Bar jeder Vernunft

Ein perfektes Duo entdeckt seine Liebe zum Witz

Falls man noch einen Beweis sucht, dass die Deutschen keinen Humor haben, braucht man ihnen nur zu lauschen, wenn sie damit anfangen, über Humor zu reden. Nur in einer gutgemeinten deutschen Talkshow, die sich mit dem "Phänomen Comedians" beschäftigt, könnte man zum Beispiel mit dem Satz beginnen: "Humor ist eine ernsthafte Sache." Das stimmt sogar, so wie auch der Satz stimmt: "Geschlechtsverkehr ist ein sehr interessanter biologischer Vorgang."

Wer über deutschen Humor redet, hat nichts zu lachen. Dachten wir. So war es eine echte Überraschung, als der Literaturkritiker Hellmuth Karasek und der Comedian Eckart von Hirschhausen (ein amtierender und ein ehemaliger Morgenpost-Kolumnist) am Montagabend zwei Stunden lang auf der Bühne in der Bar jeder Vernunft "die fast vergessene Kunst des Witzeerzählens" diskutierten und nicht ein einziges Mal auf diesen Satz zurückgriffen.

Stattdessen erzählten sie - man höre und staune - Witze. Und zwar am laufenden Band. Blondinenwitze, Papageienwitze, Blindenwitze, Stottererwitze, Diktatorenwitze, Kommunismus- und Faschismuswitze, Holocaustwitze, Sexwitze, Frauenwitze, Männerwitze, Elefantenwitze, Koch- und Kellnerwitze, Schwiegermutterwitze, Fremdgehwitze, Peniswitze, Impotenzwitze, Arztwitze, Psychologenwitze, Irrenwitze, jüdische Witze - und ein einsamer Neutronenwitz (Neutron will ins Restaurant, wird zurück gewiesen: "Heute nur geladene Gäste" ... naja, er ist ein kleines bisschen lustiger, wenn Hirschhausen ihn erzählt).

Es gab sogar ein Witz übers Witzeerzählen: Ein junger Mann setzt sich in einen Zugabteil zu zwei alten Herren, die sich auf sehr seltsamer Weise angeregt unterhalten. Ihr Gespräch besteht nur aus Zahlen: "42", sagt der eine. Der andere lacht und erwidert: "5!". "Haha!" lacht der erste und setzt hinzu: "63!". Das geht eine Weile, bis der neu eingestiegene fragen muss: "Was machen Sie da?" Da erklärt einer der Alten: "Wir kennen uns seit der Kindheit und erzählen uns seit der Kindheit Witze, und irgendwann fiel uns auf, dass wir alle Witze kennen. Also haben wie sie nummeriert und jetzt brauchen wir uns nur die Zahl zu nennen."

Der junge Mann hörte noch eine Weile zu, bis er endlich den Mut hatte, auch mitzumischen. "23!" ruft er bei der nächsten Pause in die Runde. Totenstille. Niemand lacht. Da fragt der junge Mann irritiert: "Was ist? War der Witz nicht gut?""Gut war er schon", sagte einer der Alten. "Aber man muss wissen, ihn zu erzählen."

Vermutlich kannten einige im Publikum schon einige der Witze, trotzdem haben sie gelacht. Jeder erinnert sich an den Onkel Herbert, der zwanghaft auf Hochzeiten aufsteht und schlüpfrige Witze zum Besten gibt und nur noch peinlich ist. Aber wenn zwei begnadete Erzähler, die auch noch etwas über die Psychologie und die Geschichte des Witzes erzählen können, gut gelaunt einen Schenkelklopfer nach dem anderen loslassen, muss man einfach lachen - und zwar durchgehend. Der durchschnittliche Comedian würde seinen rechten Arm für ein solches Publikum hergeben.

Sie sind ein perfektes Duo, wie sie da am Tisch auf dem Podium saßen: Karasek stammt aus der eher witzfreien Literaturkritikzone, bemüht sich aber, seine ganze Karriere über ein breites Publikum zu finden, und das nicht ohne Erfolg. Hirschhausen kommt aus der oft gescholtenen Comedy-Ecke, spickt aber seine Unterhaltung gern mit ungewöhnlicher Information. Sie treffen sich in der Mitte, da wo sie, an einem gemeinsamen Abend auf Sylt, eine gemeinsame Liebe entdeckten: die aufrichtige Liebe zum Witz.

