Interview

"Mal brennen Kinderwagen, mal sind es Autos"

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Insgesamt 159 Mal brannte seit Beginn dieses Jahres auf Berliner Straßen ein Fahrzeug. Seit vier Wochen vergeht keine Nacht ohne neue Brandanschläge auf Autos, in den meisten Fällen ermittelt der Staatsschutz. Meist werden nicht nur die Autos beschädigt, die angezündet wurden.

So wurden laut Polizeibilanz in diesem Jahr 92 Autos direkt angegriffen, 67 weitere Fahrzeuge wurden durch übergreifendes Feuer in Mitleidenschaft gezogen.

Während in einzelnen Fällen Bekennerschreiben auftauchen oder sich meist linksextreme Gruppierungen im Internet für einzelne Taten verantwortlich erklären, ist die Motivation gerade der Nachahmungstäter schwer zu ergründen. Christine Eichelmann sprach mit Professor Rudolf Egg von der Kriminologischen Zentralstelle über den Hintergrund dieser Anschläge. Der Psychologe ist Direktor der Forschungs- und Dokumentationseinrichtung des Bundes und der Länder mit Sitz in Wiesbaden und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention.

Berliner Morgenpost: Professor Egg, praktisch jede Nacht brennen in Berlin Autos. Viele, aber nicht alle dieser Taten werden als politisch motiviert eingestuft. Was treibt die Brandstifter an?

Rudolf Egg: Zunächst ganz allgemein: Brandstiftung, die scheinbar motivlos ist, also anders als meinetwegen ein Versicherungsbetrug, ist ein Delikt, das sehr leicht durchzuführen ist. Das ist viel einfacher als zum Beispiel das Basteln einer Bombe. Trotzdem wird dadurch ein großer Schaden verursacht und damit auch große Aufmerksamkeit erregt. Das unterscheidet solche Taten grundsätzlich vom Beschmieren von Wänden.

Rudolf Egg: Das Anzünden eines Autos ist, verglichen mit anderen Brandstiftungen, zwar schon etwas komplizierter, weil ein Auto nicht sofort Feuer fängt. Solch eine Tat unterliegt aber auch starken Nachahmungseffekten. Man kann also nicht davon ausgehen, dass es in allen Fällen dieselben Täter sind oder dass alle dasselbe Täterprofil aufweisen. Neben den politischen Tätern gibt es auch diejenigen, die aus Langeweile, aus Abenteuerlust, aus Geltungsdrang handeln. Die wissen, sie kommen damit in die Zeitung. Zunächst hat man also die politischen Motive, die aber dann von anderen adaptiert werden. So gibt sich jemand, der eigentlich gar keine politischen Ziele verfolgt, den Anschein einer politischen Tat.

Berliner Morgenpost: Was ist mit Pyromanen?

Rudolf Egg: Der Begriff des Pyromanen ist in der Wissenschaft stark umstritten. Man geht heute allgemein nicht mehr davon aus, dass es eine krankhafte Neigung gibt, Brände zu legen. Die Affinität zum Zündeln ist dann nur ein Puzzlestein in einer Gesamtmotivation.

Berliner Morgenpost: Wie wichtig sind ganz persönliche Gefühle wie Wut oder Rachegelüste?

Rudolf Egg: Es muss gar nicht in jedem Einzelfall einen persönlichen Hintergrund geben. Aber natürlich bewegt sich jeder auf einer emotionalen Ebene, der meint, seine politischen Ziele nur auf diesem Wege, mit einer Straftat, artikulieren zu können.

Berliner Morgenpost: Und welche Rolle spielen dabei die Medien? Stachelt die Berichterstattung potenzielle Täter zusätzlich an?

Rudolf Egg: Ja, das ist leider so. Je ausführlicher man über solche Taten berichtet, je mehr man dabei den Täter in den Mittelpunkt stellt und damit zu einer Art Helden macht, wenn auch im negativen Sinne, desto mehr Menschen fühlen sich dadurch angesprochen, als sogenannte Trittbrettfahrer an diesem zweifelhaften "Ruhm" teilhaben zu wollen.

