Meine Woche

Pistazienkerne und Debatten im Taxi

Mein Freund hat es mir verboten: Ich darf nicht mehr mit Taxifahrern diskutieren. Zugegeben, das fällt mir nicht leicht. Ich lebe seit etwas mehr als 25 Jahren in Berlin, erst im Westen, dann im Ostteil der Stadt. Ich bin - wie es sich für Berliner gehört - häufig umgezogen und beruflich und privat sehr viel in der Stadt unterwegs.

Ich weiß, wie man auf dem besten Weg zum Botanischen Garten nach Steglitz kommt oder zu den Gärten der Welt in Marzahn, ich kenne ein paar Schleichwege durch die Innenstadt und die neuesten Baustellen. Ich weiß, auf welcher Strecke man am besten zum Flughafen Tegel kommt - und wie wieder weg.

Am vergangenen Wochenende kam ich nun von einem Familientreffen in Westdeutschland zurück - und nahm in Tegel ein Taxi. Laut schallte die arabische Musik im Auto, der etwas ältere Fahrer wusste nicht so recht, wie er zu meiner Straße nach Prenzlauer Berg kommen sollte. Nun, ich helfe immer gern. Die Fahrt war, gelinde gesagt, etwas anstrengend. Der Mann nahm, kaum hatte er Gas gegeben, mit der rechten Hand aus einer Tüte auf dem Beifahrersitz eine Pistazie heraus, knackte sie mit den Zähnen, kaute und nahm die Schale dann von der rechten in die linke Hand, um sie schließlich in einem Becher, der am Armaturenbrett angebracht war, zu entsorgen. Pistazie nehmen, knacken, essen, entsorgen - es wollte nicht enden. Derweil wurde die Musik immer lauter. Ich bat darum, sie leiser zu drehen. Sollte ich was zum Pistazienknabbern sagen? Ich dachte an meinen Freund. Der Mann knabberte weiter. Als er allerdings die Müllerstraße geradeaus weiterfahren wollte, wo doch ein Linksabbiegen sinnvoller gewesen wäre, da habe ich dann doch eine Diskussion begonnen. Eine kleine.

Wenn Sie meinen, das wäre ein Einzelfall, dann irren Sie. Leider. Freunde aus Hessen wollten vor einigen Monaten von der Messe Berlin zu ihrem Hotel an der Prenzlauer Allee fahren. Sie erwischten eine Taxifahrerin, die ihnen freimütig erklärte, sie kenne sich im Osten der Stadt nicht aus, weiter als bis zum Alexanderplatz fahre sie normalerweise nicht. Die Fahrt - mit Stopps, um auf den Stadtplan zu schauen - dauerte dann eine Stunde. Und das lag nicht am Berufsverkehr.

Und da gab es den Taxifahrer, der vom Restaurant "12 Apostel" in Mitte nach Prenzlauer Berg fahren sollte. Wegen eines Polizeieinsatzes am Alexanderplatz schlug er vor, dort nicht lang zu fahren. Ich überließ es ihm. Ergebnis: Fünf Minuten später standen wir wieder vor dem Eingang des Restaurants, wegen der vielen Baustellen hatte er sich in den Einbahnstraßen verfranst. Immerhin stellte er das Taxameter zurück.

Ich will nicht ungerecht sein. Es gibt sie auch, die Taxifahrer, die sich in Berlin auskennen, deren Wagen sauber ist, die während der Fahrt nicht essen und die fragen, ob das Radio zu laut ist. Wie der Taxifahrer am vergangenen Mittwoch, der uns von einem Restaurant nach Hause brachte. "Essen Sie noch Salat?", fragte er. "Ja", antwortete ich. Und dann sprachen wir über Mülltonnen in Magdeburg, Spurensuche, verzweifelte Bauern, Essgewohnheiten und Lebensmittelkrisen. Es war ein interessantes Gespräch, er wusste, wie er fahren musste. "Bleiben Sie gesund", verabschiedeten wir uns. So soll es sein.

Christine Richter leitet gemeinsam mit René Gribnitz die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt René Gribnitz über seine Woche in Berlin.