Schulstreik

Schüler legen morgen die Stadt lahm

Lehrer, Eltern und Schüler wollen am Donnerstag erstmals gemeinsam auf die Straße gehen: Aus der Initiative des Landeselternausschusses "Für eine bessere Schule für Berlin" hat sich in den vergangenen Tagen ein immer breiteres Bündnis gebildet.

Neben dem Landesschülerausschuss und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat sich jetzt auch die Initiative "Bildungsblockaden einreißen" dem Aufruf zur Protestdemonstration um 12.30 Uhr angeschlossen. "Wir erleben eine täglich wachsende Kampfbereitschaft", sagt Günter Peiritsch, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Vor allem die Forderung nach mehr Investitionen in die Bildung eine die verschiedenen Interessensgruppen. Die Veranstalter erwarten zu dem Protestzug vom Rosa-Luxemburg-Platz zum Brandenburger Tor etwa 10 000 Teilnehmer.

Allerdings gibt es auch viele Schulleiter und Lehrer, die den Zeitpunkt der Demonstration - während der Unterrichtszeit - unglücklich finden. So hat sich die Arbeitsgemeinschaft der Schulleiter in Mitte, die mehr als 50 Schulen vertritt, gegen eine Beteiligung ausgesprochen.

Wie groß der Demonstrationszug tatsächlich wird, ist daher ungewiss. Ursprünglich war geplant, dass sich in den Schulen Lehrer, Eltern und Schüler gemeinsam zur Demonstration auf den Weg machen. Doch nach einem Brief der Senatsbildungsverwaltung, in dem Lehrern, die sich während der Unterrichtszeit an dem Protest beteiligen, dienstrechtliche Konsequenzen angedroht werden, machen viele Pädagogen einen Rückzieher. Dorit Schneider, Elternvertreterin des Leonardo-da-Vinci-Gymnasiums in Neukölln, teilte am Dienstag mit, dass aus dem geplanten Projekttag der Schule nichts wird. Nachdem Eltern den Plan, verkürzten Unterricht anzubieten, um dann gemeinsam zur Demonstration gehen zu können, öffentlich gemacht hatten, sei von der Schulaufsicht massiver Druck auf die Schulleitung ausgeübt worden, sagte Dorit Schneider. Eltern und Schüler wollen sich aber dennoch an der Kundgebung beteiligen. Die Schule hat 1754 Unterschriften für mehr Personal gesammelt. Die Lehrer seien überlastet, sagt Dorit Schneider. Aufgrund des hohen Krankenstandes falle ständig Unterricht aus.

Entschlossen, an der Demonstration teilzunehmen, sind vor allem die Schüler - obwohl die Bildungsverwaltung sie darauf hingewiesen hat, dass das Fehlen im Unterricht als unentschuldigt gilt. "Unser Schulleiter hat sogar mit schlechten Noten für mündliche Mitarbeit gedroht, falls Schüler wegen der Demo im Unterricht fehlen", sagt René Kiesling, Schülervertreter des Oberstufenzentrums Bürowirtschaft in Lichtenberg. Doch er werde sich dadurch nicht einschüchtern lassen. Schließlich hätten die Schüler des Oberstufenzentrums bereits versucht, mit Unterschriftensammlungen und Brandbriefen auf die Situation der Schule aufmerksam zu machen, jedoch ohne Erfolg. Ein Protest während der Unterrichtszeit verschaffe offenbar mehr Gehör, so Kiesel. Das Oberstufenzentrum musste mitten im Schuljahr fünf Lehrer abgeben. Am Dienstagnachmittag trafen sich Schüler in Pankow, um Plakate zu malen und eine letzte Mobilisierung zu planen. "Wir wollen am Donnerstagvormittag vor die Oberschulen in Pankow ziehen, um die anderen Schüler aufzufordern, mitzukommen", sagt der 18-jährige Willie, Schülersprecher vom Max-Delbrück-Gymnasium in Niederschönhausen. Vor Sanktionen durch die Lehrer fürchte er sich nicht, schließlich rufe ja die Lehrergewerkschaft GEW selbst mit zu der Kundgebung auf.

Lernen im technischen Museum

Berufsschullehrer Günter Hidden vom Oberstufenzentrum Maschinen- und Fertigungstechnik in Reinickendorf will sich auf jeden Fall an dem Protest beteiligen. Allerdings hat er auch keine Sanktionen zu befürchten, da er in dieser Zeit nicht unterrichten muss. Er würde sich jedoch auch durch die Drohungen des Senats nicht schrecken lassen. "Vor 30 Jahren war unsere Schule noch die modernste ihrer Art in ganz Europa, heute ist es ein technisches Museum", sagt Hidden. Die Zukunft sei unsicher. "Die Hälfte des Kollegiums geht in den nächsten drei Jahren in den Ruhestand, und Berufsschullehrer für Maschinenbau sind im gesamten deutschsprachigen Raum nicht zu finden", sagt Hidden. Schließlich würden sie in der Wirtschaft viel besser bezahlt.

"Unser Protest richtet sich nicht allein gegen den rot-roten Senat", sagt Günter Peiritsch vom Landeselternausschuss. Die Schulen seien über Jahrzehnte heruntergewirtschaftet worden. Trotz Konjunktur- und Landesprogramm gebe es noch einen Sanierungsstau von 800 Millionen Euro. Die Demonstration solle bundesweit ein Signal für mehr Bildungsausgaben setzen, denn am 9. Juni tagen die Ministerpräsidenten der Länder in Berlin.

Grünen-Fraktionschefin Ramona Pop äußerte Verständnis für die Bildungsproteste. Der rot-rote Senat habe mit seiner Politik das Vertrauen von Eltern, Lehrern und Schülern verspielt, sagte sie. Rot-Rot fehle die Dialogbereitschaft.

Die Sprecherin der Bildungsverwaltung, Beate Stoffers, verwies hingegen auf die "umfangreichen Anstrengungen des Senats". Allein seit 2006 sei eine Milliarde Euro in Schulbauten geflossen. Bei den Ausgaben für Schüler belege die Hauptstadt mit 6600 Euro pro Kopf und Jahr einen "Spitzenplatz". Forderungen der Organisatoren und der GEW nach Senkung der Pflichtstundenzahl für Lehrer von 26 auf 22 sowie nach 2500 neuen Lehrkräften seien jedoch "nicht finanzierbar", sagte Stoffers. Die Protestaktion wird nicht die letzte sein. Ein Sternmarsch am 10. September, kurz vor der Abgeordnetenhauswahl, ist bereits geplant. Diesmal an einem unterrichtsfreien Sonnabend, damit sich alle beteiligen können. Der Schülervertreter Florian Bensdorf von der Initiative "Bildungsblockaden einreißen" warnt sogar vor Jugendprotesten wie in Spanien, wenn die Politik nicht auf die Forderungen der Schüler und Studenten eingehe.