Jungautorinnen

Von Tamagotchi, Piercings, Reiterhof und Kurt Cobain

Als Lisa Seelig und Elena Senft an der Havanna Bar in Kreuzberg aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig ankommen, verbreiten sie genau die Stimmung, die ihr Buch ebenfalls transportiert: kichernde gute Laune.

Lisa hat die Havanna Bar in Kreuzberg 36 als Treffpunkt ausgesucht, weil dieser Ort für sie etwas aus den 90er-Jahren transportiert. Der Inhaber der Bar erklärt stolz, dass er die kommunistischen Wandgemälde genau so an Hauswänden in Kuba gesehen habe und hier reproduziert hat. Den Che Guevara über der Bar finden die Autorinnen "cool", und die Cocktailkarte enthält Begriffe, die für Erst-Trinker noch heute verheißungsvoll klingen müssen: "Bahama Mama", "Red Spider" oder einfach "Sex". Mit vier Euro pro Getränk steht der Zugang zu dieser Welt von Sirup-Wodka-Curacao-Tequila-Mischungen jedem offen. Sie bestellen "Wodka Sour" und "Big Bang", inklusive der süßen Cocktailkirschen.

Fremde, zu entdeckende Welten

In ihrem Buch "Wir waren jung und brauchten das Gel" haben Elena Senft und Lisa Seelig eine Zeit beschrieben, in der solche Getränke noch eine fremde, zu entdeckende Welt waren. Auf 256 Seiten und in rund 200 Kapiteln haben sie ein "Lexikon der Jugendsünden" zusammengestellt. Es ist eine umfassende und unterhaltsame Abrechnung mit den geschmacklosen 90er-Jahren, der Pop-Kultur und den Modetrends. Tatsächlich sind viele Vokabeln in diesem Buch schon jetzt in Vergessenheit geraten: Alf und Arschgeweih, Kettenbrief und "Knack&Back", Tutti Frutti und Tamagotchi. All diese Dinge waren im Klassenraum vor 15 bis 20 Jahren entscheidend für das Knüpfen und Lösen von Freundschaften, egal, ob in München oder Berlin, Paderborn oder Rostock, Köln oder Bitterfeld.

Dann geht es los, das Reden über die eigenen Jugendsünden. Elena erzählt, wie sie bei einer Ruder-Wanderfahrt ein "I-Love-Spreewald"-Feuerzeug geklaut hat, um von ihrer Gruppe akzeptiert zu werden. Das Wort Ladendiebstahl war damals noch zu abstrakt, und sie hörte erst auf damit, als sie in einer Berliner "Drospa"-Filiale mit einem Lippenstift erwischt wurde. Lisa Seelig erzählt davon, wie sie in ein Nachbardorf in Bayern gefahren ist, um Strippoker zu spielen. Aber die Regeln erinnerten eher an Mau-Mau und sie hatte vorher eine Radlerhose druntergezogen, ein unverzichtbares Accessoire der 90er-Jahre. "Ich glaube, ich war ein sehr braves Mädchen." Danach geht es um Mercedes-Stern-Abdrehen (Elena), um ein Liebesgedicht, das an die "Bravo Girl" geschickt wurde (Lisa) und Fernsehsendungen wie "Knight Rider" und "Beverly Hills 90210" (beide). Nach und nach entsteht am Tisch in der Havanna Bar ein Bild einer Jugend, in der Dinge getan und angeschaut wurden, nur damit man am nächsten Tag in der Schulklasse mitreden konnte. Letztlich, sagen beide, sei das wohl heute noch so, aber die Vokabeln sind andere.

