Interview mit Star-Sopranistin Andrea Rost

"Ganz Berlin duftet nach Linden"

Sie ist auf den Opernbühnen dieser Welt zu Hause, in Mailand, Madrid, Wien, London, Chicago, New York, Tokio, Los Angeles. Jetzt gibt die ungarische Star-Sopranistin Andrea Rost (49) ein einzigartiges Open-Air-Konzert.

Am Mittwoch, 29. Juni, gilt es, gleich drei Ereignisse zu würdigen: Die Botschaft der Republik Ungarn feiert auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor 20 Jahre Partnerschaft Berlin-Budapest, die ungarische EU-Ratspräsidentschaft 2011 sowie die Übergabe des Ratsvorsitzes nach einem halben Jahr an Polen zum 1. Juli. Brigitte Schmiemann sprach mit der Sopranistin.

Berliner Morgenpost: Frau Rost, was bedeutet Ihnen das Brandenburger Tor?

Andrea Rost: Es ist das Zeichen der deutschen Einheit. Altbundeskanzler Helmut Kohl hat gesagt, dass der Boden unter dem Brandenburger Tor ein Stück ungarischer Boden ist. Als unsere Regierung die Grenze zu Österreich für Tausende von DDR-Bürgern im September 1989 öffnete, hat sie den Eisernen Vorhang aufgerissen, und die Leute konnten nach Österreich und weiter nach Westdeutschland. Das hat die deutsche Wiedervereinigung beschleunigt. Zwei Monate später fiel die Mauer.

Berliner Morgenpost: Ungarn war liberaler als andere Ostblockstaaten, sind Sie stolz auf Ihre Heimat?

Andrea Rost: Ja, schon, bei uns konnte die deutsche Einheit wenigstens in den Ferien am Plattensee bereits zu Zeiten der DDR gelebt werden. Dort trafen sich Familien aus West und Ost, der Trabi stand gleich neben dem Mercedes.

Berliner Morgenpost: Sie leben seit 2002 in Berlin, haben Sie sich in die Stadt verliebt?

Andrea Rost: Verliebt ja, aber in einen Holländer, wir hatten uns in Wien kennengelernt. Er ist dort aufgewachsen, ist auch Künstler, und er wohnte in Berlin. Damals noch an der Karl-Marx-Allee - meinem Lebenspartner gefielen die Häuser dort sehr, er fand sie skurril, ich mochte sie weniger. Sie haben mich an den Kommunismus erinnert. Die Wohnungen sind interessant, aber schmal. Die Häuser erinnern mich an eine Bühnenfassade. Dann zogen wir nach Kreuzberg, wo wir uns beide sofort sehr wohl gefühlt haben.

Berliner Morgenpost: Können Sie sich vorstellen, in Berlin dauerhaft zu wohnen?

Andrea Rost: Oh, ja. Nach 23 Jahren des Reisens kann ich mir das sehr gut vorstellen. Stabil zu leben, Freundschaften zu pflegen, für den Partner da zu sein, das wäre schon schön. Das Thema steht bei mir momentan zur Entscheidung an. Ohne Wurzeln zu leben, dauernd umherzureisen, das ist nicht einfach und macht auch einsam.

Berliner Morgenpost: Inspiriert Sie die Stadt?

Andrea Rost: Auf jeden Fall. Berlin ist eine bunte Mischung von allem Möglichen. Eigentlich ist in Berlin alles großartig. Musikwelt, Kunstwelt, Film, Theater. Es ist alles da. Die Aufgeschlossenheit, all das zusammengenommen ist wirklich großartig und sehr selten in der Welt zu finden. Ich schätze das sehr. Ich bin neugierig auf alles, und ich finde hier alles. Ich kann mir vorstellen, dass ich mich in Berlin mit einem eigenen Projekt engagiere. Auf Dauer. Mit einer Kombination aus klassischer Musik und Volksmusik. Mehr will ich noch nicht verraten.

Berliner Morgenpost: Sie werden in Ihrem Konzert vor dem Brandenburger Tor keine Opernarien singen, sondern haben ein besonderes Programm ausgewählt. Was wird das sein?

