Gemeinschaftsgärten

Wo Halbmond und Bratwurst aufeinandertreffen

Der Versuch mit den Okraschoten ist gründlich fehlgeschlagen. Es hat einfach zu viel geregnet im vergangenen Sommer. "Ganz schnell waren alle Stauden hin", erinnert sich Brigitte Kanacher-Ataya. Die gelernte Gärtnerin hatte das Experiment Paterne Olendes mit den botanischen Migranten aufmerksam verfolgt.

Und das nicht nur, weil sich der Einwanderer aus Gabun und seine Frau Carmen eine Parzelle mit ihr teilen. Auch die Exoten auf dem Beet von Vy Nguyen, darunter ein vietnamesisches Kraut, für das es im Deutschen nicht einmal einen Namen gibt, beobachten Kanacher-Ataya und die anderen Gartenmitglieder interessiert.

Natürlich ist Neugier auf das Fremde hier quasi die Eintrittskarte. Schließlich ist der Wuhlegarten in Köpenick ein sogenannter "interkultureller Garten". Insgesamt 22 dieser Gemeinschaftsgärten gibt es mittlerweile in neun Berliner Bezirken. Damit liegt etwa jedes fünfte der deutschlandweit 113 grünenden Integrationsprojekte in der Hauptstadt. Und es sollen noch mehr werden. Elf weitere sind in Planung. Der Wuhlegarten, so wird gern erzählt, war möglicherweise der erste interkulturelle Garten in Berlin. Obwohl es um dieses Prädikat Uneinigkeit gibt zwischen den Köpenickern, die seit acht Jahren direkt an der Wuhle ackern, und dem Garten Perivoli in Britz.

Tischrunden mit der Gartenmutter

"Tatsächlich ist das ja völlig egal", sagt die gebürtige Griechin Niki Reister und winkt mit einer energischen Handbewegung ab. Alles an dieser kräftigen kleinen Frau ist auf konziliante Art energisch. So muss sie 2002 auch die Gründung des Perivoli durch Senioren des griechischen Frauen- und Familienzentrums To Spiti begleitet haben. Zwei Jahre später, "als die Griechen im Sommer in die Heimat zurückfuhren und hier tote Hose war, haben wir gesagt, jetzt öffnen wir uns für alle Nationalitäten". Eine Entscheidung, die dem Garten viele neue Impulse gebracht hat.

Jedes Wochenende veranstalten die Gartenfreunde ihre Tischrunden. Irgendjemand hat schnell noch Tischdecken ausgebreitet. Nicoletta Skrimizer, die es vom Peloponnes nach Berlin verschlug, hatte das angemahnt, und es klang ein bisschen, als würde sie unachtsame Kinder tadeln. Niki Reister streicht der 73-Jährigen ganz leicht über den Arm: "Das ist unsere Gartenmutter", sagt sie lachend.

Dann verteilt sie ihr gebackenes Gemüse auf die Teller. Butter mit Kräutern von Pigi Mourmouris Beet, frisch gepflückter Rucola von Petra Lüdeke-Valdivia, die heute ohne ihren peruanischen Mann gekommen ist. Kuchen, den Christine Kullack beisteuert. Haydar Kantar, türkischer Alevit, kommt selbst kaum dazu, seinen eigenen Weißkäse zu genießen. Immer wieder springt er auf und läuft zum Lehmbackofen, den die Gartengemeinschaft vor sechs Jahren gebaut hat und in dem sich jetzt die Düfte verschiedenster Schwarz- und Weißbrotlaibe mischen.

"Am Schnittpunkt von Natur, Kultur und Sozialem", so heißt es etwas ungelenk in der offiziellen Darstellung der Interkulturellen Gärten bei der Stiftung Interkultur, "wird die Migrationsgesellschaft in jeder Gartensaison neu erfunden". Nicht immer klappt das reibungslos. So kritisierten palästinensische Araber im Perivoli vor Jahren den Alkoholgenuss der anderen, hatten außerdem Vorbehalte gegen den Grill, auf dem auch Schweinefleisch lag. Dafür ärgerten sich die Gartenfreunde, als die Moslems zum Gebet das Gemeinschaftshaus blockierten. Der Bitte, ihre Parzelle abzugeben, kam die Familie dann aber zuvor. "Es geht nicht nur um die Pflege des eigenen Beetes, sondern um die Gemeinschaft", sagt Pigi Mourmouri, Perivoli-Mitglied der ersten Stunde.

