Mit dem Rad rund um Berlin

Der diskrete Charme der Nostalgie

Heute: Chorin und Brodowin - Der 16 Kilometer lange Rundkurs führt zum Zisterzienserkloster und zu einem Ökodorf - Serie, Teil 18

Lautes Hupen durchbricht die Stille, dann biegt ein altes Feuerwehrfahrzeug um die Ecke. Weiß und leuchtendes Rot die Farben, irgendwo zwischen Oldtimer und Trabi das Design. Wir machen brav Platz, wenige Sekunden später ist das Gefährt wieder verschwunden. Direkt über uns, auf einem hohen Mast, thront ein Storchennest. Die beiden Bewohner ordnen ausgiebig mit den Schnäbeln ihr schwarz-weißes Gefieder. In Brodowin hat man den Eindruck, in ein altes Bilderbuch gestiegen zu sein. Viel Ländliches, auch Nostalgisches, hat diese Tour durch Dorf und Wald zu bieten. Und geschichtsträchtig ist sie auch noch. Der Rundkurs führt vom Dorf Chorin zum mittelalterlichen Zisterzienserkloster, weiter durch den Wald des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin ins Ökodorf Brodowin. Dort können wir frische Milch, Käse und Gemüse in Bio-Qualität direkt im Hofladen kaufen.

Vom Bahnhof Chorin-Kloster fahren wir durch den schönen Ort Chorin, der etwas schläfrig in der Mittagssonne liegt. In der Mitte des Dorfes steht, typisch für die Orte Brandenburgs, die Kirche mit ihrem Turm aus roten Ziegeln, daneben das Gebäude der freiwilligen Feuerwehr. Das Kloster Chorin erreichen wir, vom Amtssee kommend, nach knapp drei Kilometern Fahrt. Imposant ragen die roten Backsteinmauern der alten Zisterzienseransiedlung in den blauen Himmel. Vor der Westseite des Klosters sanft abfallende grüne Wiesen, im Vordergrund liegt die Ruine der alten Mühle, nur noch die Grundmauern sind zu sehen.

Schweine im Kirchenschiff

Wir fahren an der Klostermauer entlang, am Eingang zum Kloster begrüßt uns Margitta Kasch von der Verwaltung. "Das Kloster wurde Mitte des 16. Jahrhunderts säkularisiert, geschlossen und war dann bis ins 19. Jahrhundert dem Verfall ausgesetzt", erzählt sie beim Rundgang durch die Kreuzgänge der mehr als 700 Jahre alten Klosterruine.

Erst der große Architekt Karl Friedrich Schinkel hat auf einer seiner Dienstreisen als Geheimer Oberbauassessor der Berliner Oberbaudeputation die Schönheit des frühgotischen Bauwerks erkannt. "Bei der Seltenheit solcher Denkmähler in dieser Provinz wird die Erhaltung eines solchen zur Pflicht", schrieb Schinkel 1816 an das Finanzministerium. Dieses ordnete den Erhalt des Bauwerks an. "Damals wurden hier Schweine gehalten und trampelten im Mittelschiff herum", sagt Margitta Kasch. Heute findet dort jeden Sommer der Choriner Musiksommer mit vielen Klassikkonzerten statt. "Die meisten Besucher kommen aus Berlin", betont Kasch. Das südliche Mittelschiff fehlt, sodass auch der Klosterhof bestuhlt und als Open-Air-Konzertgelände genutzt werden kann. In diesem Jahr dauert die Konzertsaison, es ist schon die 48., vom 4. Juni bis Ende August ( www.musiksommer-chorin.de ).

Eine weiße Hochzeitskutsche kommt in den Klosterhof gefahren, die Braut trägt - ganz klassisch - ein langes weißes Kleid. Warum sie an diesem Ort heiraten? "Das Kloster steht für Beständigkeit. Es hat gute und schlechte Zeiten überdauert. So wünschen wir uns unsere Ehe", sagt Bräutigam Hilmar Laube. Im Kloster Chorin können Paare übrigens standesamtlich und kirchlich, in der Klosterkapelle, den Bund fürs Leben eingehen. Wir besichtigen noch die Ausstellung "Medizin trifft Geschichte" in den Räumen des Klosters, schnuppern an Säckchen mit Heilkräutern wie Kerbel, Liebstöckel, Salbei, Minze und Rose, wie sie die vegetarisch lebenden Zisterziensermönche im Klostergarten angebaut haben. Dann schieben wir unsere Räder ein Stückchen die Straße hinunter zur "Alten Klosterschänke".

In der 250 Jahre alten Scheune mit gemütlichen Holzstühlen werden Spezialitäten aus der Region angeboten. Die Gaststube ist hoch und wunderschön mit Fachwerk versehen. Aber an so einem sonnigen Tag geben wir der Terrasse direkt am schilfbewachsenen Ufer des Amtssees den Vorzug. Die Kellnerin empfiehlt uns Pellkartoffeln mit Kräuterquark aus dem Ökodorf Brodowin oder Sülze vom Karpfen aus der Angermünder Seefischerei. Wir probieren beides und sind zufrieden.

Über altes Kopfsteinpflaster fahren wir etwa fünf Kilometer durch den Wald nach Brodowin. Der Wald ist licht und still, Fichten und Birken wechseln sich ab. Dazwischen leuchten sternförmige, zart-weiße Blüten. Immer wieder sehen wir links und rechts des Weges kleine Tümpel mit dunklem, moorigem Wasser. Auf einem Schild lesen wir, dass hier seltene Tiere und Pflanzen leben und wachsen, wie die kleine Moosjungfer und das schmalblättrige Wollgras. Wir befinden uns mitten im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Dann wird der Wald lichter, und vor uns tut sich eine Ebene auf. Entlang des Weges stehen von Wetter und Zeit zerklüftete alte Weiden.

Brodowin ist wunderhübsch, auch hier stehen auf dem Anger die Kirche aus Feld- und Ziegelstein und das Haus der freiwilligen Feuerwehr. Ein kurzes Stück weiter erreichen wir das Ökodorf Brodowin. Der Neubau der Meierei hat eine Glasfassade, so können wir zuschauen, wie Molkereiprodukte hergestellt werden. "Die Kunden schätzen es, dass sie hier sehen können, woher die Produkte stammen", sagt Kerstin Gareis, Verkäuferin im Hofladen des Ökodorfs. "Die Kühe stehen direkt nebenan auf der Weide." Wir probieren ein Brötchen mit hofeigener Butter und Ziegenfrischkäse und kommen mit Marion und Kurt Hildebrand ins Gespräch. Das Ehepaar wohnt in Chorin und fährt oft zum Einkaufen her. "Da weiß man, dass nichts mit Dioxin verseucht ist", sagt Marion Hildebrand.

Weiter geht es am Weißen See entlang, auf einem Radweg parallel zur Landstraße, bis zum Ortsausgang von Brodowin. Dann verlassen wir die Straße und tauchen auf dem "Zisterzienser-Radweg" wieder ein in den Wald, der bald dunkler und dichter wird, wo uns die Sonne aber dennoch immer mal wieder ins Gesicht scheint. Das letzte Stück geht dann rund eineinhalb Kilometer über den Hüttenweg, den wir bereits vom Beginn der Tour kennen, zurück zum Bahnhof Chorin.

Schwierigkeitsgrad: mittel

Dauer: 4 Stunden

Reine Fahrzeit: knapp 2 Stunden

Für Kinder: ab 10 Jahren

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