Bonn. Im Jahr 2000 wurde er an der "Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz" in Rom promoviert. Sie wird von der umstrittenen und streng konservativen Priester- und Laienorganisation Opus Dei geleitet.

Woelki ist leidenschaftlicher Anhänger des 1. FC Köln. Er arbeitete auch kurze Zeit als Militärseelsorger, die Bundeswehr hatte er als Panzerartillerist kennengelernt. Als Weihbischof war er für die Bischofsregion Nord mit den Großstädten Düsseldorf und Wuppertal zuständig. Er hat die Veränderungen im kirchlichen Milieu erfahren, die Abwendung vieler Katholiken von ihrer Kirche, den Traditionsabbruch, wie er sich vor allem in industriellen Ballungsräumen bemerkbar macht. Dennoch sagt Woelki unter Hinweis auf seinen der Apostelgeschichte entlehnten bischöflichen Wahlspruch "Wir sind Zeugen", die Menschen ließen sich durch ein christliches Vorbild durchaus ansprechen für den Glauben. Bei seinen Besuchen in den Gemeinden habe er immer wieder eine "große Offenheit" vorgefunden: "Wir kommen jetzt immer mehr in eine Situation, die evangeliumsgemäß ist. Es wird deutlich, dass es keine Selbstverständlichkeit mehr ist, als Christ zu leben. Wir stehen vor der großen Herausforderung, das Evangelium neu auszusäen."

Dieser Herausforderung wird er sich auch in Berlin gegenüber sehen. Als Kölner und rheinischer Katholik kommt er in ein weitgehend säkularisiertes Gebiet. Dass erst 1930 gegründete Berliner Bistum, 1994 von Papst Johannes Paul II. zur Erzdiözese erhoben, macht seit Jahren einen Prozess der Veränderung durch. Unter Kardinal Sterzinsky war Berlin in akute Finanznot geraten, die Geldspritzen westdeutscher Bistümer erforderte, Kirchen und kirchliche Gebäude mussten aufgegeben, Gemeinden zusammengelegt werden. Das hat zu Irritationen unter den Gläubigen geführt.

Die Wahl des neuen Erzbischofs hat sich entgegen den Erwartungen nach der Annahme des Rücktrittsgesuchs von Kardinal Sterzinsky am 24. Februar 2011 lange hingezogen. Wiederholt war von einer Zerstrittenheit des Domkapitels (sieben Mitglieder), das nach dem Preußenkonkordat von 1929 aus einer von Rom vorgelegten Dreier-Liste den neuen Oberhirten zu wählen hat, die Rede. Immer wieder waren der Diözesanadministrator, Weihbischof Matthias Heinrich, und die Bischöfe Ludwig Schick (Bamberg), Franz-Josef Overbeck (Essen) und Franz-Peter Tebartz-van Elst (Limburg) genannt worden. Zuletzt fiel auch noch der Name des Kölner Weihbischofs Heiner Koch. In kirchlichen Kreisen wird angenommen, dass Overbeck und Tebartz-van Elst in Reserve gehalten werden, falls Kardinal Joachim Meisner (77) in absehbarer Zeit entpflichtet wird. Beide haben das Vertrauen des als "Bischofsmacher" geltenden Meisner.

In der St. Hedwigs-Kathedrale sorgte die Nachricht am Sonnabend für große Überraschung. "Den kennen wir alle nicht", sagte eine Reinickendorferin. "Ich hoffe, dass wir einen guten Oberhirten bekommen", so die 75-Jährige.

Bekannt als guter Seelsorger

Auch Martin Grzeskowiak aus Neukölln begrüßte die Entscheidung. "Woelki ist als guter Seelsorger bekannt, er ist kein Theoretiker", sagte der 71-Jährige, der mit Ehefrau Barbara in die St. Hedwigs-Kathedrale gekommen war. Der Berliner Weihbischof Matthias Heinrich wurde beim Pressegespräch nach einer Charakteristik von Woelki gefragt. "Ein Mensch, der eine Linie hat, und der weiß, was er will", sagte Heinrich. "Er ist aber auch ein Mensch, der nicht beratungsresistent ist."

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte, er freue sich darüber, dass die Entscheidung nun gefallen sei. Er biete dem neuen Berliner Erzbischof eine "gute Zusammenarbeit" an. Die Grünen-Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl, Renate Künast, sagte, sie hoffe, dass Woelki wie sein Vorgänger die Vielfalt und Buntheit Berlins wahrnehmen, anerkennen und dessen beeindruckendes humanitäres Engagement fortsetzen möge.