Andrea Rost: Wir werden eine Mischung von authentischen jüdischen und ungarischen Volksliedern sowie Roma-Songs mischen und auch alte, typische Instrumente einsetzen. So werden die Lieder von einer echten ungarischen Zimbalon begleitet. Ungarische Volksmusiker werden die Lieder auf Holzblasinstrumenten begleiten. Natürlich gibt es auch Schlagzeug, Geigen, Klavier, Akkordeon. Den Mittelteil gestaltet die polnische Gruppe Motion Trios. Mit dem Auftritt der berühmten Akkordeonspieler wird die Übergabe der EU-Ratspräsidentschaft symbolisch besiegelt. Im dritten Teil präsentieren wir dann pannonische Lieder, das ist die traditionelle Musik der Ungarn im Karpaten-Becken.

Berliner Morgenpost: Ungarische Musik bringt Stimmung, Leidenschaft, Temperament. Ist das beim Konzert am Brandenburger Tor auch so?

Andrea Rost: Auf jeden Fall. Ich habe Klezmer, Roma und ungarische Lieder gemischt, um zu zeigen, wie viel Einfluss sie aufeinander gehabt haben. In Ungarn bilden diese musikalischen Richtungen eine Einheit. Dies am Brandenburger Tor, dem Symbol der deutschen Einheit, zu zeigen, ist wirklich spannend. Ich möchte auch zeigen, wie wunderbar die Komponisten Béla Bartók und Zoltán Kodály die ungarische Volksmusik in ungarische klassische Musik hineingemischt haben, und zwar schon am Anfang des 20. Jahrhunderts. Damit die Zuhörer die Texte verstehen, werde ich die Lieder etwas erklären, bevor ich sie singe. Es sind einfache, schöne, aber immer noch wahre Geschichten.

Berliner Morgenpost: Was schätzen Sie an Berlin besonders?

Andrea Rost: Ich liebe das Fahrradfahren. Das ist für mich das Schönste, wenn ich hier bin. Ich fahre auch in Ungarn Rad, aber dort ist es lebensgefährlich. Das Radfahren verbindet mich mit meiner Kindheit, ich habe es in Berlin wiederentdeckt. Am liebsten würde ich den Mauerweg einmal komplett abfahren. Dann liebe ich die Hasenheide, ich habe dort eine uralte Rieseneiche, der Baum ist wie ein Tempel, den Ort besuche ich immer wieder gerne.

Berliner Morgenpost: Berlin hat drei Opernhäuser, viele kritisieren das aus finanziellen Gründen. Wie finden Sie das Angebot?

Andrea Rost: Ich bewundere Berlin dafür, in Budapest werden leider zwei Opernhäuser schon als zu viel angesehen. Das Angebot ist gut und abwechslungsreich. Die Komische Oper bringt die Opern sogar in Deutsch. Vorstellen könnte ich mir, dort Rollen zu singen, aber nur aus deutschen Opern, wie die Pamina aus der "Zauberflöte" oder Eva aus den "Meistersingern".

Berliner Morgenpost: Nach dem Konzert auf dem Pariser Platz fahren Sie gleich nach Helsinki, wo Sie einen Arien-Abend geben werden. Genießen Sie den Sommer in Berlin trotzdem?

Andrea Rost: Auf jeden Fall. Ich gehe leidenschaftlich gern in "Clärchens Ballhaus" tanzen. Und am Ufer der Spree etwa in Höhe des Bodemuseums kann man sogar nachts Tango tanzen, zu toller Live-Musik. Außerdem duftet die ganze Stadt so schön nach Linden. Und neulich habe ich Unter den Linden einen Amerikaner mit einem Riesen-Stadtplan getroffen, der wissen wollte, wo denn der Weg unter den Linden ist. Das ist doch einfach wunderbar! Es passiert einfach so viel in dieser Stadt.

Berliner Morgenpost: Was verbindet Budapest und Berlin, was wünschen Sie sich für beide Städte?

Andrea Rost: Dass Budapest-Berlin 2012 mit einem von mir organisierten Festival näher zusammenrückt, die Menschen viel übereinander erfahren und dauerhaft verbunden bleiben.