Berliner Morgenpost: In diesem Frühjahr gab es eine längere Serie von Brandstiftungen in Hausfluren von Berliner Mietshäusern, meist wurden Kinderwagen angezündet. Wie unterscheiden sich die Täterprofile und Motive dabei von den Brandanschlägen auf Autos?

Rudolf Egg: Grundsätzlich ist es noch einfacher, einen Kinderwagen in Brand zu setzen, als Feuer an einem Auto zu legen. Allerdings ist auch die Gefahr sehr viel größer, dass Menschen zu Schaden kommen. Ob teilweise dieselben Menschen hinter diesen Taten stehen, ist schwer zu sagen. Offensichtlich ist aber, dass es, wie in anderen Lebensbereichen, auch hier so etwas wie Moden gibt, nach dem Motto: Gerade sind es Kinderwagen, die brennen, dann eher Autos. Bei absichtlich gelegten Bränden in Hausfluren geht es sicherlich auch darum, Schrecken zu verbreiten. Wenn es ein politisches Motiv gibt, dann ist das so eine Art privater Terrorismus. Dahinter steht der Appell an die Menschen, auch in den Nachbarhäusern: Ich mag Euch nicht, ihr gebt mir nicht den Raum zum Leben, den ich brauche.

Berliner Morgenpost: Die Zahl der Brandanschläge auf Fahrzeuge ist in Berlin zwar 2011 schon jetzt höher als im gesamten Jahr 2010, seit Jahresbeginn gelang es aber lediglich in drei Fällen, Verdächtige festzunehmen. Nur in zwei Fällen kamen mögliche Täter in Untersuchungshaft. Ist es für Brandstifter entscheidend, wie groß das Risiko ist, entdeckt zu werden?

Rudolf Egg: Wer eine Straftat verübt, bei der das Risiko, entdeckt zu werden, groß ist, der muss ein starkes Motiv haben. Wer aus Langeweile handelt, der will in der Regel nicht erwischt werden. Es gibt aber natürlich auch jene, die darauf keine Rücksicht nehmen, die sagen, mein Leben hat keinen Sinn, ich nehme mir jede Freiheit, solange ich sie noch habe. Politische Überzeugungstäter schrecken Sie durch eine noch so hohe Aufklärungsquote nicht ab.

Berliner Morgenpost: Würde eine Null-Toleranz-Politik, wie sie immer wieder einmal gefordert wird, etwas nützen?

Rudolf Egg: Ich sehe nicht, dass das Anzünden von Autos bisher toleriert würde, insofern ist der Begriff "Null-Toleranz" vielleicht irreführend. Es gibt keine Toleranz gegenüber solchen Taten. Natürlich, wenn die Polizei mehr Mittel oder Personal braucht für die Aufklärung solcher Straftaten, dann muss man darüber reden. Für die Geschädigten ist es ohnehin egal, ob es eine politische Straftat oder eine Brandstiftung aus Langeweile ist. Den Schaden hat der Betroffene in jedem Fall.

Berliner Morgenpost: Gibt es denn eine Erklärung dafür, dass gerade Berlin so etwas wie die Hochburg brennender Autos ist?

Rudolf Egg: Das hängt sicher damit zusammen, dass es dort begonnen hat. Berlin ist eine attraktive Stadt für alles Mögliche und natürlich auch ein Anziehungspunkt für Straftäter. Im Falle der Brandstiftungen geht es sicher nicht um einen gezielten Tourismus, wie wir ihn von gewalttätigen 1. Mai-Demonstrationen kennen. Aber natürlich ziehen nach Berlin Menschen, die sich von bestimmten Szenen angezogen fühlen. Dazu gehören die Happenings, die Szenetreffs, die Tatsache, dass einfach mehr los ist. Und dazu gehören unter Umständen auch die brennenden Autos.