Während bei Karasek der Literaturpapst immer wieder mal durchschimmerte (er brachte es sogar fertig, Witze von Homer, Lessing, Musil und aus dem "Simpliccissimus" in die Runde zu streuen, ohne dass sie bildungsbeflissen erschienen), war Hirschhausen der geborene Entertainer. Um sich für die stickige Luft im Zelt der Bar Jeder Vernunft zu entschuldigen, sagte er lediglich: "Sie können den Oberkörper freimachen, ich bin Arzt - ich habe schon viel Elend gesehen".

Die lärmige Klimaanlage wurde abgestellt, damit sie nicht die Aufnahme einer CD stört, die für einen guten Zweck produziert wird, nämlich von Hirschhausens Stiftung für Clowns in Krankenhäusern namens "Humor hilft heilen". Es wird eine CD mit leicht politisch unkorrekten Anstrich, denn die beiden furchtlosen Witzeliebhaber schraken vor nichts zurück. Kein Kalauer war den Herren zu billig, kein Altherrenwitz zu schlüpfrig, kein schlechter Witz zu schlecht.

Abgesehen von der Stiftung lag den beiden etwas anderes am Herzen: Den Witz vor dem Verschwinden zu bewahren. Denn es stimmt, was Karasek zu Anfang sagte: Der Witz ist aus der Mode gekommen, womöglich vom Aussterben bedroht. Selbst Comedians auf der Bühne heute erzählen keine Witze mit Anfang, Mitte und Pointe, sie erzählen Ansichten und Erfahrungen und machen dazu ihre Pointen. Der traditionelle Witz dagegen ist eine kleine Geschichte für sich:

"Auf einer Dienstreise nach Kanada fährt der Papst raus in die Weite der Prärie", erzählte Karasek. "Er ist so begeistert von der Endlosigkeit des Highways, dass er selber fahren will und mit seinem Chauffeur den Platz tauscht. Er gibt Gas und schon bald wird er von einem Streifenpolizist angehalten. Nach einem kurzen Wortwechsel ruft der Polizist im Präsidium an und sagt: 'Chef, ich habe da ein echtes Problem. Ich muss eigentlich jemanden einen Strafzettel geben, aber ich glaube, er ist wichtig. '

'Wichtiger als ich? ' sagt sein Dienstchef.

'Ja.'

'Wichtiger als der Bürgermeister?'

'Ja.'

'Wer ist denn dieser Typ überhaupt? '

'Ich weiß es nicht, Chef, aber der Papst ist sein Chauffeur'."

Doch den Abend als nostalgisches "Witzrevue" zu beschreiben, würde ihm nicht gerecht werden. Ohne in geschwollenes Gelaber zu verfallen oder sich irgendwie dafür zu rechtfertigen, schafften es Karasek und Hirschhausen, Witze als erzählte Literatur ernst zu nehmen. Ein Kunststück, das sich nicht jeder Literaturkritiker traut. "Witze sind dazu da, dass wir wissen, was die Realität ist", sagte Karasek. Romanautoren brauchen Hunderte von Seiten, um ihrem Publikum dies klarzumachen. Ein Witz schafft das kurz und schmerzlos: Ein Porschefahrer parkt auf dem Behindertenparkplatz. Eine Politesse sieht ihn und fragt: "Wie sind Sie denn behindert?" Der Porschefahrer erwidert, "Tourette, du Schlampe".

Auch Hirschhausen hatte Recht, wenn er sagte: "Witze geben uns einen Funken Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat." Ein Beispiel? Zwei jüdische Migranten treffen sich 1933 in New York. Der eine sagt, "Mensch, warum hast du denn ein Foto von Adolf Hitler in deiner Wohnstube hängen?" Der andere: "Hilft gegen Heimweh."

"Kein Kalauer war den Herren zu billig, kein Altherrenwitz zu schlüpfrig, kein schlechter Witz zu schlecht"