Herzzentrum

"Alle sechs Wochen hole ich hier meinen TÜV ab"

Als Baby lief ihr Gesicht plötzlich blau an. Bei jeder noch so kleinen Anstrengung bekam Yvonne Chlebosch zu wenig Sauerstoff. Die Ärzte diagnostizierten einen angeborenen Herzfehler. Sie litt unter einer Fehlbildung der großen Arterien. Die Aorta war mit dem rechten und die Lungenarterie mit der linken Hauptkammer des Herzens verbunden. Die Folge: Das sauerstoffreiche Blut floss raus und das sauerstoffarme rein.

Ärzte machten den Eltern wenig Hoffnung: Das Kind litt unter einer schweren Fehlbildung, die ohne Operation wenig Aussicht auf ein langes Leben gab. Damals war die Forschung noch nicht so weit, dass Eingriffe bei Neugeborenen vorgenommen werden konnten. Als sie mit drei Jahren erstmals operiert wurde, gab man ihr eine 50-prozentige Überlebenschance.

68 000 offene Herzoperationen

Mitte der 90er-Jahre wandte sich Yvonne Chlebosch ans Deutsche Herzzentrum Berlin (DHZB), Europas größte Hochleistungsklinik begleitete die Berlinerin fast ihr ganzes Leben. Dass sie heute so vital und lebensfroh ist, hat sie auch den DHZB-Spezialisten zu verdanken. Sie nahmen zahlreiche weitere Eingriffe an ihrem Herzen vor. Erneuerten die Herzklappe, legten Katheter, tauschten Batterien aus. "Alle sechs Wochen hole ich mir hier meinen TÜV ab", sagt Chlebosch. Sie sagt, dass sie am DHZB in besten Händen ist. Das beruhigt sie, wenn das Herz wieder aus dem Takt gerät, die Batterie des Schrittmachers mal wieder ausgetauscht werden muss. Oder als sie vor vier Jahren plötzlich schwanger wurde.

Yvonne Chlebosch ist eine von mehreren Zehntausend Patienten, die am DHZB operiert wurden. Seit einem viertel Jahrhundert arbeiten weltweit Ärzte an der Hochleistungsklinik in Berlin-Mitte. Spezialisten für Thorax, Herz- und Gefäßerkrankungen. Europas größtes Herzzentrum kann zum Jubiläum eine erstaunliche Bilanz vorweisen: Rund 68 000 Operationen wurden bereits am offenen Herzen durchgeführt. Über 1700 Kunstherzen wurden verpflanzt. Dank vieler Hundert Spender konnten über 2200 Herzen und Lungen transplantiert werden.

Dabei war die Gründung einer Hochleistungsklinik für Herzchirurgie in Berlin höchst umstritten. Im Frühjahr 1986 wagte der Berliner Chirurg Emil Bücherl am Charlottenburger Klinikum Westend die erste Kunstherztransplantation in Deutschland. Eine Pionierleistung, die eine heftige Diskussion über Ethik und Moral der Apparatemedizin auslöst. Zeitgleich wurde das DHZB gebaut. Eine über 80 Millionen Mark teure Einrichtung für Thorax, Herz- und Gefäßerkrankungen. Es war umstritten, ob Berlin das wirklich braucht. Blücherls Klinikum im Westend bot bereits eine gute Versorgung für rund zwei Millionen Einwohner der Noch-Inselstadt. Kritiker waren damals der Ansicht, dass diese Kapazitäten für West-Berlin völlig ausreichen würden. Zudem musste das DHZB viele seiner Patienten auf teurem Luftweg nach Berlin einfliegen lassen.

Drei Jahre nach der Eröffnung ändert sich die Lage mit dem Fall der Mauer grundlegend. Patienten aus den neuen Bundesländern, die in der DDR unter einer vergleichsweise schlechten Versorgung litten, kamen ans DHZB: In den folgenden Jahren avancieren die Mediziner für Tausende Herzkranke aus aller Welt zur letzten Hoffnung. Die meisten, darunter auch Russlands Ex-Präsident Boris Jelzin, kommen aus den ehemaligen Ostblockstaaten. Anders als Ende der 70er-Jahre werden am DHZB heute Eingriffe an Säuglingen vorgenommen, die nur wenige Hundert Gramm wiegen. Zu verdanken ist das Roland Hetzer, dem Ärztlichen Direktor. 1987 ließ er eine Spezialabteilung für Menschen mit angeborenen Herzfehlern bauen und erweiterte die Kinder-Herzchirurgie.

Selbst Babys werden operiert

Patienten mit kleinsten Körpern, so wusste er, brauchen ganz besondere Voraussetzungen, um solche Eingriffe zu überleben. Hier gab es immensen Forschungsbedarf, deshalb richtete Hetzer die erste Akademie für Kardiotechnik auf dem europäischen Kontinent ein. Denn Kleinstkunstherzen gibt es bis dato ebenso wenig wie eine geregelte Ausbildung zur Bedienung komplizierter Apparate wie etwa der Herz-Lungen-Maschine.

"Auch wir lernen jeden Tag dazu", sagt Roland Hetzer. Früher, erzählt er, hätten Betroffene keine lange Lebensdauer gehabt, nun würden sie plötzlich ein fast normales Leben führen. Da sie regelmäßig vom DHZB betreut würden, ergebe sich ein völlig neuer Erfahrungsschatz, der der Forschung zugutekäme. Das gilt zum Beispiel für Frauen mit angeborenem Herzfehler, die plötzlich Kinder bekommen möchten. Yvonne Chlebosch war 20 Jahre alt, als sie das erste Mal den Babywunsch äußerte. Zunächst blieben die Ärzte skeptisch, weil wieder Operationen bevorstanden. 2007 war es dann so weit, Alexander war auf dem Weg. Die siebte Schwangerschaftswoche werden Yvonne Chlebosch und auch Roland Hetzer nicht vergessen. Die Berlinerin kam in die Klinik, ihr Herz "rumpelte" wieder, sie hatte einen Puls von 240, wusste jedoch, dass sie in guten Händen war. Sie drückt ihren Sohn Alexander, er wird diesen Sommer vier Jahre alt. Sein Herz schlägt normal.