Wer bleibt, der trägt diesen Gedanken mit. In der Türkei, erinnert sich Haydar Kantar, habe er als Schüler gelernt, dass Griechen die Feinde der Türken seien. Im Garten, als es einmal um die Herkunft ging, stellte sich heraus, dass der Name von Kantars Heimatdorf frei übersetzt tatsächlich so viel heißt wie "viele Griechen". Und Niki Reister hat festgestellt, dass sie gar nicht wenige türkische Schimpfworte kennt, während eine türkische Gartenfreundin umgekehrt griechisch fluchen kann. "Diese Worte haben unsere Großeltern benutzt, wenn sie sich gestritten haben, damit wir Kinder das nicht verstehen konnten."

Im Wuhlegarten ist die nationale Vielfalt noch größer als im Neuköllner Projekt. Und das, obwohl die Ausländerquote im Bezirk offiziell bei drei Prozent liegt. Nicht gerechnet Spätaussiedler, die vor Jahren viele Gartenmitglieder stellten. Gerade erst hat Brigitte Kanacher-Ataya, die so etwas wie die gute Seele des Projektes ist, eine Kündigung der russisch-armenischen Familie von Parzelle 18 erhalten: Zeitprobleme, zu viel Arbeit. Elf Nationen von vier Kontinenten beackern nun die Beete, die nur durch abgrenzende Steinreihen als private Schollen erkennbar sind. Zäune sind verpönt. Die größte Fläche in interkulturellen Gärten wird ohnehin gemeinsam genutzt und gepflegt. Wiesen zum Spielen, Obstbäume, von denen jeder erntet. Den Kräutergarten formte Kanacher-Ataya, zum Islam konvertierte Christin, als verschlungene Form von christlichem Kreuz, islamischem Halbmond und einem hebräischen Zeichen.

Das Gärtnern, sagt Anna Wunderlich, geschehe eigentlich "eher nebenbei". Seit vier Wochen gehört die Familie zum Wuhlegarten. Tochter Klara und Sohn Jakob finden hier selbst unter der Woche oft Spielkameraden. Jetzt, am Sonntagnachmittag, wenn richtig viel los ist, schaffen es Mons und Malin Ahlner kaum, ihre Setzlinge in die Erde zu bringen.

Plaudern und gärtnern

Immer wieder wird das Paar aus Schweden in Gespräche verwickelt. Wer es nicht weiß, würde kaum vermuten, dass sie als neuester Zuwachs gerade erst dazugestoßen sind. "Perfekt" sei das gewesen, erklärt Malin Ahlner in noch etwas bemühtem Deutsch. Seit September leben sie in Berlin, Kontakt zu anderen Deutschen gebe es kaum. "Das hier ist sehr gut, um in die Gesellschaft hineinzukommen."

Auf den monatlichen Gartenversammlungen werden die Ahlners auch die andere Seite des Gemeinschaftslebens kennenlernen, die Pflichten und Regeln, die das Miteinander steuern sollen. Dann nämlich will sie die Gruppe eine verbindliche Gartenordnung geben, an die jeder sich halten soll.

Weil eben nicht alle Geräte immer ordentlich zurückgestellt werden. Weil der Stromverbrauch geregelt und gemeinsam bezahlt werden muss und Hunde an der Leine gehalten werden sollen. Es geht also um Probleme, die sich lösen lassen, den guten Willen bringen die interkulturellen Gartenfreunde schließlich mit. Genau so werden sie auch Interessenten für die fünf noch freien Parzellen finden, da sind sie sich sicher. Aus Köpenick sollten sie sein, schließlich versteht sich der Wuhlegarten auch als Nachbarschaftsprojekt. "Und vor allem", sagt Brigitte Kanacher-Ataya, "freuen wir uns über einen Migrationshintergrund".