Auf den Punkt bringt es Elena Senft, als sie von dem Tag erzählt, als der Nirvana-Sänger Kurt Cobain starb. Sie hatte damals blaue, verfilzte Haare, war gegen die Fantastischen Vier, nur weil die eine "nazimäßige Glatze" trugen - und sie war sehr, sehr traurig. "Ich dachte damals: ey krass, Kurt ist tot, ich muss total ausrasten", sagt sie. "Aber ehrlich, so richtig betroffen hat mich das schon damals nicht." Sie sei einfach nur ein guter Mitläufer gewesen. Lisa Seelig wiederum kann heute nicht mehr ihre Trauer nachvollziehen, als ihr klar wurde, dass sie niemals Joey von der Band "New Kids On The Block" treffen wird. "Ich hatte damals das Gefühl, dass mein ganzes Leben allein deshalb sehr trist verlaufen wird." Beim Gedanken daran kann sie heute nur mit den Augen rollen.

Beim Sprechen über das Buch und ihre eigene Vergangenheit fallen sich die Co-Autorinnen nicht ins Wort, sondern ergänzen einander - wie zwei Freundinnen aus der Reiterhof-Zeitschrift "Wendy", die es ebenfalls in den 90er-Jahren gab. Kein Zufall: Beide haben Reiterhof-Erfahrung. Die gemeinsame Arbeit am Buch haben sie auch als ausgesprochen "harmonisch" in Erinnerung. Für einzelne Themen (Super-Mario oder TKKG) haben sie sich männliche Unterstützung aus ihrem Freundeskreis dazugeholt. "Aber die Lebenswelten", sagt Elena, "waren damals letztlich nicht so unterschiedlich." Alle hätten damals die furchtbare Musik von "Haddaway" und "2 Unlimited" im Ohr gehabt und abends Gläserrücken probieren wollen. Ein Generationen-Buch wollten sie aber nicht schreiben und haben sich deshalb in ihren Texten auch nicht für das identitätsstiftende "wir" entschieden, sondern für das neutrale "man".

Dabei könnte dieses "man" in vielen der kurzen Texte auch mit "ich" ersetzt werden. Wenn unter "I wie Interrail" von einem gestohlenen Portemonnaie im Zug in Italien erzählt wird, dann ist das eine Geschichte, die Elena Senft passiert ist, und der Brief, der unter "B wie Brieffreundschaft" abgedruckt ist, hat Lisa Seelig von ihrer Brieffreundin Kathrin bekommen. "Ich hab ihren Brief aus einer riesigen Woolworth-Tüte gefischt", sagt sie, "und Kathrin hat sich darüber gefreut." In der Tat sind ihre Zeilen ein gutes Beispiel für Briefe damals, solche Sätze hat jeder geschrieben oder gelesen: "Ich weiß gar nicht was ich schreiben soll. Bist Du zur Zeit eigentlich verliebt? Ich glaube, ich immer noch in den Philipp. Scheiße, aber was soll ich machen?"

Geschmacklose Pubertät

Dass es bei solchen Dingen vielleicht heute noch nicht anders ist, merkten die Autoren bei einigen der Themen. Pyjama-Partys werden sicher noch genauso gefeiert, und nur weil Raider Twix heißt, oder Werthers Echte jetzt Werthers Original, ist die Pubertät noch immer eine eher geschmacklose Zeit. "Ich kann mir nicht mehr erklären", sagt Elena Senft, "dass ich mich auf dem Fußboden gewunden habe, weil ich ohne eine rote Jeans nicht mehr in die Schule gehen wollte." Lisa Seelig ist gerade hochschwanger. Sie ist gespannt, ob sie die Jugendsünden ihres Kindes ebenso durchgehen lässt, wie ihre Eltern das bei ihr gemacht haben.

Plötzlich kommt eine ältere Frau mit einem sehr traurigen Gesicht an den Tisch der Bar und fragt, ob man nicht "ein paar Cent" habe. Die Autorinnen fallen in eisiges Schweigen, schütteln ihre Köpfe, schauen vor sich hin. Was hätte man auch sagen können: Sie stören gerade bei einem Gespräch über Flaschendrehen, Kuschelrock und "Storck Riesen"? Es ist ein Moment, der nicht ganz zu dem leichten Thema passt, das am Tisch besprochen wird. Aber irgendwie ist es auch ganz gut, noch einmal zu erfahren, dass Jugendliche weder damals noch heute in einer Welt leben, in der "L wie Loveparade" nur noch von grenzenlosem "Spaß" erzählt.